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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-27 · Heft 28 (27.8.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 28 (27.8.1888)
Date
1888-08-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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anhaltenderen Ausstichen der Lust, ja noch viel hörbarer und widerwärtiger. Wie schon in der Sprache, so ist noch mehr im Gesänge der große Unterschied bemerkbar, welcher von Natur zwischen dem Wefen der Vokale und dem Wesen der Consoyanteu liegt. Denn — und dies ist leider in den Gesangschulen fast immer übersehen, so wichtig es auch ist — gesungen werden eigentlich nur die Vokale, die Consonanten aber können gar nicht gesungen werden. ״Vokal" heißt auf deutsch soviel als ״tonbar", nur a, e, i, o, u und ihre Umlaute und Zusammensetzungen sind ״tonbar", d. h. nur sie lassen sich mit der ausströmenden im Kehlkopf tönend gewordenen Luft ganz vereinigen, verbinden sich ganz mit dem Tone der Stimme; urü» mag nun die Luft ansströmen, so lange sie will, die Art der Resonanz im Mundkanal, durch welche jene Töne entstanden sind, bleibt ebensolange für die ausfließende Luft dieselbe, wenn man nur nicht absichtlich dm verschiedenen Theilen des Ansatzrohrs eine andere Stellung gibt. Die Consonanten dagegen sind nur vorübergehend ״miüautend" und beruhen wesentlich auf der Hemmung der ausströmenden Lust, sei diese nun durch eine ganz besondere Thatigkeit der Zunge oder der Lippen veranlasst. Nur die Vokale werden somit gesungen, weil'nur sie so lange sorttönen können, als man nur den Athem ausstieben lasten will: die Consonanten aber verschwindm immer sogleich nach ihrem Auftreten wieder, sobald die Lust, wie die Consonanten dies nöthwendig vercmlasten, am Ausstießen gehemmt ist. Jeder kann ein a, e, i, o, u solange forttönen lasten, als er will und sein Athem reicht; dagegen ein ui, n, f, w, s, sch, ch, r, 1, b, d; g, p, t, k gehen schnell vorüber und sind um so deutlicher, je kürzere Zeit sie einnehmen. Von den einzelnen Vokalen, mit ihren Umlautm und Zusam- Mensetzungen oder Doppellauten und von den einzelnen Consonanten rverdenwir noch emgehenderreden; vorerst leuchtÄ abier aus dem' bisher über das Wesen der Vokale und Consonanten Gesagten deutlich ein, dass diejenige Sprache für den Gesang die beste, schönste und leichteste sein wird, Ln deren Wörtern die Vokale das meiste Übergewicht über die Consonanten haben, und es hat in dieser BezjHung allerdings die italienische Sprache viel voraus vor der deutscheu, französischen und englischen Sprache, denn bei ihnen ׳häufen sich die Consonanten mehr, und die französische Sprache hat vollends durch ihre Nasenklänge etwas ebenso Hinderliches im Gesänge, wie die englische Sprache durch ihren Gaumendruck. Nächst der italienischen Sprache ist unter den genannten die deutsche die sangbarste, wenn ihre Vokale und Consonanten rein und bestimmt wie- Lergegeben werden, und wenn besonders auf die richtige Aussprache der Vokal-Zusammensetzungen (ai, au, ei, eu, Leu) und auf das schnelle Abschneiden gewisser Consonanten am Schluss die gehörige Aufmerksamkeit gerichtet wird. Dialektfrei muß aber natürlicherweise jede Sprache im Gesänge sein, der Dialekt ist nur bei Volksliedern berechtigt. Der Verfasser wird im Folgenden als Deutscher zunächst nur von seiner Muttersprache, der hochdeutschen Sprache, sprechen und muß es Männern anderer Nationen überlassen, in abweichenden Fällen über die möglichste Gangbarkeit der Sprache ihrer Nation!nachzudenken. — . « - (Forts, folgt.) Jüdische Gemeinde in Salonichi. (Schluß.) Es war nicht leicht, vor das Angesicht des Großrabbiners zu gelangen: der Bereitwilligkeit und Mewandhteit des Dragomans I bei dem deutschen und österreichischen Consulat, Signor Asteo — er ist selbst ein angesehenes Mitglied der Judengemeinde — gelang es