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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-19 · Heft 27 (19.8.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 27 (19.8.1888)
Date
1888-08-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ganze so reichhaltige Synagogengesang müsse seine Abstammung nur von den traditionellen Tonarten herleiten und sich nur aüfsie beziehen. Nein, und hundertmal nein! Die Erfahrung und der offenbare Sachverhalt belehren uns eines Anderen, und das wird jeder des jüdischen Gesanges Kundige mit freiem Herzen und gutem Gewiffen bestätigen können. Mögen sich doch berufene Fachmänner darüber aussprechen, denn das ist gerade der wichtigste Theil in dieser zur Erörterung vorliegenden Frage, und das ist der einzige Schlüffel zu unserem Probleme, wie es sich später deutlich herausstellen wird, dass es im Entfernsten nicht der Wirklichkeit und der Thatsächlichkeit entspricht. Wenn wir also hier über eigenartige Synagogentonarten streiten, so handelt es sich nur um jene Tonarten, in welchen über verschiedene Gebettexte beim Gottesdienste verschiedenartig improvisirt wird, weiter nichts. Den besten und sichersten Beweis hiefür haben wir ja auch in der unbestreitbaren' Thatsache, dass im ganzen so umfangreichen Traditionsgesange nur sehr wenige feste Melodien aus diesen Tonarten vorhanden sind, und selbst diese wenigen befinden sich auf Texten späteren und spätesten Datums, was eben beweist, dass sie noch jünger sind als jene. Mit unserem Jmprovisationsgesang ist's überhaupt etwas Phänomenales, dessen keine Nation sich rühmen kann. Alle Gesänge, die wir sonst in der Kirche und in der profanen Welt zu hören bekommen, sind immer nur vorhandene, feststehende Melodien; es wird keinem weltlichen oder . geistlichen Sänger jemals einfallen; über gegebene Texte gesanglich zu improvisiren und zu phantasiren, und jüdische Cantoren sind im Stande, jedes beliebige Gebetstück in dieser oder jener Tonart durch momentane Eingebung mit allen möglichen Modulationen sinnreich zu inierpretiren. Ja, durch diese 'Gabe wird erst der wahre talentvolle Cantor erkannt und an ihr das Maß seiner Fähigkeiten abgeschätzt; ohne diese aber kann ein Cantor in einer wirklich sangeskundigen und gesangliebend'en Ge- 'meinde nicht cxistiren. Ist das nicht höchst wunderbar und verdient dieses Faktum nicht die größten Beachtung seitens der Wissenschaft-' lichkeit? Ich erinnere mich einer Episode aus meiner Kinderzeit und meinem kaum beginnenden Sopranleben, welche beweist, wie instinktiv diese Naturgabe uns angeboren und mit uns verwachsen ist. Der berühmte Chasan, Rabbi ״Salmen Hummer" kam einmal in meine Vaterstadt, um dort sich hören zu lassen und Gastrollen im Vorbeten zu geben, und da mir allerseits versichert wurde, dass ich gute Anlagen zur schönen Sopranstimme besäße, so meldete ich mich bei diesem ruhmgekrönten Chasan und bot mich.ihm zum ״Singerl" an. Dieser empfieug mich auch sehr freundlich, und mir Muth zusprechend, gab er mir auf, ihm irgend eine ״Sache" vorzusingen, damit er beurtheile, ob er mich gebrauchen könne oder nicht. Da ich aber damals von einer Composttion oder nur einfachen Melodie keine leise Ahnung hatte, so war ich resolut entschlossen und sang ihm einen ״Berum olom" von unserem Chasan vor, in Wirklichkeit aber war dies nichts weniger als das, sondern der Ausfluss meiner eigenen Phantasie. Er hörte mir aufmerksam zu, und nachdem ich geendigt hatte, sagte er mir mit lächelnder, spöttischer Miene: ״Kleiner,׳ kannst Du auch dasselbe Stück nochmal wiederholen?" Als ich aber darauf verlegen schwieg, klopfte er mir auf die Schütter und sprach: ״Züngele, Du bist schon a Gauew, wie ein echter Chasen; meintest Du wohl, ich werde es nicht gleich merken, dass Du mir hier etwas aus Deinem eigenen Kopfe vorgesungen hast? Aber Du hast es gar nicht schlecht gemacht", fetzte er begütigend