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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-19 · Heft 27 (19.8.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 27 (19.8.1888)
Date
1888-08-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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aus, dringe der Gesanglehrer bei seinen Schülern mit allem Ernst auf Aneignung einer immer gediegeneren musikalischen Bildung. Wenn auch durch größere musikalische Bildung der innere Tonsinn sich gestärkt und veredelt hat, so gibt dies noch immer kein Recht, sich für einen guten Sänger zu halten; und wenn.es auch Ln der Welt oft geschieht, so gibt doch die größte musikalische Kenntuis noch nicht die Befähigung, als Gesanglehrer zu wirken. . Ein Gesanglehrer ist vielmehr nur Derjenige, welcher die richtige - materielle Athem- und Muskelthätigkeit, die zum Singen nöthig ist, selbst genau kennt und den Schülern beizubringen weiß; und ein guter Sänger nur derjenige, welcher auf der Grundlage der allgemeinen musikalischen Bildung und des geweckteren Tonsinns den ganzen materiellen Proceß beim Singen richtig und leicht vollzieht. Wenn die Seele in Tönen sich offenbaren soll, so müssen sie vor Allem dem inneren Tonsinn ganz dienstbar geworden sein; jede Bewegung unserer Mieder ist aber nur dann der Seele recht dienstbar wenn wir sie mit dem dazu geschaffenen Organe vollziehen;. schnell laufen kann nur derjenige, der die dazu dienenden Muskeln allein gebraucht. Ebenso ist es beim Singen. . Wer andere Muskeln dabei zu Hilfe nehmen will statt die allein dazu dienenden, erschwert sich von-vorn herein den ganzen Proceß, und bald kommt er vor- Ermattung nicht mehr weiter; wer aber die richtigen Muskeln inihrer einfachen natürlichen Bestimmung zur Thätigkeit ruft, kommt Leichter und schneller weiter. Bei den gequetschten Tönen hört man auch sogleich am Tone selbst etwas unnatürlich Gedrücktes, Gezwungenes; was eben daher rührt, dass die freie und leichte Thätigkeit der nothwendig thätigen Muskeln durch die überflüssige Thätigkeit anderer Muskeln gehemmt ist. Der Schüler muß also vor Allem die unrichtig gebrauchten Muskeln außer Thätigkeit setzen und dafür die richtigen Muskeln in ihre freie Thätigkeit bringen: nur dann kann der Tonsinn frei walten, und die Seele leicht wirken auf die, betreffenden Muskeln, damit sie ihrem Befehle blitzschnell gehorchen. Wo aber eine Stimme nicht in solcher Weise erst richtig ge ־־ bildet ist, da kann die Seele nicht blos die Muskeln nie recht dienstbar machen, sondern ganz besonders niemals selbst klar aus den Tönen leuchten. Wie anders, wenn der innere unsichtbare Athem- und Muskelproceß richtig vollzogen ist! Jeder Ton tritt nur auf im Dienste des Geistes und ohne unnöthigen störenden materiellen Beigeschmack; ja im Klange des Tones selbst kann nun die Art der Erregung der Seele sich. äußern. Man höre nur einen solchen Gaumen- und Nasenton-Sänger, und frage sich, ob in dem Tonklang selbst die Seele zu finden ist; gewiss nicht; solche Sanger suchen vielmehr durch ein zu oftes Zusammenziehen der Töne und durch öfteren Wechsel zwischen körte und piano allein ihre inuere Empfindung zu dokumcntiren: der Ton selbst ist und bleibt stets rnateriellllhierisch, nie ist er frei-seelisch. Ja alle die freien Nüancirungen des Tons, welche die verschiedenartigen Seelenerregungen am Tone selbst nach Klangfarbe, Stärke und intensiver Wärme erkennen lassen, sind hier stets durch den rohen materiellen Beigeschmack gebunden und zurückgedrängt. Soll der Gesang in der That zur lautenden Seele werden, so setzt er also eine richtige Stimmbildung für den einzelnen Ton sowohl, als für die Aneinanderreihung der Töne nothwendig voraus. Wie die menschliche Seele nicht blos in einzelnen vorübergehenden Erregungen sich bethätigt, sondern mit dem Erwachen des Selbstbewusstseins in bestimmten Begriffen und logischen Schlüssen sich kund gibt; ebenso gibt es außer dem im Stimmorgangebildelen Tönen von musikalischem Werth