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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-27 · Heft 28 (27.8.1888) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 28 (27.8.1888)
Date
1888-08-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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^mb' er fürchte nicht, dass sie in ihrem Glauben schwächer ׳.würden. — | das stehe übrigens ganz in der Hand des Höchsten,. ,ihm gebühre es nicht, in seinen Gedanken der Zukunft vorzugreifen. Wir kamen damit auf den günstigen Zustand der Juden zu sprechen. Es ergab sich hierbei, wie früher schon angedeutet, dass Pch bis vor nicht langer Zeit der den Kindern ertheilte Unterricht in der Hauptsache auf religiöse Fächer erstreckt habe, die Talmudschule allein ׳sei von nicht weniger als 2000 Schülern - gleichzeitig besucht -worden, in denen 13 Lehrer Unterricht ertheilen. Gegenwärlig seien mit bestem Erfolge Elementarschulen für. Knaben und Mädchen getrennt errichtet worden und erfreuten sich eines nach Hunderten zählenden Besuches, eine Kleinkinderschnle nach Fröbels Grundsätzen werde von über 200 Kindern besucht und eine von Baron -Hirsch gestiftete Handwerkerschule habe im letzten Jahre 27 Lehrlinge -bei Meistern untergebracht. Auch die Schule der katholischen Schwestern von St. Vincent de Paul, die sranco-bulgarische Privatschule und die englisch-protestantische Mädchenschule des Predigers Crosby erzögen israelitische Kinder, ohne Bekehrungsversnche zu machen. Ueber- Haupt sei die in der Türkei im allgemeinen herrschende Duldsamkeit -auf dem Gebiete des Glaubens in Salonichi besonders erfreulich entwickelt. Ich schaltete bei dieser Gelegenheit ein, dass ich verwundert gewesen sei, bei einem Besuche des angesehensten Israeliten von Salonichieines Großkaufmannes ersten Ranges mit Weltverbindungen, des Banquirs Allatini, dem griechischen Erzbischof zu begegnen. ״Ja", meinte mein Wirt, ״diese Art von Verkehr ist hier etwas ganz?Natürliches; bei dem Begräbniße meines Vorgängers waren nicht nur die höchsten Spitzen der Regierung, sondern auch die übrigen Glaubensbekenntniße zugegen; die Glocken der griechischen Haupt- Arche läuteten, und die ganze Stadt feierte". Sehr merkwürdig waren mir die Aufschlüsse über die Machtvollkommenheit des Großräbbinersl er ist nicht nur geistlicher, sondern auch weltlicher Oberrichter. Alle Tragen des geistlichen Rechts, insbesondere solche auf die Ehe und bas Verhältnis der Familienmitglieder zu einander, also auch auf das Erbe sich beziehende, gelangen selbverständlich vor sein Angesicht; über es fällt auch keinem Glaubensgenossen ein, in einer kaufmän- Nischen Frage sich an ein staatliches Gericht zu wenden. Wenn der Türke einen Juden zu verklagen hat, so geht er an den Großrabbiner und^ dieser spricht Recht in salomonischer Weise oder in der ursprünglichen Art des Sachs Pansa und — wie allgemein gerühmt wird — in durchaus vorurtheilsfreiem Sinne. Der Spruch gilt als endgiltig, weder Jude noch Türke denken an irgend eine Berufung. Durch diese Einrichtung werden Processe fast vollständig ver- Mieden. Für die Macht, mit welcher der Großrabbiner unter Umständen den Handel zu beeinstussen vermag, wurde mir folgende Geschichte erzählt. Ein russischer Händler hatte etliche Tausend Kisten Seifen -von Odessa aus dem Seewege nach Salonichi gebracht und schädigte -dort durch seine billigen Preise den Verdienst der Mischen Seifen- Macher. Diese wandten sich an ihren Oberhirten und. sie erzielten einen Erlass desselben, welcher den Juden verbot, die russische Seifen zu kaufen, da sie Schweinefett enthalte. Der. Ruffe, in Heller Verzweiflung, erwirkte ein Zeugnis des Odessaer Rabbiners, dahin?lautend, dass die Seife kein Schweinefett enthalte, aber das Verbot -blieb aufrecht, ״indem der russische Rabbiner nicht unbeeinflusst habe handeln dürfen". So wanderte die Seife wieder heimwärts oder mach anderen Märkten. Mit schwerer geistlicher Strafe ist der Wucher belegt, der auf diese Weise unter den Juden