indessen, die vorhandenen Schwierigkeiten zu beseitigen, und ich ward für die zehnte Vormittagsstunde des ersten jüdischen Pfingsttages zu ״Seiner Excellenz" beschieden. Signor Asteo und Dr. Lebovicz begleiteten mich als liebenswürdige Dolmetscher für das Spagnolische. Die Juden Salonichis bewohnen ein ״Judenviertel" ohne jedoch darauf angewiesen zu sein. Dorthin hatten wir unsere Schritte zu lenken, und bald ständen wir vor einem im Verhältniße zu seiner Umgebung ansehnlichen einstöckigen Eckhause, dessen gelber Kalkanstrich, blankgeputzte Fensterscheiben mit weißen Gardinen und gelegentlich etlichen Blumentöpfen dahinter den Eindruck des Freundlichen hervorriefen; eine hölzerne Stiege führte von außen in den ersten Stock, der an dieser Stelle gegen die Hauptfront um etliche Fuß zurücktritt. Es war das Haus Don Jacob H. Covos, der seit einem Jahre die Würde des Großrabbiners durch einstimmig erfolgte Wahl bekleidet und nach der Ansicht seiner heimischen Gläubensherde eigentlich der höchste Würdenträger unter den orientalischen Juden ist: ihnen steht ihr ״Chacham Baschi? höher als der von Constantinopel, gleich diesem wird er von der Pforte bestätigt, hat er das Recht, eine vielsagende Uniform zu tragen, ja,~ bezieht er sogar ein staatliches Gehalt, auf welches er indessen verzichtet, eine Handlung, die ihn in den Sympatien der Regierung nur gefestigt hat. ׳. Die Treppe brachte uns in einen weiten, lichten Vorsaal, in׳ welchen die übrigen Räume des Hauses mündeten; herabhängende Teppiche erschien die Thüren, an den Wänden standen Divans, ein einfacher Teppich bedeckte den Fußboden. Der Großrabbiner erwartete uns an der letzten Thür in der Tiefe' des Vorsaals; seine hohe .Gestalt, in die bereits geschilderte, aus edlen Stoffen gebildete Tracht ־, gehüllt, reichte fast zu dem Querpfosten der Thüröffung hinan:. die ganze Art, der Schnitt des Kopfes, das wohlwollend forschende Auge des etwa fünfundfünfzigjährigen Mannes gemahnten mich an Rembrandts ״Der Rabbiner" genanntes unsterbliches Bild. Er bot mir und meinen Begleitern die Hand, hieß uns willkommen und ersuchte - mich, neben ihm niederzusetzen auf einem der vielen Sophas der, wie es mir schien, ״guten Stube." Ihre Einrichtung mit altfränki- ,.scheu geschweiften Plüschmöbeln, in dem Stile, wie er bei uns vor 30 Jahren und mehr herrschend war, zwei großen Goldrahmenspiegeln mit Untersatz und weißen Tüllgardinen erweckte in mir die Erinnerung an eine heimatliche ״wohlthätige" , Provinzeinrichtung aus alter Zeit. Aber der Fußboden des großen Raumes war mit einem selbst für den Orient ungewöhnlich schonen und kostbaren Teppich bekleidet. Das Gespräch kam schnell in den Gang. Ich hatte im voraus auf eine ״Interview" mit Frage und Antwort verzichtet; ich wollte . vielmehr von meinen bereits empfangenen Eindrücken sprechen, Gegenbemerkungen vernehmen und aus diesen sowie aus Antworten aus meine eingehenden Fragen einebessere Anschauung dieses in seiner Art einzigen Gemeinwesens der Juden von Salonichi gewinnen. Ich hatte mir gleich eingangs hervorzuheben erlaubt, dass ich nicht die Absicht hätte, das Gehörte Wort für Wort drucken zu lassen, worauf jch die Antwort erhielt, er, mein Wirt,״ verstünde er auch nicht meine Sprache, wisse doch, dass die Kölnische Zeitung ein angesehenes und ehrenwertes Blatt sei, dem man vertrauen dürfe. Die bevorstehende ^Eröffnung der Eisenbahnanschlüsse gab zu der Erörterung Anlass, welchen Einfluss diese bedeutsame Thätsache auf die Entwicklung Salonichis und die Stellung - der Mehrzahl feiner Bewohner ausüben werde. Dabei meinte deren Oberhirt, es könne nur mit Freuden begrüßt werden, wenn die Juden mehr und mehr mit der abendländi- I scheu Bildung in Beziehungen kämen, jeder neue Eisenbahnzug würde [ ihnen neue Anregung bringen, Handel und Verkehr würden erblühen

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