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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-08-09 · Heft 26 (9.8.1888) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 26 (9.8.1888)
Date
1888-08-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seele selbst ist. Es genügt uns aber jene Einsicht in den lebendigen Proccss, weil cs nun klar ist, dass jedem gesunden Ton der innere Gedanke desselben notwendig vorausgehen muß; und es bezieht sich dies nicht etwa nur auf den ersten Anfang jedes. Tones Hinsichtlich seiner Höhe oder Tiefe, sondern auch auf die ganze Dauer und auf jede mögliche Nüancirung desselben. Wer einen Ton lange aushalten will, muß ihn auch lange denken; wer ihn in gleicher Starke bis zum Schluss׳ aushaltcn will, muß ihn ebensolange auch gleich stark denken; wer ihn in Heller oder dunkler Farbe haben will, muß. Ihn erst hell oder dunkel gedacht haben. Soll dann der gedachte Ton gesungen werden, so wird der Gedanke zum Willen, welchem die Nerven ebenso blitzschnell gehorchen, wie die Muskeln den Nerven. Dabei ist aber, wie überhaupt in unserer ganzen Gesanglehre vorausgesetztdass der Stimmapparat in normalem gesundem Zustände ist: denn' natürlicherweise würde jede Schädigung des Apparätes auch die Funktion desselben schädigen, und sie im schlimmsten Falle ganz aufheben;' die Funktion ist auch von dem materiellen Zustande des. Organs abhängig und ändert sich mit ihm. Ist aber '-das Organ in gesundem Zustande, da kann all* seine Funktion nur in obiger Wei.se geschehen, d. h. der Gedanke des Tons muß dem Singen desselben stets vorangehen; das psychische Element ist der Grund der, materiellen Thätigkeit auch im Gesang, von den ersten Anfängen an bis zur höchsten Vollendung. Dass der Mensch ursprünglich und natürlich durch die Leb- Hastigkeit seiner Seelen-Erregungen von selbst zum Singen kommt, und in welcher Weise dieses psychische Element das materielle Organ zur Thätigkeit ruft, haben wir gesehen; zugleich mit jenem naturge- -mäßen Ursprung des Singens ist aber auch der Zweck oller Gesangskunst und deren höchstes Zielschon gegeben. Die Seele will sich offenbaren in Tönen: der schönste Gesang ist also derjenige, in welchem die Seele selbst am klarsten hörbar wird, und die wahre Gesangslehre diejenige, deren innerer Gang die klarste Offenbarung der Seele mit Nothwendigkeit hervorbringt. Dies ist das höchste Ziel, auf welches die Gesanglehre hinarbeiten muß; nur um so mehr ist es aber zu verwundern, dass die alte italienische Gesangschule bis auf unsere Zeit unangefochten im Gebrauch bleiben konnte, denn jeder Blick in diese Manier-Schulen zeigt nicht blos sogleich den Mangel innerer, natürlicher Gesetzmäßigfeit und Begründung, sondern als höchster Zweck derselben leuchtet auch aus den entspreckienden. italienischen Compositionen nicht etwa der wahre Ausdruck der menschlichen Seelenzustände durch, sondern eine willkührliche, zufällige Spielerei in Tönen, einem vorübergehenden Zeitgeschmack huld'gend, nicht aber der inneren Naturwahrheit. Anders freilich haben die Deutschen componirt, und ein C. M. von Weber, H. Marschner, L. Epohr haben den wahren Ausdruck innerer Seelenzustände-ebenso in ihren Operu zur Aufgabe sich gestellt, wie ein Schubert und Mendelssohn in ihren Liedern; mit diesen ihren Werken sind sie aber über den Standpunkt der noch damals herrschenden italienischen Gesangschule weit hinausgeschritten, denn wer könnte wohl diese Compositionen von italienischen - Manier-Sängern anhören, ohne die in diesen Manieren liegende Unwahrheit sogleich zu erkennen. Die Coloratur-Fertigkeit ist nur Sache der Technik, niemals aber ist sie, an unwahrer Stelle angebracht, schön zu nennen; und . wenn sie vollends in falscher naturwidriger