Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 26 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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chen alten Juden auf seinem Grauthier durch die Straßen trotten, in seinen Kaftan gehüllt, das Haupt mit einem ״gemäßigten Turban" bedeckt, so steigt das Bild -der Erzväter vor uns auf, wie sie vor Tausenden von Jahren das Land durchzogen haben mögen, und es kommt uns wohl der Gedanke, dass wir hier eine unverfälschte Spur ihrer Nachkommenschaft gefunden haben. Diese Vermuthung gewinnt einen gewissen Halt durch den Umstand, dass die große Mehrzahl der hiesigen Juden aus Spanien eingewandert ist, wo sie vorher, aus ihrer ursprünglichen Heimat kommend, länger als ein Jahrtausend hindurch ansässig gewesen waren. Mehr als 300.000 wunderten damals (1592) aus, es war etwa der zwanzigste Theil der Bevölkerung des Landes. ״Es waren Bauern und Handwerker, namentlich Waffenschmiede, Metallarbeiter und Teppichweber, Gelehrte und namentlich Aerzte, die durch ihre Geschicklichkeit und hohe Wissenschaft bekannt waren, Kaufleute und Capitalisten; es waren Repräsentanten der Intelligenz und des Fleißes, des geistigen und materiellen Capitals, des eigentlichem Bürgerstandes. Was zurückblieb, das war Adel und Geistlichkeit auf der einen und proletarische Indolenz auf der anderen Seite. Es wurde öde und still im Lande. Die Schätze, welche man ihnen abgejagt, verwandelten sich in den Händen der Dummheit und Trägheit in dürres Laub. Das heutige Spanien krankt, wie gesagt, noch an den Sünden seiner Väter". So einer ihrer Geschichtsschreiber. Die Vertriebenen giengen nach Navarra und Afrika, nach Italien und dem Orient, wo man sie mit offenen Armen aufnahm, die meisten nach der europäischen Türkei. Sultan Bajasit meinte einmal gegenüber einem Spanier: ״Ihr Spanier nennt euren König einen klugen Mann, aber da er die Judeu vertrieb, hat er sein Land arm und das unsrige reich gemacht". Nach der Türkei wandten sich später auch jene in Italien ansässig gewesenen ״ Juden, als ihnen dort durch die Päpste der Auf - enthalt' unmöglich gemacht worden war; die blühende Stadt am Aegäischen Meere hielt viele von ihnen fest. Merkwürdig erscheint es mir nur, dass angesichts der vielfach hervorragenden geistigen Stellung, welche die vertriebenen spanischen und portugiesischen Juden in Italien und Holland sowie in Frankreich und selbst in Deutschland einnahmen — ein Nachktang aus ihrer glänzenden iberischen Zeit — die Juden in Salonichi im Laufe der Jahrhunderte kaum einen Namen aufzuweisen haben, der über den engen örtlichen Bezirk oder den des Stammesinteresses hinausgewachsen wäre. Vergeblich bemühte ich mich, einen Namen zu erhaschen, der mir als der eines Trägers höherer wissenschaftlicher Zwecke vertraut gewesen wäre oder es schnell hätte werden können. Hin und wieder wird dieses Dunkel durch ein Licht auf dem Gebiete rabbinischer Gelehrsamkeit erhellt, aber dieses Licht leuchtet nicht weit, und wenn es erloschen, herrscht wieder das geistige Dunkel. Die Erscheinung ist kaum anders zu erklären, als dass den Eingewanderten inmitten der Türken nicht nur jegliche Anregung fehlte, sondern mehr noch, dass die der ihrigen wie jeder andern feindlich gegenüberstehende mohamedanische Lehre ihnen die freie Entwicklung ihrer Kräfte nach der geistigen Seite hin einfach nicht gestattete. Dafür kam ihnen die Gleichgiltigkeit der Türken ans dem Boden des Handwerks und mühenvollen Erwerbs zehnfach zu statten, und so ist es gekommen, dass sie auf diesem im Laufe der Jahrzehnte unumschränkte Herrscher wurden. Freilich musste nach und nach auch ihr Handwerk, das auf gewissen Feldern, wie z. B. dem der Teppichweberei, einmal hohe Blüte erreicht hatte, wieder verkümmern, in demselben Maße, wie das Land, das sie aufgenommen hatte. Auf der einen Seite, gestaltete sich das Bedürfnis immer einfacher und anspruchsloser, ans der anderen fehlte das ״Hinterland", die Möglichkeit eines gewinnbringenden Verkehrs mit dem nichtmahomedanischen