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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-07-28 · Heft 25 (28.7.1888) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 25 (28.7.1888)
Date
1888-07-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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unfern Willen. Zugleich sind in der Möglichkeit der verschiedenen Tonfarben auch die Elemente aller Sprachbildung, und in der Möglichkeit der mannigfaltigsten Uebergänge und Zusammensetzungen die Elemente aller Seelenmalerei schon gegeben; d. h. die Technik führt uns von selbst nothwendig zum letzten Theil unseres Systems oder zum Gesang als lautender Seele: — gewiss das beste Zeugnis für seine innere Wahrheit! Ehe wir jedoch zu dem übergehen, mag es uns erlaubt sein, noch einige allgemeine Bemerkungen über tech- Nische Uebung und über Gesundheit der Stimme hier anzureihen. Die Aufgabe der Technik ist, eine volle Herrschaft über die materiellen Töne zu gewinnen. Also auch noch abgesehen von der Sprache und der Tonbeseelung, vom Gedanken und Gefühl, welche sich spätex als die oberste Macht über alle technische Fertigkeit stellen, müssen alle das Gesangorgan zusammen constituirenden Theile gehorsam werden unserem Willen. Der Lehrer gibt dem Schüler die Wege dazu an, wie wir sie in unseren vorhergehenden Theilen an der Hand der Natur selbst deutlich ausgezeichnet haben. Die Sache des Schülers aber ist es, durch fleißige Uebung in der vorgezeichneten Weise sich immer mehr Fertigkeit darin zu erwerben. Und wie der Lehrer die für einen Schüler individuell nöthigste Uebung herausfinden und seinen 'ganzen Unterricht nach dieser Individualität einrichten muß, so sind auch die Uebungen, welche die Schüler zu Hause allein für sich zu machen haben, nicht gleich. Doch haben alle Schüler bei ihren verschiedenen Uebungen Einiges in ganz gleicher Weise zu beobachten, nämlich: Der Schüler gehe bei seinen Uebungen stets nur allmälig zu Werke, d. h. er nehme immer den Gang vom Leichteren zum Schwereren. So oft er seine Uebungen beginnt, beginne er mit dem Leichtesten und Einfachsten mit der Erzeugung eines Tones der 'Mittellage; dann erst, wenn dieser gut ist und feststeht, reihe er die weiteren Töne oben und unten gradatim an; nüancire dann die ganze Scala nach Stärke und Klang; und ist auch dies wieder gelungen, so ordne er eine Melodie nach dem jede!» Theile zukommenden Maß in innerem Zusammenhänge. Das Singen der Scala muß so jeder Solfegzie oorausgehen; und auch der gebildetste Sänger darf seine Scala-Uebungen nie unterlassen, denn darauf allein beruht die sichere Ausführung jeder weiteren zusammengesetzten Uebung. Die Anstrengung der Muskeln muß stets vom Leichteren zum Schwereren übergehen; so nur — durch stufenmäßigen Gang — wächst die Kraft und wird fähig zum Schwersten; die richtige Muskelthätigkeit kommt dadurch immer wieder auf's Neue erst in rechten Gang und in unsere Gewalt. Wer dagegen ohne Vorbereitung sogleich mit den Schweren beginnt, erschwert sich dessen Ausführung; denn nur durch Vorbereitung und allmälige Uebung stellt sich die rechte intensive Kraft und die gehörige extensive Ausdauer her, während jede zu plötzliche Anstrengung am Organe selbst sich rächt. Sodann gehe der Schüler bei seinen Uebungen stets regelmäßig zu Werke, d. h. er übe. stets in gemessenen Zwischenräumen (Pausen), zu einer bestimmten Zeit, nie zu kurze Zeit und nie zu lange. Die beste Zeit für die Uebungen ist der Morgen, eine Stunde'nach den Aufstehen, wenn der Körper aus der Ruhe des Schlafes wieder ganz in seine wache Lebendigkeit gekommen ist; mit dem ganzen Körper erwacht auch das Stimmorgan, und jeden Morgen erzeugt sich die Stimme auf's Neue. Der Schüler beginne daher jeden Morgen mit den Einfachsten und Leichtesten und gehe ganz allmälig zum Schwereren, bis das Organ wieder gehörig thätig geworden ist; dabei vermeide er alle Anstrengung der Lungen und