Weise uns immer als höchster Zweck entgegentritt (abwärts in Stößen — staccato statt portamento), da ist die Unnatur auf-den Thron gesetzt, und die wahre Herrscherin, die Naturwahrheit seelischer Zustände, verbannt von solchem Usurpator. Auch für uns haben darum solche ihrem Hauptinhalte nach meist nur historischen Werth; sehr zu bedauern wäre es aber, wenn Jemand in seinem nicht unbegründeten Widerwillen gegen den einseitigen italienischen Gesangstyl so weit gehen wollte, dass er über- Haupt die Melodie verdammen möchte; denn wenn wir sagen müssen dass dem Menschen schon für den einzelnen Ton ein Tonsinn ange, bören ist, so dürfen wir auch das Andere nicht vergessen, dass ihm für die Aneinanderreihung der Töne ein rhythmisches Gefühl und für die 'Verbindung der Tonformen ein Melodiensinn mitgegeben wurde. Nur Alles am rechten Ort, dienstbar der inneren Natur- Wahrheit, und mit bewusster Gesetzmäßigkeit ausgeführt! Der zu große Widerwille vor dem einen Extrem führt leicht zum andern Extrem; und wie der Satz nicht umgestoßen werden kann, dass das höchste Ziel der Gesangkunst die wahre Offenbarung der Seele sei, so muß auch der weitere Satz beherzigt werden, dass der Gesang keine bloße Deklamation, sondern eine Offenbarung der Seele in musikalischer Form ist, bei welcher der Tonsinn und Melodiensinn als geistige Träger und Vermittler wirken müssen. (Fortsetzung folgt.) Oberrabbiner, Obercantor und Oberlehrer. Vom Bezirksrabbiner A. Roth in Siklos. III. In Böhmen war Rabbi David Oppenheim der letzte Landesrabbiner; sein Nachfolger, Rabbi Ezechiel Landau (seit 1752 Oberrabbiner von Prag, gestorben 1793), genoß wohl in seiner Gemeinde wie außerhalb derselben große Verehrung, wurde aber dennoch nicht zum Landesrabbiner gewählt, weil er in dem großen Streite mit Rabbi Jonathan Eibenschütz ein Sendschreiben erließ, welches ihm viele Feinde zuzog. Rabbi Jacob Hirschel, welcher nicht müde ward, gegen den soharistischen Reformer zu schreiben und zu schreien, erklärte auch Landauer für einen Knyptosabatianer; auch die Prager Eibenschützer hielten nicht bei Landauer, weil diese ihn wieder für einen Feind Eibenschütz's hielten. Landauer war gegen diese Zurücksetzung sehr empfindlich; als sich ein Rabbiner im Bezirke mit einer kasuastischen Frage an ihn wandte, antwortete er ihm mit voller Entrüstung, dass die Rabbiner im Lande sich an ihn wenden und er unentgeltlich antworten sollet) Wenn die weltliche Behörde in Ungarn sich mit Fragen, die jüdische Religionslehre betreffend, an den Rabbiner wandte, wurde derselbe, falls er auch im Lande als große Autorität galt, nur mit dem Titel ״Rabbiner" angesprochen, *) und dies geschah, wenn auch der Rabbiner zwei r chtskundige, talmudische Gelehrte zur Seite hatte, weil diese selbst in der Gemeinde nicht Rabbinatsgehilfen genannt wurden; denn dieser Titel war überhaupt in den jüdischen Kreisen nicht üblich, sondern sie hießen Dajauim, d. h. Richter. Der Rabbiner, der in den gerichtlichen Sitzungen den Vorsitz führte, wurde Ab-Beth-Din, d. i. Vater oder Präsident des Gerichtes genannt. Den Behörden gegenüber nannten sich die Dajanim Inristen, eine Benennung, welche wegen ihrer allgemeinen Gebräuchlichkeit und Verständlichkeit auch in der österreichischen Gesetzesspräche einheimisch geworden ist. Die Entscheidung über religionsge- D Siehe B. Chananja, L. Jahrg., S. 488. 2) So wandte sich die Stadthalterei in Ungarn an den weithin berühmt gewesenen Rabbi Moses Safer in Preßburg und ersuchte ihn, alle diejenigen Blutsverwandten zu bezeichnen, sowohl aus der Ascedenz, wre Descedenz, unter denen nach jüd. Gesetzen die Heirath verboten ist. Siehe Eh ach am Sofer 1- Theil, Resp. 37.

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