Auslande. So geschah es, dass die Juden m Salonichi im Verhältnis zu ihrer Zahl und ihrem Fleiß nicht reich geworden sind. Es gab und gibt hier etliche sehr reiche ״Israeliten- — Israelit nennt man einen reich gewordenen Juden — und auch eine nicht übertrieben hohe Zahl wohlhabender, aber die Mehrzahl ist arm, sehr arm. Der dem Stamme eigenthümliche reiche Kindersegen hat nicht dazu beitragen können, die Besitzverhältniße günfiiger zu gestalten; auch wirkte wohl dazu der Umstand mit, dass einerseits ״die Juden untereinander" sich ihre Geschäftsgewinne in schärfster Weise nachrechnen, und dass die Griechen, mit denen sie zu thun haben, noch viel schlimmer sind; bleiben also in der Hauptsache nur noch die Türken, an den für den Einheimischen nicht mehr viel zu verdienen ist. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Koßenems. In Hoheinens, Vorarlberg, hart neben dem Sulzer- Hause, in welchen unser Altmeister Salomon Sulzer das Licht der Welt erblickte und welches seine Verehrer aus Wien mit einer Votivtafel und Lyra schmückten, nur durch ein Gäßchen getrennt ist ein Häuschen, in welchem einst der Metzger Henle Brunner lebte und neben dem kleinen einstöckigen Gebäude ist ein großes städtisches Quadrathaus, in welchem vorige Woche der Sohn des biederen Henle Brunner, Herr Marko Brunner, einer der edelsten und würdigsten Menschen, mit Hinterlassung eines Vermögens von zwanzig Millionen Frank's starb. War Hohenems, diese rsotirte Judengemeinde in Vorarlberg, im vorigen Jahrhunderte der Sitz hoher kaufmännischer Intelligenz und weltlicher Bildung; befanden sich dort sehr große Industrielle und Kaufleute, die in vierspännigen Fuhren Fässer mit Silbergeld aus Augsburg und Leipzig erhielten; befand sich dort ein k. k. Hoffactor Löwengart, Banquier des Kai- Franz, hatten die Hohenemser den Sohn des reichen Fabrikanten Sulzer unfern Salomon, bevor ihn Wien hatte, als ihren Cantor, war diese Gemeinde mit schönen Tempel und Chorgesang versehen bevor die Seitenstettensynagoge in Wien erstand, so sollten alle Geldkrösuse vergangener Zeit durch die Söhne des biedern Brunner in den Schatten gestellt werden! Der selige biedere Greis, Henle Brunner, erzählte den Schreiber dieser Notiz, dass er seinen Söhnen sein Vermögen!0.000 fl. zum Geschäfte gab, heute gehört die Firma Giacomo Brunner zu den ersten Kaufleuten Triest's, wie zu den ersten Banquier's der ganzen Schweiz mit dem Sitze in St. Gallen, das war das Resultat großen kaufmännischen Geistes, strenger Rechtl chkeit, Energie und Glück! Hatten auch diese Weltmänner ihre Paläste in Triest und St. Gallen, so kamen sie immer pietätvoll nach Hohenems, in das große Haus, welches sie neben des Vaters Haus bewohnten, ließen Prunk und Repräsentation in den großen Städten und lebten patriarchisch gemüthlich, besonders aber der edle Herr Marko Brunner war ein warmer Verehrer des Gotteshauses und der Funktionäre, hielt schirmend die Hand über jüdische Tradition und Familienleben. Das Leichenbegängnis Marko Brunners, der nur zwei Tage krank zu Bette lag, war eine Manifestation der Verehrung die er bei Beginn genossen. Die Eisenbahnzüge brachten Massen Theilnehmer aus der ganzen Schweiz, Wien, Triest, Deutschland; alle Vereine und selbst die katholische Geistlichfeit waren anwesend; die Fabriken feierten. Während der alte Henle Brunner bereits 90 Jahre alt wurde, war dem Herrn Marko Brunner nur ein Alter von 70 Jahren beschieden. ת״נ״צ״ב״ה• Menachem &:n Joel. Szigetvar, 30. Juli. Herr Hermann Lewin, Oberkantor der isr. Cultusgemeinde zu Groß-Warvein weilt seit einigen Tagen hier zu Gaste bei seinem Bruder, dem hie igen Canior, Herrn! David Lewin. Der hiesige Gemeindevorstand beehrte den werthen Gaste Samstag am 28. -d. M. in unseren Tempel einen goktes-! dienstlichen Vortrag zu halten, welcher Einladung der benannte! Herr auch bereitwillig nachgekommen war. Nur selten ist es den! hiesigen Gemeindemitglievern gegönnt, eines solch' wahren Genusses! theilhaftig zu werden, nnd fand sein Vortrag allgemeinen Beifall.