Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 30 (16.9.1888)
- Date
- 1888-09-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Meine Chronik. . Wien. Der englische Thronfolger, Prinz von Wales, weilt seit einigen Tagen hier zu Gaste. Montag den 10. d. M. fuhr derselbe in Begleitung seiner Suite und der ihm zugetheilten Ehren- ׳cavaliere in das Palais Nathaniel Rothschild in der Alleegasse und besichtigte daselbst den. als Sehenswürdigkeit bekannten Garten des :kunstliebenden Barons.. ״ Mttdweis. Wie wir in voriger Nr. bereits gemeldet, wurde Montag den 3. d. M. vom k. k. Statthalrereirath und Bezirkshauptmann von Budweis, Herrn Franz Paris, die Schlußsteinlegung der vom Wiener Architekten Herrn Max Fleischer daselbst erbauten Synagoge vorgenommen. Der Tempel ist ein bauliches Unicum und bildet einen entschiedenen Fortschritt in der Geschichte des modernen Kirchenbaues. Im gothischen S-yl, aus rothem, geschlemmtem Backsteinmaterial hergestellt, erinnert er äußerlich an eine katholische Kirche. Die zwei mächtigen Thürme, die noch mit Uhren versehen werden ^sollen, sind weithin sichtbar und tragen an der Spitze ein goldenes Doppeldreieck, den Schild König David's. An der Hauptfacade befinden sich, in Karststein gehauen, die zehn Gebote in Goldschrist, und die mit Glasmalereien gezierten Zinnen haben alle Blechschutzgitter. Der Bau ist ganz freistehend und besitzt die denkbar praktischesten und modernsten Einrichtungen, wie Sonnenbrenner, die mit einem Luftreinigungs-Apparate in Verbindung stehen, sieben Eingänge, treffliche Akustik und äußerst zweckmäßige Sitze, bei denen die Betpulte nach oben geöffnet werden. Es gibt nur Eine Ocgelgalerie, wo zugleich der trefflich geschulte Damenchor fungirt. Die Frauen sitzen gleich den Männern im Parterre, dessen rückwärtige Hälfte für sie bestimmt ist. Der Fassungsraum ist vorläufig nur für 500 Personen berechnet, kann aber, wenn die durch Bronzeluster erleuchtcten Seitengänge mit Sitzplätzen versehen werden, im Bedarfsfälle auch vermehrt werden. Die Budweiser Commune hat den 1500 Quadratklafter umfassenden Bauplatz der jüdischen Gemeinde um den billigen, in fünf unverzinslichen Raten (jedes Jahr eine Rate) zu entrichtenden Kaufschilling /von 2500 fl. überlassen, und der ganze, eine Zierde für Budweis bildende Bau kostete nicht mehr als 75,000 fl. Der feierlichen Schlußsteinlegung wohnten nebst den Gemeindevorstehern viele Persönlichkeiten, unter Änderen Dr. Riha Ritter v. - Mühlenau, Obmann des Bezirks-Ausschusses, Schützen- Hauptmann Knapp, Major Maroschek, Frau v. Hardtmuth, die Vertreter des Kceisgerichtes, der Sparkasse, der Post, Feuerwehr k. bei. Arohokycz. Vorige Woche ereignete sich hier ein Vorfall, der in Gemeindekreisen eine gewisse, nicht unberechtigte Aufregung und Bewegung verursachte : Am Vorabende des jüdischen Neujahrslages erschien in dem Bethause eines hiesigen jüdischen Wohlthätig- Leits-Vereins eine Executions-Commission und tränsserirte aus demselben sieben Thora-Rollen, sämmtliche Bücher und alle gottesdienstlichen Geräthe. Anlasszu dieser Pfändung gab eine aus dem Jahre 1877 herrührende Rechtsgebühr, deren Giltigkeit aber von dem betreffenden Vereine bestritten wird. Der Act. war offenbar absichtlich am Vorabende des Neujahrstages vorgenommeu worden, und alle Bemühungen, denselben rückgängig zu machen, blieben vergeblich, -obwol die Vertreter der jüdischen Cultusgemeinde sich auf den § 1 der Executions-Novelle vom 10. Juni 1887 beriefen, der besagt, dass auf Gegenstände, welche zur Ausübung des Gottesdienstes ׳ einer gesetzlich anerkannten Kirche öder Religions-Genoffenschaft verwendet werden, die Exemtion nicht geführt werden könne. Da der Wohlthätlgkeits-Verein selbst sich aus Rechtsgründen zur Zahlung der von ihm bestrittenen Forderung nicht Herbeilaffen wollte, so de- :ponirten einzelne Mitglieder des Vereines den Betrag in Werthpa- Pieren, worauf noch am selben Abende die Auslieferung der transstritten Objecte erfolgte. «Luudenbnrg- 4. September. Die Einweihung des anlässlich -es vierzigjährigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers renovirten und neu ausgeschmückten hiesigen israelitischen Tempels fand heute Abends in Anwesenheit des Bezirkshaupt,mannes Herrn Karl Kand- -ler, des Bezirkscommiffärs Dr. Hloschsk aus Göding, des Bezirksrichters Anton Hoch, der Beamten des Steueramtes, der fürstlich ^Liechtenstein'schen Gutsverwaltung, ferner von Vertretern.der Stadtgemeinde Lundenburg und der Vereine statt. Die Uebergabe erfolgte durch den Obmann der