noch eine große Anzahl durch das Ansotzrohr des Stimmorgans (״Mundkanal") hervorzubringender Laute oder Geräusche, durch deren verschiedene Verbindung mit einander die Sprache entsteht. Die Seele offenbart ihre Begriffe in der Sprache: und soll nun der ganze Inhalt der Seele im Gesauge hörbar werden, so muß sich der Gesängston auch mit der Sprache verbinden; der dem Tonsinn dienstbare Gesangston muß die den Begriffen dienstbare Spräche in sich aufnehmen. . Leider ist in den bisherigen Gesangschulen auch von diesem so wichtige» Punkt nirgends gründlich gesprochen worden; und doch erklärt er sich sehr leicht, wenn nur erst die doppelte Frage beantwortet ist, wo. entsteht der Gesangston und wo der Sprachton? Der Gesangston entsteht im Kehlkopf durch die verschieden schwingenden Stimmbänder, der Sprachton im Mundkanal durch die verschiedene Bewegung und Stellung der Zunge,. Lippen und Zähne. Wenn nun der Gesangston die Sprache in sich ausnehmen soll, so kann es nur dann geschehen, wenn die Thätigkeit im . Kehlkopf unabhängig, ist von der Thätigkeit im Ansatzrohr; es sind zwei Thätigkeiten, wovon die eine zum Gesänge, die - andere zur Sprache dient, und je leichter und ungehinderter jede von beiden nur ihrem Zwecke dient, desto leichter und schneller sind sie verbunden, ohne dass die eine Eintrag thut der andern. Vor Allem also muß in der Stimmbildung ohne Sprache alle andere, nicht dazu dienende Beihülfe irgend eines Theils des Ansatzrohrs erst gänzlich beseitigt sein: zur Erzeugung und Nüäncirung des Gesangston darf gar kein Theil des Ansatzrohrs actio Mitwirken. Dadurch wird die Tonbildüng selbstständig und die Sprachbildung; beide können unabhängig von einander in freiester Weise nur ihrem Zwecke dienen. ׳Die Stimmbildung muß also von Anfang an eine solche sein, wie wir sie im ersten^und zweiten Theile unserer Gesanglehre vrrlangt haben; wir haben nämlich dort sowohl die Lungen als die Kehlkopfmuskeln und i t mehr nur allgemeiner Weise auch die zwei. Theile des Ansatzrohrs, Schlund und Mundhöhle, in Thätigkeit gerufen, und die rechte Art dieser dreifachen Thätigkeit au der Hand der Natur selbst veranschaulicht. Einen sehr bedeutungsvollen und ungeheuer beweglichen Muskel aber haben-wir noch in vollen Znstände der Ruhe gelassen, ja absichtlich so oft wie mögt ch jede Mitwirkung, jede Thätigkeit desselben auf's Strenglle verboten, wir meinen die Zunge, welche frei ausgestreckt im Mandkanil liegt und : nur an ihrem Hinteren Theil (״Zungenwurzel") befefti fl ist. Sie kann sich deshalb ungehindert nach beiden Seiten, nach oben, vor- und rückwärts bewegen, und besitzt auch in der That eine solche Schnelligkeit der Bewegungwie kein anderer Muskel des menschlichen Körpers. Ja sie hat'vom Sprechen her schon die Neig mg, bez jedem׳ hörbaren Tone mitthätig sein zu wollen; ״diese Neigung muß aber durch eine richtige Stimmbildung vor Allein gebrochen werden, denn jede unnöthige Mitwirkung der Zunge, hindert .sogleich -die freie leichte Tonerzeugung, indem der ZungenmuZkel - sich nach seiner Wurzel zusammenzieht und in dieser krampfhaften Verhärtung ans den Kehlkopf drückt, welcher dadurch gehindert wird, sein Geschäft, die Tonerzeugung, leicht und frei zu vollziehen; die Kchlkopfmuskeln können dadurch dem inneren Tonsinn nie ganz, und bald gar nicht mehr gehorchen. Die Gaumenton-Sänger unterdrücken sich auf diese Weise selbst die Stimme. Und die Sprachbildung endlich, wie.sehr wird sie durch dieses krampfhafter Zusainmenziehen, durch diesen Druck der Zunge nach unten erschwert: zur Sprache gehört die freieste Beweglichkeit der Zunge; daher Gaumenton-Sänger auch nie beim Singen vollkommen deutlich aussprechen im Stande sind. So wird durch die. verfehlte Stimmbildung auch eine verfehle Sprach - bildung bewirkt; und nur wenn die Stimmbildung richtig ist, kann auch die Sprachbildung richtig sein. Wenn aber vollends ganze Worte und Sätze schnell aneinandergereiht, und mit hörbarem Aus-,

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