Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 27 (19.8.1888)
- Date
- 1888-08-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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— 5 druck der inneren Seelenerr-gung, d. h. deklamatorisch, gesungen werden sollen: da kann nur dann die Seele klar sich offenbaren nach ihren Begriffen und Gefühlen, wenn die Stimmbildung sowohl als die Sprächbildung rein nur der Seele dienstbat geworden sind ftei von allen materiellen Hindernißen und von allem materiellen , ' Beiklang. Der natürlich-einfachste Proceß gibt den schönsten Ton und die schönste Sprache,, und offenbart am klarsten die Tiefe der Seele. Dass zu einer richtigen Deklamation auch tiefere Sprachkenntniße und ästhetische Bildung nothwendig sind, werden wir am gehörigen Orte weiter besprechen; zunächst liegt uns ob,, die Sprachtzildung und ihre Anwendung im Gesang weiter zu verfolgen. (Fortsetzung folgt.) Jüdische Gemeinde in Salonichi. (Aus der ״Kölnischen Zeitung".) n. Die großen und nennenswerten Vermögen, von denen.heute in Salonik gesprochen wird, sind in früheren Jahren begründet, aber zu ihrer gegenwärtigen Höhe durch den gewandten Verkehr mit dem Ausland erhoben worden. Der arme Jude von Salonikführt das kärglichste Dasein, eine kleine, unscheinbare Hütte birgt ihrer nicht selten mehrere Dutzende, wo ״Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind", dennoch entbehren die. Wohnungen nicht einer gewissen Reinlichkeit und Ordnung. Das Nahrungsbedürfyis dieser Menschen ist in kaum fassbarer Weise beschränkt: ein Eckchen trockenen Brotes und ein kleines Stück Käse, von dem erbsengroße Theitchen den einzelnen Bissen verbessern, bilden auch die Nahrung des Lastträgers, der gewohnt ist, auf seinem Rücken etliche Zentner die Straßen entlang und engen Stiegen hinauf zu schleppen. Ich sah einen solchen Mann eine eiserne Geldcasse von 390 Pfund allein die Treppe hinauftragen 1 In Salonik befördert der jüdische Hamal (Lastträger) ebenso wie .sein armenischer College in Stambul ein Piano auf dem Rücken allein, und für ein Spottgeld. Das wäre etwas für das klavierspielende Deutschland! Aermlich wie ihre Nahrung ist im Allgemeinen auch die Kleidung, die bei den Kindern, den Lastträgern und den Bootführern sich auf das Nothwendigste erstreckt : nur am Vorabend des Sabbats, an diesem selbst und den hohen Festtagen legt der Jude ein festliches Gewand an. Sieht man ihn auch an gewöhnlichen Tagen oft sein ״Nationalcostüm" tragen, so ist dieses doch für die. geheiligten Zeiten von'edlerem Stoffe. Die Männer tragen zumeist Unmittelbar über den Unterkleidern einen bis auf die Knöchel faltenlos herabfallenden, um die Hüften leicht gegürteten Kittel von farbigem 'oder gestreiftem Stoffe, darüber 'Sommer und Winter eine ebenso lange, ärmellose Pelzschaube, deren Pelzwerk bei den niederen Classen zumeist vom Fuchs abstammt, bei Reicheren aber auch edle-- ren Ursprungs ist. Die Füße stecken in hellfarbigen Lederschuhen, ans denen merkwürdigerweise Strümpfe Hervorschauen. Die jüngern Leute bedienen sich in der Mehrzahl . lieber des Fez als Kopfbedeckung,׳ die altern haben meistens ein farbiges Tuch turbanartig um den Kopf geschlungen. - Die für die Kleidung gewählten Stoffe bezeichnen die Vermögenslage des Trägers. Die Tracht der Frauen zeigt eine weniger ausgeprägte Physiognomie.' Die Unverheirateten tragen sich europäisch, mit hochgeschlossenem Kleide, gewöhnlich ist der Kopf unbedeckt. Das Kleid der verheirateten Frau hat den ״Schnitt Mamier", es ist unterhalb des Busens gegürtet; dass dieser unbedeckt getragen werde, wie viele Reiseschriftsteller berichten (z. B. zuletzt noch Dr. Braun- Wiesbaden, der im 2. Bande seines