hinzu, ״Dukannst schon noch etwas werden"; und daraufhin wurde ich von ihm unter den Commiliüonen seiner zahlreichen Meschorerimschaar als Jünger des zukünftigen jüdischen Cantorthums, ausgenommen. Ich war damals kaum 12 Jahre alt. Dieser Jmprovisationsgesang nun wird in Rußland und Polen, seiner eigentlichen Urheimath, ״Steger" (wahrscheinlich eine elliptische Abkürzung von ״Stegreif") genannt und bedeutet : in der Art einer bestimmten Gesangsgnttiing unvorbereitet und nach individueller Phantasie singen. Und wenn in den dortigen Gesellschaftskreisen oft die Redensart gehört wird: ״Was ist's für ein Steger?" so will das so viel heißen, wie: ״was ist das für eine Art von Betragen?" Der galizische Jargon hat aber dieses gerade nicht so unschöne Wort in ״Steiger" verunglimpft — wie überhaupt der galizische Jude jedes gedehnte ״e" in ״ei" verwandelt — und eben auf diese-Weise ist jenes korrumpirte, selbst einen musikalisch schriftstellernden Rabbiner irre führende Wort entstanden. ' Vorläufig von diesem Thema nur so viel, als wir zur Erklärung des angeführten Wortes gebrauchten; wir kommen aber später noch darauf zurück, um daraus auch die Konsequenzen für die definitive Bestimmung und Feststellung unseres Gesammtgesanges zu ziehen. Nur ist hier noch festzustellen, dass nach obiger Darstellung unsere Tonarten wohl richtig ״traditionelle Tonarten" heißen müssen, keineswegs aber ״Tonarten des traditionellen Synagogengesanges" genannt werden dürfen. In weiterer Folge lesen wir ferner auf dem Titelblatte die wahrhaft bedeutsamen Worte: ״ihr (der betreffenden Tonarten)Verhältnis zu den Kirchentonarien oc." Fürwahr eine schöne und vielversprechende Aufgabe, die der verehrliche Verfasser sich hier stellt? Endlich wird unser Zweifel zerstreut, unser Durst nach Wissen gelöscht unö unsere Sehnsucht nach Wahrheit befriedigt. Endlich werden wir hier nun erfahren — was wir bisher aus guten Gründen beharrlich angezweifelt haben — wie sich die unseren zu den Kirchentonarten verhalten, wie sie sich gegenseitig zu einander stellen, wie die Zeinen aus den anderen.— oder sagen wir gleich —. wie die jüdischen aus den Kirchentonarten hervorgegangen und wie sich jene von diesen später abgezweigt und für sich entwickelt haben. Und das ist's ja auch, was Herr Cantor Deutsch so sehr herausstreichen und rühmlichst hervorheben zu müssen glaubte, 'dass der Verfasser seine Auseinandersetzungen sehr ״fach- und zweckmäßig" mit den vier Ambrosia!׳ischen authentischen Tonarten begonnen hat und von ihnen ansgegangen ist. Wir sind wahrlich nicht die starren, eigensinnigen und unverbesserlichen Anhänger unserer eigenen Ideen, die sich von und durch Nichts überzeugen und von ihrem Wahne sich in keiner Weise abbringen lassen. In! Gegentheil, wir sind vielmehr sehr empfänglich und zu jeder Zeit bereit, gute und für sich selber sprechende Lehren an- und in uns aufzunehmeu und uns/eines Besseren überzeugen zu lassen; nur müssen es wirklich vollwichtige Gründe und untrügliche Beweise sein, die unsere gruntzfeste Ueberzeugung zu erschüttern und abzuändern vermöchten. Und sollte wirklich sich Jemand vorfinden, der uns mit einleuchtenden, nicht mehr zu bezweifelnden Argumenten den Beweis führen könnte, dass die als jüdisch geltenden Tonarten von den Kirchentonarten ab stammen und zu ihnen wie der Spross zum Stamme sich verhalten, wir wären dann die ersten, die diese wahrheitliche und wissenschaftliche Lehre vom ganzen Herzen uns aneignen und für sie mit aller unserer Kraft einstehen würden. Solche und ähnliche Gedanken waren es, die sich unser beim Lesen obiger Ueberschriftszeile bemächtigt haben, aber unsere Hoffnung auf Aufschluss und Belehrung hierüber ist gänzlich getäuscht und vollständig zu Wasser geworden. Der geschätzte Verfasser führt zwar (Seite 8) die ursprünglichen Kirchentonarten an, aber nicht

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