Sälonichis wenig vorkommt; dagegen -wird die Wohlthätigkeit durch Dankesworte in den Synagogen und Fürbitten geehrt. Wie überall unter de» Jude» ist sie auch hier i« Salonichi in reichem Maße entwickelt wes» auch vielleicht nicht in dem Umfange, auf welchen das Vorhandensein der vielen große« oder beträchtlichen Vermögen schließen taffen müsste. Thatsache ist, dass der arme Jude für den reiche» nicht besonders warm empfindet, besonders wenn dieser die altehrwürdige Tracht abkegt und mit der ״europäischen" vertauscht. Das jüngere Geschlecht unter den Besitzenden hat dies durchgängig gethan, urrd in der Hauptsache sehr zum Nachtheil der äußern Erscheinung. Habe« diese jungen Leute durch die Entwöhnung von körperlicher Arbeit schon den kräftigen Wuchs verloren, der für ihre schwer arbeitende Mehrheit so bezeichnend ist, so lässt die moderne Tracht die mangelhafte Haltung des Körpers, besonders der Beine sehr hervortrrteu. Seine, characteristischen, ihn von den nordöstlichen Glaubensgensffen unterscheidenden Merkmale der äußern Erscheinung sind dem Jude» von Salonichi in demselben Maße abhanden gekommen, als er versucht hat, an die Stelle der heimatlichen ״Bildung" — soweit von einer solchen die Rede sein kann — die ״Pariser" zu setzen, denn dies ist die maßgebende. Beim Anblick und Verkehr mit einzelnen dieser ״Pariser" musste ich an die beiden anderen denken, welche von ihrer Bildungsreise heimgekehrt, sich an einer vornehmen Tafel vor einer dargereichten Schüssel mit Salat befanden. ״Um Gotteswillen", stößt da der Aeltere den Bruder an, ״nimm doch de« Salat nicht mit den Fingern, das ist doch kein Spinat". Bei einem der vielen Effe» auf der neuen Weltstraße Hatteich den Vorzug solcher Pseudo-Pariser Nachbarschaft. Ich stellte mich in französischer Sprache dem Herrn vor und erhielt anstatt des erwarteten Namens ei» überraschendes »oui«, und als eine Schüssel großer Erdbeeren vor uns hingestellt wurde, «ahmmein Freund die einzelnen zwischen die Finger, drückte sie prüfend — wie es oft wohlerzogene Leute in den Gasthäusern mit den Semmeln zu thun pflegen^ — um dieselben, wenn er sie nicht weich genug befand, wieder zu den übrigen zu legen. Er war im höchsten Grade verwundert, dass keiner der Tischgenoffen Erdbeeren nehmen wollte. Anderseits muß ich hervorheben, dass etliche unter den ״Reuen" die Vorzüge patriarchalische» Wesens mit der verfeinerten Art und dm veränderten Anschauungen unserer Zeit in ausgezeichneter Weise zu vereinen verstanden haben. Wenn ich hier, gegen das Herkommen eine« Namen nenne, so geschieht es, weil die Familie Allatintz die ich meine, in Salonichi eine Ln alle Theile des öffentlichen Lebens derart eingreifende Rolle spielt, das eine Verschweigung des Namens übelangebrachte Ziererei wäre. Der Name dieser vielköpfige« Familie ertönt täglich und stündlich von jüdischen und christlichen Lippen. ״Wem gehört dieses Haus?" ״Allatini!" ״Wem gehört die Fabrik da drüben?״ ״Allatini!״ Wer steht an der Spitze der neuen Bank? ״Allatini!" ״Wer hat dieses Hospital, wer diese Schule errichtet?" ״Allatini und immer wieder Allatini", und antwortet man nicht mit dem einfachen Namen, so sägt man dafür: der Schwager oder der Schwiegervater oder Vetter von Allatini, wobei man claffische jüdis che Namen, wie Morpurgo, Benveuisti, Misrachi und Bajona z» hören bekommt. Selbst die zahlreichen in Salonichi ansäffigen Eonsuln steigen von ihrer stolzen und machtvollen Hohe herab und sprechen täglich einige Dutzend Mal das Zauberwort aus. Ich hatte mir, wenn ich mit einem meiner vielen freundlichen Führer durch die Straßen ging, das Fragen nach den Besitzern gewisser auffalleuder Grundstücke nach und nach abgewöhnt, kannte ich doch die Antwort im voraus, und wenn «net freiwillig anhob: ״Das Haus dort gehört —״ so unterbrach ich ihn: ״Ich weiß schon: Allatini", und ich behielt fast immer recht. Der Erzbischof und der Großrab- Liner, der Gouverneur und der Oberkommandirende fingen das Lob

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