Buches ״Eine türkische Reise" sehr werthvolles Material über Salonichi zusammengetragen und in angenehmer Form umgearbeitet hat), vermochte ich nicht zu bemerken, und kein Einheimischer wollte jene Eigenthümlichkett wahrgenommen haben. Die ״Taille" zeigt, was man in der deutschen Damenschneidersprache einen ״herzförmigen Ausschnitt" nennt, der aber nicht anständiger oder unanständiger ist, als das Nämliche in einer europäischen Abendgesellschaft —; woher die Gewohnheit stammt, vermochte ich nicht zu erfahren, ein Eingeborner meinte, sie hinge mit dem Stillen der Kinder zusammen. Das Haar der verheirateten'Frauen ist durch einen seidenen, eng wie eine Perücke anschließenden Kopfputz unsichtbar gemacht; er ist vielfach reich gestickt mit Gold und Silber und bildet oft ein werthvolles Erbstück: über das Hinterhaupt und Nacken fällt er, einem Haarbeutel gleich, lang herab. Seine Farbe hat in mehreren Fallen eine symbolische Bedentung : in einem deutet sie auf die Witwe hin. in einem anderen ans eine Witwe, ״die sich gerne verändern möchte". Kleidsam ist diese Kopftracht sicherlich nicht, sie mag wohl daran schuld sein, dass ich unter den altgläubischen Jüdinnen Salanichis so wenig schöne gefanden habe.' Die Männer lassen die Gestalten ihrer polnischen und russischen Glaubensgenossen weit in den Hintergrund treten, bei der jüdischen Frau in Salonik ist dies nickt der Fall. Die den polnischen und hiesigen Jüdinnen gemeinsame Unsitte, das Haar zu verbergen, mag dazu beitragen, ebensoviel aber auch das armseelige, von steter Fürsorge für Säuglinge geplagte Dasein, dem keine körpor» liche Arbeit, keine Bewegungen im Freien als Gegengewicht dient. Verhärmt, vorzeitig gealtert und schwächlich sehen diese Frauen aus, die, wenn man ihnen auf der Straße begegnet, stets ein kleines Kind auf dem Arme tragen. Unter der besseren jüdischen Classe dagegen, die sich ״europäisch" kleidet, habe ich nicht eine geringe Anzahl schöner Mädchen und Frauen gesehen, mit klugen, tiefen, neugierigen Augen, leicht zur Fülle neigenden Gestalten und wunderschönem Haar, dessen oft erscheinendes Blond auf eine andere Abstammung schließen lassen könnte; auch unter den Männern ist mir das vielfache Vorkommen blonden Haar- und Bartwuchses sowie blauer Augen aufgefallen. Wer in den späteren Nachmittagsstunden den Staden Hinabwandert, nach der Gegend des ״sashionablen" ״Cafe Alhambra" (von wo aus man bei trefflichem Oase a la turca eine entzückende Aussicht auf das Meer , und drüben den schneebedeckten ״echten" Olymp, mit seinen Nachbarn Ossa und Pelion sowie dem Thal Tempe genießt), deffen suchendes Auge, besonders wenn es auch die vorbeirollenden Wagen einbezieht, wird auf Schritt und Tritt gefesselt werden durch mädchenhafte und weibliche Schönheit, die mir mehr als einmal den erfreulichen Typus in das Gedächtnis rief, welcher in Berlin durch die Hofopernsängerin Fräulein Lola Beeth ver'reten war. Schönheit lässt sich am leichtesten durch den Vergleich schildern. Die Toiletten dieser vornehmen Welt stammen sämmtlich aus Paris: man sagte mir, dass ein nenneswerther Damenschneider, weiblichen oder männlichen Geschlechts, am Aegäischen Meere nicht zu finden sei. Eine unternehmende Persönlichkeit, wenn sie wirklich leistungsfähig, wäre, würde hier vielleicht bald ihre gute Rechnung finden. Und da ich gerade bei den Frauen bin, sei bemerkt, dass die sittliche Führung derselben tadellos ist, schon aus dem Grunde, weil durch das Gegentheil ihre Verheiratung ausgeschlossen wäre, welche für die Frau wie für den Mann als eine unbedingte Noth- Wendigkeit angesehen wird. Die Ehen werden oft in jugendlichem Alter geschlossen; Kinderlosigkeit ist ein Scheidungsgrund. Die Kin-