Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 30 (16.9.1888)
- Date
- 1888-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Methodik der Gesangskunst. xxxvm. Mit den Vokalen mussten wir zugleich auch deren Umlaute - und׳ die Diphthonge zusammen betrachten; denn dasselbe, was den Vokal vom Consonanten unterscheidet, das Fortströmen und Aushalten der tönend gewordenen Lust, findet auch bei den Umlauten und Doppellauten statt. Und das Wesen der Vokale oc. liegt - also' kurz darin, dass die verschiedenen Formen des Mundkanals, wodurch sie selbst entstehen, die Lust nie am Ausströmen hindern, ׳ sondern ihr immer den Weg zum Äusstießen offen laffen, so dass also die Vokale, Umlaute und Diphthonge forttönen. Freilich muß aber bei ihnen allen die Zunge noch ausgestreckt im Munde liegen; sie darf höchstens ihren Rücken erheben, .aber sich zurückziehen und krampfhaft zusammenballen darf sie nicht, sonst hemmt sie nicht blos die Tonbildung im Kehlkopf, sondern stört sogleich den richtigen Klang des. betreffenden Vokals, Umlautes oder Diphthonges, uuch im Sprechen, offenbart sich ein solcher Gaumenton sogleich schon am Klang׳ der Vokale; und der Lehrer sehe also mit Ernst -darauf, dass sogleich beim. Singen der verschiedenen Vokale, Umkaute und Doppellaute die Zungenspitze immer vorne die untere Zahnreihe berührt: zwischen der Zungenspitze und der unteren Zahureihe darf kein leerer Raum. sein. Zugleich dringe er daraus, dass der Klang der verschiedenen Vokale oc/ recht klar unterschieden werde; das a wird gar zu leicht ähnlich dem o, und das e gar - zu leicht ähnlich dem i. Um ein recht. Helles a singen zu lernen, spreche man ein Helles a.und halte dieses den -ganzen Ton über in ' jedem Momente gleich hell ausder Schüler denke stets daran, dass er, so, lange der Ton auch dauern mag, stets aufs Neue ein Helles a sprechenwolle besonders aber übe .er dies auch im p und pp, denn das piani88imo-Hell ist der weichste und schönste Klang jeder Stimme. Damit also das e nicht ähnlich werde dem i, singe der Schüler das e mit offenerem Munde, und unterscheide besonders sehr bestimmt das e, ö und ä- Schließlich aber gewöhne sich der Schüler daran, .die richtige. Helle oder dunkle Klangfarbe der verschiedenen Vokale, Umlaute und Doppellaute sich innerlich einzuprägen, so dass er den Klang derselben schon bestimmt im Kopfe.hat, ehe er noch den Ton singt; denn auch' hier begegnet uns wieder jene großartige Natureinrichtung,, vermöge welcher schon der innere Gedanke oder die innere Empfindung (wie man es auch nennen mag) eines Klanges. sogleich blitzschnell durch die Nerven auf die zu Hervorbringrng . des gedachten Klanges dienenden Muskeln wirkt; wie bei . der Tonbildung der Gedanke des Tons blitzschnell die Muskeln des Kehlkopfes irritirt, so bei der Sprachbildung der Gedanke des Klanges die Muskeln, des Ansatzrohrs. Auch die kleinsten unter ihnen gehorchen willig der' Seele, und sind ihr dienstbar.mit höchster Schnelligkeit und Kraft, wie wir dies besonders bei der Consonanten-Bildung und deren schnellem Wechsel noch werden bewundern müssen. ׳ Die Consonanten entstehen, wie wir bereits gesagt haben, dadurch, dass theils die Zunge, theils die Lippen durch ihre Stellung die Lllft am Ausstiömen für einem Augenblick hemmen. Dieser Stellungen der Zunge und der Lippen sind aber so viele möglich, dass daraus eine große Anzahl solcher schnell vorübergehender Lante entsteht. Ja es könnte sogar, wenn wir alle die dadurch ent׳ stehenden Consonanten einzeln betrachten, den Anschein haben, als hätten wir das Wesen der Conspnanten nicht richtig angegeben; denn es ist nur zu wahr nicht alle heben geradezu das Ausfließen f der Luft auf, sondern