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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-19 · Heft 27 (19.8.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 27 (19.8.1888)
Date
1888-08-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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der werden von zartester Jugend an zu eigenem Erwerbe verhalten, die Not der Alten ist zu groß, um ein Feiern der Jungen zu gestatten; diese werden Stiefelputzer, Ausläufer in Geschäften, Hilfsdimer für leichte Arbeit u. s. w., damit dem Familieneinkommen Wöchentlich etliche 30 oder mehr Piaster zuführend. Diese Knaben sind von außerordentlicher Anstelligkeit; einer z. B., ein Bursche von etwa 12 Jahren, diente neben seinem Vater; als Hilfsportier im Gasthof Colombo, wo ich täglich mit ihm etliche Male zu verkehren hatte; ich staunte dabei über die Sicherheit, mit welcher das Kind oft ganz verzwickte Botschaften ausrichtete, die irgend, einer der vielen Besucher zurückgelassen hatte« Es war an sich schon verwunderlich, dass er sich die Namen aller seiner Gäste, die den verschiedenstm Nationalitäten angehörten, zu merken verstanden hatte. Das Zimmer — er war gleichzeitig Stubenmädchen — hielt er in musterhafter Ordnung, in viel zu großer; er drückte sich geläufig in der französischen^ italienischen und spagnolischen Sprache aus. Die letztere, die Verkchrsprache der Juden von Salonik, ist ein merkwürdiges Gemisch von Altcastilianisch und Italienisch, mit gelegentlich eingestreuten.türkischen und hebräischen Worten; die spanischen Bestandtheile der Sprachen sollen, wie . mir rin romanischer Philologe sagte, das elastische Spanisch des Cervantes sein; wer dieses versteht, wird dem Saloniker Dialect, sofern von einem solchen die Rede sein kann, zu folgen im Stande fein. . ׳ Die Juden schreiben die Sprache mit hebräischen Lettern, mit diesem wird auch die einmal in der Woche erscheinende spagnolische Zeitung ״Epoca" gedruckt. Die Sprache wird selbst von den ״emancipirten" Juden im häuslichen Verkehr als Muttersprache geredet, wie überhaupt überall in der Türkei, wo Sephardim, d. h. aus Spanien stammende Juden, wohnen. In 'Salonik wird sie übrigens auch von Nichtjuden verstanden und gesprochen, sie ist die. Herrschende. Die Theaterzettel z. B. geben kurz die Namen "des Stückes und die auf die Vorstellung bezüglichen Aeußerlichkeiten in italieni scher und türkischer Sprache, der ausführliche Zettel indessen mit dem Personenverzeichuis und der Besetzung ist spagniolisch, natürlich mit hebräischen Buchstaben gedruckt. Ich habe mir Mühe gegeben, irgend ein mit lateinischen Lettern erschienenes Druckwerk dieser Sprache zu finden, um den Lesern eine Vorstellung von ihrer Eigerarr zu geben, aber vergeblich; mehr als das: ich fand in Salonik kcinen Buchstaben. Die zeitigen Bedürfniße der Bewohner-sind dadurch einigermaßen gekennzeichnet. Mein kleiner jüdischer Portier bringt mich auf das Dienstbotencapitel, eines der fürchterlichsten für jeden in der Türkei ansässigen Europäer In Salomchi besteht die dienende Elaste zum weit größten Theile aus Juden; selbst der nichtgriechische Christ hält-sich jüdische Dienstboten, die als treu, anhänglich, zuverlässig und unbedingt ehr- Lich gelten. Soweit werden die Juden auf diesem Gebiete den Griechen und Albanesen vorgezogen, dass die christliche Dienerschaft sich das große Opfer auferlegt, ihre jüdischen Dienstboten am Freitag Abend mit Beginn des Sabbaths bis zum Schluß desselben in ihre elterlichen Hauser ^u senden und sich durch- 24 bis 36 Stunden ohne häusliche Hilfe zu begnügen; das Essen für den Samstag wird im voraus gekocht. Der Lohn der Leute ist verhältnismäßig sehr gering und wird für das Heiratsgut oder zur Begründung eines Geschäfts- Handels aufgespart. Aber - nicht nur. für den. Dienstboten ruhen am Sabbath die Hantirungen und Geschäfte — ganz Salomchi ruht an diesem Tage, auch die Mehrzahl der Christen schließt ihre Läden und Comptoire: die Ottomanische Bank, das größte Geldinstitut des Landes und in einem gewissen Sinne unserer Reichsbank gleichend, hält