des Kehlkopfes auf's Gewissenhafteste. Diese ersten Uebungen des Morgens (etwa um 8 Uhr) dürfen gemeiniglich nicht längerwähren als eine halbe Stunde. Und später erst nach Verfluss einer Pause von einer Stunde mag denn die volle Uebung des Organes- bis zur Entfaltung seiner ganzen Kraft vorgenommen werden, und mit den gehörigen Zwischenräumen, die sich der Schüler zur Ruhr immer wieder gönnen muß, je nach deren Dauer bis zu zwei Stunden sich ausdehnen. Auch hier ist jedoch jede zu große und jede zu lang dauernde Anstrengung ganz zu unterlassen, und der Schüler pausire immer dann, wenn er fühlt, dass sein Organ an Kraftentwickelung statt zuzunehmen, eher wieder Nachlassen möchte und somit nach Ruhe und Erholung verlangt. Ist aber des Morgens aus diese Weise das Organ zu seiner gehörigen Entfaltung gekommen, so ist für den Gebrauch der Stimme am Abend schon der beste Grundstein gelegt; ganz unsinnig aber ist es, den nun erreichten Grad der Krastentwicklung des Organes wieder aufzuheben durch einen Mittagsschlaf und sich so aufs Neue dasselbe Geschäft aufzulegen, dessen man des Morgens zu neuer Hervorrufung der richtigen Muskelthätigkeit in ganz langsamen Fortschreiten bedurfte. Drei Stunden nach Tisch oder erst am Abend können die Studien wieder.beginnen; und je genauer und fleißiger ein Schüler schon am Morgen die Stimme wieder eingerichtet und geübt hatte, desto besser wird ihm auch jede Ausführung an! Abend gelingen. Diese Uebungen des Morgens aber, welche zur ersten Ein-, richtüng der Stimme dienen, sollten ganz besonders von dem Schüler jeden Tag zur selben Zeit, in gleich allmäliger Aufeinanderfolge und gleich lang, kurz ganz regelmäßig gemacht werden. Verbindet der Schüler endlich mit diesen allmäligen und regelmäßigen Uebungen der Stimme überhaupt eine regelmäßige, einfache Lebensweise, so wird wie die Gesundheit seines Körpers im Ganzen, so auch die Gesundheit seiner Stimme wesentlich gefördert. Zu vieler . Genuß von Speisen und Getränken (der Magennerv steht in einiger Beziehung mit dem Kehlkopf); zu langes Wachen in der Nacht; zu starke Erhitzung und zu schnelle Abkühlung sind der ganzen Gesundheit, besonders aber der Stimme, gefährlich. Jede Erhitzung unb Erkältung äußert sich sogleich auch an der Stimme in nachtheiligster Weise: die Stimmbänder verlieren ihre gehörige Feuchtigkeit und Elasticität (die Heiserkeit beruht stets auf zu großer Trockenheit der Schleimhäute im Kehlkopf), und in den Lungen geht der Achem-Proceß nur mit Mühe vor sich. Auch zu vieles Rauchen ist nachtheilig, weil es den Hals zu sehr austrocknet; überhaupt aber muß Mäßigkeit bei allen Genüssen das oberste Gesetz sein für jeden Sänger, dem die Fortbildung und Erhaltung seiner Stimme am Herzen liegt. Gar oft hört man auch wohl den Satz, dass mit zunehmender Schule die Stimme selbst abnehme und besonders der zarte Jugendglanz verloren gehe; dies ist ganz richtig in dem Fall, wenn die Schute eine falsche ist und der Individualität des Schülers zuwiderläuft, wenn z. B. der Lehrer einen Schüler rn eine seiner Natur zuwiederlaufende Stimmgattung einreiht und überhaupt, wenn die Anstrengung der Lungen und der Muskeln bei den Uebungen eine zu große, dem Organ selbst schädliche ist, denn jede zu große Anstrengung schadet augenblicklich dem Organ und kann es sogar ganz unbrauchbar machen für alle Zukunft, besonders verlieren dadurch die Stimmbänder die Fähigkeit, sich vom Zustande der Anspannung beim Singen wieder in den gehörigen natürlichen Zustand der Ruhe und Zusammenzieh ung von selbst zu versetzen. Ist aber die Schule dem individuellen Schüler angemessen und werden die Uebungen vom Schüler stets allmälig, regelmäßig und mit Maß getrieben, so nützt sie der Stimme, indem sie dieselbe immer mehr kräftigt. Durch falsche Uebung wird auch die gesundeste Stimme krank, durch gute Uebung aber erhält und kräftigt sich nicht bloß

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