Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 26 (9.8.1888)
- Date
- 1888-08-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— — schliche Fragen ertheilte der Rabbinats-Affeffor jure proprio, aber nach dem Usus, der mindestens in Ungarn allgemein herrschend ist, sagt der unvergessliche Oberrabbiner Löw, verrichten sie diese Function nicht jure proprio, sondern als Bevollmächtigte des Rabbiners. So war schon vor der Einführung des allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches die amtliche Wirksamkeit des Rabbinats-Assessors Ln Eheangelegenheiten von der ausdrücklichen Ermächtigung des Rabbiners abhängig. Nur Ln Abwesenheit des Rabbiners pstegt der Assessor ohne ausdrückliche Ermächtigung die ersten Trauungen zu vollziehen.*) In «euerer Zeit, wenn sich die weltliche Behörde an einen Rabbiner, der im Lande als große Autorität bekannt ist, in Religionsangelegenheiten wendet, betitelt sie ihn ״Oberrabbiner", entweder weil sie die Assessoren auch als Rabbiner betrachtet, demgemäß er der Oberrabbiner*) und die Assessoren Unterrabbiner sind, oder weil sich auch sonst andere Rabbiner im Lande an ihn in schwierige» religiösen Angelegenheiten mit Fragen wenden, daher verdient er dm Titel ״Oberrabbiner", wenn auch mit dem Titel kein Prärogativ verbunden ist. Icht gibt es in Ungarn Ober- und Bezirksrabbiner; die Rabbiner in den großen Gemeinden, wo Assessoren sind, nennen sich Oberrabbiner, und dies mit Recht, denn würde er sich erster Rabbiner nmnen, so müsste sich der erste Dajen der 2. und der dritte Dajen 3. Rabbiner nmnen; dies würde schon eine Beleidigung Lnvolvirm. Aber sehr lächerlich ist es, wenn sich Rabbiner in Gemeinden, wo keine Dajanim sind, Oberrabbiner nennen, denn dort, wo es keine Unterrabbiner gibt, ist auch kein Oberrabbiner, und er führt dann dm Namen nicht mit Recht, sondern es liegt darin eine Ehrsucht. Da waren unsere früheren Rabbiner viel bescheidener, sie unterschriebm sich mit dem bescheidenen Worte ״Hakotaun", und vielen konnte man die Worte zurufen, die Samuel zum Saul sagte: So klein du bist in deinen Augen, bist du doch das Haupt der Stämme. Nun gibt es auch in kleineren Gemeinden ״Religionsweiser", die Grätz Zwitterwesen nennt/) zu unselbstständig, um eine eigene Meinung zu haben, und zu schwach zum Widerstande gegen Zuumthungen von rücksichtslosen Gemeindevorstehern. (Forts, folgt.) 3) B. Lhauja, 2. Jahrgang, Seite 247. *) Der selige Oberrabbiner Löw in Szegedin wurde sehr oft von der wMiche» Behörde in religiösen Angelegenheiten befragt und um Gutachten angegangen, er wurde bald Wohlehrwürdiger Oberrabbiner und bald Se. Ehrwürden Herr Oberrabbiner augesprocheu. (Siehe B. Ghanauje 2. I., S. S7 und 2. I. S. 239.) *) Gratz 11. Band, Seite 418. Jüdische Gemeinde in Salonichi. (Aus der ״Kölnischen Zeitung".) I. Wer von Salonichi sprechen will, muß in erster Reihe von den Juden sprechen, denn ihnen gehört die Stadt, sie bilden die überwiegende Mehrhett der Bevölkerung und verleihen dem ganzen Gemeinwesen dm Stempel einer solchen Eigenthumlichkeit, dass ' seincsgleichm wohl nirgend wiedergefunden wird. Ueber ihre. Zahl ist mau nicht wmiger im Unklaren, wie über die der Gesammtbevölkerung der Stadt. Fallmayer, ״der Fragmeutist", bezifferte dieselbe im Jahre 1841 auf etwa 70.000 Seelen, darunter 30—36.000 Ju- Len, und meinte schon damals: ״der Volksmaffe und dem allgemeivm Eharacter nach wäre Theffalonika — wie die Stadt bis 1430, dem Beginn der Türkenherrschaft, hieß — eigentlich eine Stadt Zfraels und sollte mit Recht Samaria heißen". Seitdem hat sich die Einwohnerzahl vermutlich verdoppelt, wenn auch die mit den naiv-- sten Mitteln betriebene amtliche Volkszählung — soweit von einer solchen im osmanischen Reiche überhaupt die Rede sein kann —ein geringeres Ergebnis geliefert hat. Ein׳ in Salonichi seit zwölf Jahren in amtlicher und anderer Eigenschaft erfolgreich wirkender und mit allen Verhältnißen genau vertrauter Arzt Dr. F. L. Lebovicz, hat mir in freundlichster Weise Einblicke in seine mannigfachen, die Stadt berührenden Auf- Zeichnungen gestattet, und diesen entnehme ich, dass er die Zahl der Bewohner auf über 135.000 schätzt, von denen etwa 85.000 Juden, 20.000 Türken, 25.000 Griechen, Bulgaren, Albanesen u. s. rv. und die übrigen ״Europäer" sind. Die Juden selbst haben einm bestimmten Grund, ihre Zahl zu -verkleinern, auch wenn ihnen dieselbe genau bekannt wäre. Sie bezahlen der türkischen Regierung für ihre Gesammtheit eine feste, die Militärbefreiung ihrer Glaubensgenoffen bewirkende Summe, welcher die Kopfzahl von 30.000 zu Grunde liegt. Würde diese irgendwie als höher ermittelt werdet^ so stiege damit sicherlich dererwähnte Geldbetrag, somit hat die jüdische Bevölkerung der Stadt seit einem Vierteljahrhundert ״amtlich" nicht, zugenommen. Aus dieser Aufstellung ergiebt sich nach einer Richtung das Uebergewicht der Juden, indessen ohne dass dasselbe bestimmend auf die allgemeinen Verhältniße zu wirken brauchte: dass sie arbeiten, mühselig arbeiten und in einen gewissen Sinne es ehrlich thun, das verleiht ihnen im Zusammenhänge mit ihrer Ziffermäßigen Mehrheit und gegenüber der Trägheit, Lässigkeit und auch sittlichen Verwahrlosung ihrer ״Mitbürger" jene in der neuern Geschichte des Stammes nicht zweimal verzeichnet Stellung. 'Wenn bei uns der Jude vielfach mit-der körperlich unbeschwerlichen Arbeit in Verbindung 'gebracht wird, mit einem mühelosen. Gewinn, der ihm lediglich durch die Ausnutzung geschärfter Verstandeskcäfts und altbewährter ״Practiken" Zuwachse^ während der Christ das schwere Werk verrichte, im Schweiße seines Augesichts seine Brotrinde erwerbe, so hat sich das Verhältnis in Salonicht vollständig umgekehrt. Der Jude ist der׳ Lastträger, der Bootsmann, der Handwerker, der Dienstbote. Der Türke arbeitet hier wie anderwärts überhaupt nur in einem beschränkten Sinne, soweit eben seines Lebens geringe Nothdurft es erfordert, der Grieche ergibt sich dem verhältnißmäßig leichten oder mühelosen Geschäft, er ist Jnhaber der zahllosen Kaffeeschänken, er ist Koch, Zuckerbäcker, Droschkenkntscher, Barbier, Friseur, er bildet den Vermittler auf jedem Gebiete, kurz, er betreibt in der Hauptsache alles, was ohne übermäßige körperliche Beschwerde sich thun lässt. Aus diesem ״umgekehrten Verhältnis" ergibt sich, dass auch die körperliche Verfassung der Juden von Salonichi sich von der z. B. ihrer polnischen und russischen Stammesgenossen wesentlich unterscheiden muß. Dem zumeist kleinen, schwächlichen, gebeugten Manne gedrückten Wesens von dort steht hier die kraftvoll gedrungene Mannesgestalt gegenüber, deren Gesichtszöge nur in seltenen Fällen in dem landläufigen Sinne als ״jüdisch" bezeichnet werden dürfen: sähen wir bei uns einen solchen Mann in abendländischer Kleidung, so würden wir sagen, er habe das Aussehen eines Arabers, eines Mauren. Jene Nase insbesondere, die bei uns vielfach als für den Stamm besonders bezeichnend gehalten wird, findet sich hier unter ihren berechtigten Beanspruch ern nur verhältnismäßig selten.. Der alle Jude hier unterscheidet sich in seinem Aussehen ka-um von dem Türken: beiden ist eine, gewisse gehaltene Würde zu eigen, ihr Wesen athmet eine patriarchalische Art, für welche der graue Bart und der meist ernst-freundliche Ausdruck des ״orientalischen" Kopfes einen maßgebenden Bestandtheil bildet. Sieht man einen sol-