am Samstag und an den hohen jüdischen Feiertagen ihre Räume geschlossen, obgleich der Director, die QberbeamteN und viele der unteren Christen sind. - In die Zeit meines Aufenthaltes in Salomchi siel das zweitägige jüdische Pfingstfest; an beiden Tagen lag die Stadt in feierlicher Rühe da; in der Hauptstraße sah man anstatt der sonst geschäftigen. Männer nur beschaulich-seiernde, festtäglich angethan. An ,einem dieser beiden Tage war es, dass mir durch einflußreiche Vermittlung die Ehre zu theil wurde, von dem summus ־ pontifex doii Salonik, ,dem Papste der Juden, Sr. Excellenz dem Großrabbiner Jakob H. Capo empfangen zu werden. Davon bei nächster Gelegenheit. - (Schluß folgt.) Meine Chronik. Wien. Das Neue Wr. Tagblatt bringt folgende Mittheiluug: Es ist bekannt, dass die Kaiserin zu den wärmsten Verehrern Heinrich Heines sich rechnet. Jetzt liegt ein neuer Beiveis dafür vor, dass die Kaiserin sich durch gewisse Bosheiten von ihrer Vorliebe für den Dichter des ״Liebesfrühliugs" nicht im Mindesten hat abbringeu lassen. Professor Alexander Strakosch hat auf Wunsch der Kaiserin in Ischl einen Vortrag bei.Hofe abgehalten. Dem Vortrage wohnten bei: der Kaiser, die Kaiserin, Erzherzogin Valerie, Prinzessin Gisela, Prinz Leopold und die Hofdamen Majlath und Kornis. Nach der Forumscene aus״ Julius Cäsar", die sich der . schmeichelhaftesten Auinahme erfreute, begehrie die Kaserin Heine's ״Wallfahrt nach Kevelaer" zu hören. Die hohen Herschaften zollten dem stimmungsvollen Vortrage des Gedichtes Worte der wärmsten Anerkennung, die Kaserin fügte jedoch lächelnd hinzu: Sie. haben eine Strophe weggelassen, die Strophe: ״Nach Kevelar gicng Man« cher auf Krücken, her jetzo auf dem Seil, gar Mancher spielt die׳ Bratsche, dem dort kein Finger war Heil״..Prof. Strakosch erwiderte dem ״Neuen Wiener Tagblatt" zufolge, dass er die wunderbare Stimmung des Gedichtes durch die Ironie, die durch jene Strophe blitzt, nicht habezerreißen wollen. Nach dem folgenden Vorttage von Coppe's ״Strandgut" wurde im Nebensaale Kaffee genommen und Prof. Strakosch eingeladen, . an der Tafel theilzunehmen. Das Tischgespräch drehte sich rrm Strakosch's Fahrten in Amerika,.deren humoristische Schilderung die hohe Gesellschaft in die heiterste Stimmung versetzte. Der Kaiser spendete der Kunst des Recitators volles Lob, und die Kaiserin erklärte, dass sie der Vortrag tief ergriffen habe. Die hohe Frau sprach mit Begeisterung von den Dichtungen H-ine's, von dem sie unter Anderem sagte: ״Ich verehre in Heinrich He ne auch den Menschen, der so viel ge- Litten und geduldet und trotz Ach und Weh so Hervorragendes geleistet. Auch auf Lord Byron kam die Rede, dessen Werke der Kaiserin nicht minder geläufig sind, wie jene des vielverlästerten deutschen Poeten.. Nunmehr begab sich die Gesellschaft wieder in den großen Saal, wo Strakosch noch Einiges aus ״Uriel Acosta" recitirte und dann aus Wunsch der Kaiserin abermals ein Heine'- sches Dedicht: ״Die beiden Grenadiere^, diesmal unverkürzt, zum Vortrage brachte. Prof. Strakosch beschloß seine Rezitation mit Schiller's ״Taucher", und zwar auf specielles Ersuchen der Erzherzogin Valerie, welche den Vortragsabend in der Kaiservilla angeregt hatte. Nach dritthalbstündigem Vortrage, um halb acht Uhr, verließ Professor Strakosch das kaiserliche Lustschloß. Wudweis. Der von der israel. Cultusgemeinde im gothischen Style neuerbaute Tempel ist, so weit es den äußeren Ausbau desselben betrifft, vollendet.׳ Unter Theilnahme vieler geladenen Gäste und einer großen Zuschauermenge fand die Aussetzung des. Thurmknopfes statt. . Aikfert. Wie die ״I. G. Ztg.״ mitthcilt, wurde in der kürzlich abgehaltenen Plenarsitzung der Pilsener Cultusgemeinderepräsentanz einstimmig der Beschluss gefass, am 2. December l. I. als am Tage des 40jährigen Regierungsjubiläums unseres Kaisers, ^den Grundstein zum lange geplanten neum Gotteshause zu legen und so. mit dem Ausdruck der patriotischen Hingebung eine dringende religiöse Pflicht zu erfüllen. Denn die bis jetzt bestehenden zwei Tem-

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