israelittfchen Enltusgemeinde Lundenburg, Jnspector Adolph Schreiber. Rabbiner Dr. Groß hielt die Festrede. Den gesanglichen Theil der Feier, die mit der Absiugnng der Volkshymne ihren Abschluss fand, besorgte Cantor D. Kohn. Die Renovirung und innere Ausschmückung des Tempels geschah unter der Leitung des Wiener Architekten Max Fleischer. Stuttgart. Aus Pauline Lucca's Kindheit erzählt L. Ehrbach in der ״Musikalischen Jugendpost" unter der Ueberschrift ״Die erste Prüfung": Der Gegenstand der letzteren war ,die Erdbeschreibung, die keineswegs zu Paulinens starker Seite gehörte. Der Lehrer wählte Nord-Europa. ״Pauline Lucca", ertönte es, und schnell sprang sie auf, ״wie werden die Lappen eingttheilt?" Sie hatte keine blaffe Ahnung und starrte den Lehrer, blutroth werdend, verblüfft an, der nochmals fragte: ״Weißt du nicht, wie die Lappen eingetheilt werden?"׳ Sie wusste es nicht, wenn es ihr Leben galt, aber da flüsterte ihr ihre Nachbarin etwas zu, und triumphirend ries sie laut: ״In die Wischlappen und in die Waschlappen!^ Düsseldorf. Es dürste intereffiren, dass der Vater Heinrich Heine's ein strenggläubiger Mann war und in den jüdischen Wissenschäften wohlerfahren. In der hiesigen Synagoge befindet sich ein sogenanntes Einlegebuch, dessen hebräisches Titelblatt übersetzt also lautet: ״Verzeichnis der Spenden und der Versäumnisftrafen des Vereins der Psalmenbeter, welcher erneuert gegründet wurde am Einweihungstage der Synagoge zu Düffeldorf im Jahre 1792 durch die Vorsteher Simon Heine und seinen Genossen Mordechai be» Marc". Der gottesfürchtige Stifter einer religiösen Bruderschaft, schreibt das Jsr. Gemeindeblatt, ahnte damals noch nicht, dass ihm sieben Jahre später ein Sohn in Aussicht stand, der dem Glauben seiner Väter den Rücken kehren werde. Mom. Das alte Ghetto ist gänzlich verschwunden. Die bedeutende jüdische Gemeinde zu Rom, die zahlreichste in Italien, hat an Zahl sehr abgenommen, da viele Familien der hohen Miethe wegen, welche sie in Centrum der Stadt zu zahlen hatten, nach Trastavere verzogen sind. Im Innern der Stadt verbleiben nur 5 nahe beisammen liegende Synagogen für den italienischen, spanischen, portugiesischen und deutschen Ritus; aber auch diese sollen schon nach kurzer Zeit verschwinden. Man hofft, dass durch den Verkauf der verschiedenen Bauplätze, welche voraussichtlich eine Million Francs eintragen werden, und durch eine Subvention des Staates und der Stadt, welche sicher zu erwarten stehen, da beide uns sehr gewogen sind, eine Summe aufgebracht werden wird, die zum Bau eines großen, unserer Stadt würdigen Gotteshauses vollständig ausreichen wird. Die Anzahl der verschiedenen Riten dürfte alsdann auf einen reducirt werde», und zwar auf den italienischen Ritus, der auch für Turin eingeführt ist. Man sagt, dass diese Reform in Rom zwar einer großen Opposition begegnet wird; aber trotzdem wird sich ihre Durchführung mit der Zeit von selbst nothwendig erweisen und dann auch alle Hinderniße besiegen. — Unterhalb dieser Hauptstadt »Caput mundi« sind noch 2 oder 3 andere Städte. Aus dieser Ursache muß bei neuen Bauunternehmungen oft 70—80 Meter tief gegraben werden. Hierbei stoßen dann die Arbeiter nicht selten auf interessante archäologische Funde. So haben auch die Ausgrabungen au der Stelle des alten Ghetto zu einigen wichtigen Ecgebnißen geführt. Unter anderem wurden hier Bruchstücke von Fenstern zu Tage gefördert, wovon einige sehr gut erhalten sind und auf welchen man ganz deutlich einen Plan des jerusalemischen Tempels wiedererkennen kann. Sie sind nicht so fein und sauber ausgemrlt wie die vor kurzer Zeit in den Katakomben aufgefundenen, haben aber, wie schon bemerkt, ein bedeutendes archäologisches Interesse. Der Tempel ist auf denselben als auf einer Anhöhe stehend, dargeftellt, hat an der Vorderseite 4 Säulen, welche mit einem fieLenarmigen Leuchter geschmückt: sind. An beiden Seiten des Tempels erhebt sich je eine alleinstehende Säule und an der Front ist eine Halle, welche mit dem Ausgang in ein Gitter ausläuft. Treppen führen zu dem Tempel hinauf. Auf einem andern Fenster steht man einen Tisch, auf welchem ein siebenarmiger Leuchter steht, ferner einige andere heilige Geräthe und jüdische Embkemen. In einiger Entfernung vom Tempel sind 2 kleine Kuppeln von Palmbäumen umgeben. In diesen will ein gelehrter römischer Archaslog kleine Mausoleen wiedersinden. An dem Tempel selbst befinden sich 2 griechische Inschriften, wovon die eine in der Ueber- , setzung heißt: ״Haus des Frieden" . Fernere Ausschlüsse über diese