sogar die meisten können ebenfalls, so lange als der Athem reicht, ausgesprochen werden; z. B. m, n, ng, £ v, w, sch, s, ch, j, r, 1. Es handelt sich ja aber im Gesänge nicht Llos um das Ausfließen der Lust überhaupt, sondern der im Kehlkopf tönend gewordenen Lust; und weil (was Jeder an sich versuchen, kann) jeder Consonant den vorhergehenden Vokal, oder was dasselbe ist, den Ton abbricht, und bei noch länger ausfkießendem Äthem höchstens nur noch ein Summen hören lässt: darum bleibt es bei unserem Satze, dass nur die Vokale forttönen dürfen, d. h. gesungen «erden, die Consonanten aber schnell vorübergehen müssen, d. h. gesprochen werden: je länger jene ausgehalten werden können, desto großartiger, und je schneller diese wieder verschwinden und mit den Vokalen abwechseln können, desto deutlicher ist der Gesang. Ganz besonders zeigt sich dies sogleich bei der ersten Claffe von Consonanten, den nasalen. Dahin gehören m, n und ng. Die Lust geht hier immer durch Len offenen Nasenkanal, während die Mundhöhle ganz geschlossen ist, und zwar bei in durch die zusammengepressten Lippen, bei a durch die an den vorderen Theil des Gaumens sich antegende Zungenspitze, und bei ng durch den an den Hinteren Theil des Gaumens sich anlegenden Zungenrücken: durch diese dreifache Weise wird dem vorhergehenden Vokal die Resonanz der Mundhöhle entzogen, und der Ton hört sogleich mit dem Verschließen des rechten Ausweges für die Luft auf. Die Luft stießt, bei m, n und ng nur durch die Nase aus, und wenn nun das dadurch entstehende Geräusch nicht sogleich wieder abgebrochen wird, so ist auch schon im Sprechen ein widerwärtiges, tonloses, summendes Näseln die nothwendige Folge; und im Gesang vollends entstände dadurch ein dumpfes Nachbrummen, und ein Nasenanttang, der die mit jenen Consonanten verbundenen Vokale ihres reinen Klanges beraubte. Alle Silben, in welchen ein m, n, ng vorkommt, werden leicht näselnd, z. B. ״and, nach stand" rc.; hier gilt es besonders absichtlich den Vokal rein zu singen. Man singe z. B. das Wort ״mein"; ginge das ״m" nicht plötzlich wieder vorüber, so würde aus dem zu singenden a ein französisch an, und würde auch das ״n" am Schluffe nicht sogleich wieder verschwinden, so entstände ein thierisches Schnauben. Schon.im Sprechen ist das teste Mittel gegen den Nafenklang dieses, dass zu allen Vokalen die Mundöffnung möglichst weit genommen wird, also Sprechen mit möglichst offenem Munde und schnellem bestimmten Abschluß der Consonanten; und beim Gesang führt das lange Aushalten reiner Vokale, bei schneller Oeffnung und Schließung des Mundes, am sichersten zum Ziele. ' Wir könnten damit die nasalen Consonanten verlassen, wen» - uns nicht in unserer Praxis so oft ein großer Fehler in der Ausspräche des Consonanten ng begegnet wäre, den wir ganz verbannen möchten. Viele Unserer Schüler hatten nämlich die Gewohnheit^ das ng nicht als einen Consonanten zusammen, sondern das ״»* und das ״g" getrennt auszusprechen. Ohne auf einen weitere» sprachlichen Grund einzugehen, wird es schon genügen, wenn ich auf den durch diese fehlerhafte Aussprache entstehenden Unsinn kurz hinweise. Wenn eine junge Sängerin singt: ״Einen Enkel nenn' ich mein," statt ״Einen Engel," — welch' ein Sinn! ״Der Schwa» will im Sinken vergehn" statt: ״im Singen" — wie verkehrt! Freilich gibt es auch Worte, bei welchen die Buchstaben ng getrennt . ausgesprochen werden müssen, z. B. der Fluss Ganges in Vorderindien, dessen üppige Umgebung als der Ort des alttestamentliche» Paradieses vermuthet wird; und leider ist die Bildung mancher Unterrichtenden so klein, dass sie in Heines Lied ״fort nach den Fluren des Ganges" (als Genitiv des Wortes ״der Gang") singe»