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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-07-28 · Heft 25 (28.7.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 25 (28.7.1888)
Date
1888-07-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ruhig uur jene Stätten auszusuchen, die auf den Höhen der' dama- Ligen jüdisch-cantoralen Bestrebungen lagen. Fragmentarische Abfälle genügten dem ernsten Jüngling nicht; denn welchem Berufszweige er sich auch zugeweudet hatte, seine Bestrebungen waren sicherlich jeder Zett nur auf die Erreichung der höchsten Ziele gerichtet gewesen. Deshalb kann es nicht Wunder nehmen, dass,Moriz Deutsch Llls Statte zur Verwirklichung seiner Zukunftspläne das damals mächtig aufblühende Wien und als Lehrer für die cantorale Fach- Wissenschaft keinen Geringeren als den allgemein verehrten und im Glorienschein eines Weltrufes sich badenden Meister Sulzer erkoren. Ohne sich erst müßige Fragen bezüglich der Ausführung seines Lieblingsgedankens vorzulegen oder etwaigen Bedenken für ein mögliches Scheitern seiner Unternehmungen Raum zugeben, sehen wir ihn im Jahre 1841 plötzlich in Wien, um aus dem Munde Sulzers alles das zu vernehmen, was 'er für die nächste Zukunft zu beginnen habe. Sulzer erkannte sofort das glänzende Talent, des jungen Mannes, stellte ihm einen glücklichen Erfolg in Aussicht und deutete alles das an, was ihm für die musikalische und anderweitige Fortbildung des jungen Cantoratseleven ersprießlich schien. Mtt einer Begeisterung, wie sie nur dem Gottbegnadeten eigen, erfasste nun Moriz Deutsch seine Aufgabe-; was' Andere in Zähren nicht vollbracht hätten, das brachte׳ er schon in einigen Mouaten zu. Wege, nämlich die Aneignung jener Kenntniße, welche zur Aufnahme ins Conservatorium unumgänglich nothwendig waren. Diese Aufnahme erfolgte nun schon im Oktober 1841 und bald scheu wir den genialen Kunstjünger.unter der Leitung Professor Fischhof's im Klavierspiele und Professor Weiß' im Gesänge emsigen und gediegenen Studien obliegen.—-Die Residenz'ist ein schlüpfriger Boden für einen, ׳ sich selbst überlassenen jungen Mann, und mancher aus der Provinz eingewanderte unerfahrene Jüngling fand, berauscht von der farbenreichen Umgebung und ihren Eindrücken und Genüssen sich rückhaltlos überlassend, ein jähes und unglückliches Ende; zudem gilt ja bei unechten Kunstjüngern, und dies leider in erhöhtem Maße auf jüdisch-cantoralem' Gebiete, eine vermeintliche Künstlerschaft oder der Besitz einer leidlich 'schönen Stimme als Freibrief für ein sittenwidriges Leben, so dass moralische Aus'chrei- Lungen für Genialität und vordringliches, empörendes Benehmen als Ausstuss künstlerisch hohen Selbstbewusstseins erachtet werden. Deshalb können wir den Hinweis nicht unterdrücken, wie gewissenhast und edel Moriz Deutsch seine Lebensarbeit auch, nach dieser Richtung erfasste und vollführte. Unbekümmert um das Leben und Treiben seiner Studien- und Sangesgenoffen, lebte Deutsch als Kunstnovize ein beschauliches, in sich gekehrtes Leben, und seine Genüffe bestanden lediglich in der strengsten Erfüllung seiner Obliegenheiten und in der möglichen Erweiterung seines musikalischen Wissenskreises. Diese ernste Geistesarbeit °reifte nicht blos segensvolle Früchte an dem Lebensbaum des Jünglings, sondern lenkte selbstredend auch die Aufmerksamkeit seiner Lehrer und Meister auf sich, so dass sein Gesangslehrer Professor Weiß keinen Anstand nahm, Lei einer am Neujahrstage des Jahres 1842 in der Augustinerkirche anfzuführenden großen Messe, von allen seinen Schülern den noch jugendlichen Eonservatoristen' Moriz Deutsch zur Uebernahme der schwierigen Tenorpartte zu bestimmen, welche Aufgäbe er auch unter allgemeiner Anerkennung seiner Lehrer und Zu- Hörer vollführte. Der nun zu einer gewissen Reife gelangte Kunstjünger lauschte selbstredend den allsabbätlichen Vorträgen ^Meister SulzerZ! Ln der Seitenstettensynagoge, machte nicht die Phrasen und individuellen Effekte-, wie es leider bei den meisten gedankenlosen Nach- Lretern der Fall war, sondern den concreten musikalischen Inhalt - der Sulzer'schen Vorträge zu seinem geistigen Eigenthum und, da er tüchtig hebräisches Wissen besaß und die traditionelle Gesangsliturgic aus seinen Jugendjahren umfassend beherrschte, so klarten sich die Naturanlagen durch den .Einfluss streng 'wissenschaftlicher Kenntniße allmählig zu einem reinen künstlerischen Produkte, welches ihn mit wahrhafter Befriedigung erfüllte. Nach seiner im Jahre 1842 mit Lob abgelegten Schlussprüfung als .Sänger' und Musiklehrer am Conservatorium der Musik, erachtete er seine'Fachstudien vorläufig als abgeschlossen; allein nun galt es, dieangesammelten Theorien in praktischer Bethätigung zu . erproben. Auch hiebei finden wir den Blick des jungen Mannes nach der Höhe gerichtet, so dass er manche ihm angebötene erste Cantorstelle für eine׳ Provinzsynagoge ersten Ranges ausschlug und es als zweckmäßig erachtete, in der geistigen Athmosphäre seines . künstlerischen Vorbildes Meister Sulzers zu athmen, um in dessen nächster Umgebung all jene Lücken genügend auszufüllen, deren er sich vollauf bewusst war. Deutsch bewarb sich um die zweite Cantorstelle in .der Seitenstettensynagoge und wurde, von Sulzer empfohlen, schon nach einem kurzen Probevortrage sofort vom Vorstande definitiv angestellt, — So sah sich Moriz Deutsch nach jahrelangem, unablässigem Ringen an dem ersten, aber bedeutungsvollsten Marksteine seines Lebens angelangt, sah seine. Ideale Gestalt und Körper annehmen, fühlte sich glücklich in dem Bewusstsein, in Anstürmen feindlicher Verhältniße den Leitstern der eigenen Ueberzeugung nicht außer Acht gelassen, jedoch auch in. kindlich pietätvoller Weise den Anforderungen seiner frommen Eltern gegenüber sich keines Treubruches schuldig gemacht zu haben und sicherlich vor sein geistiges Auge auch damals nach oben, zum Allvater aller Menschen gerichtet, als er sein heiliges Amt am Betpu'te der Seiten'tettensynagoge antrat und dankerfüllt und inbrünstig die Worte recitirte: ״^v'80Ll1er chasde .owaus, umewi goel liwne wnehem — melech oser umoschia umogen. ״ . (Fortsetzung folgt.) MethMK -er Gesangskunst. XXXIII. Nur auf die angegebenen Weise, erhäl.t die'Melodie ihren innereu Zusammenhang, der Vortrag seinen inneren Fluss. Und wenn nun für die ganze Melodie und deren Vortrag nach freier Wahl des Componisten und Sängers ein bestimmtes Maß als Normalmaß festgesetzt ist, so bestimmt sich daraus mit Nothwendigkeit auch das den einzelnen Theilen oder Tonformen, zukommende verschiedene Maß,'und zwar stets in dem bereits verlangten inneren Zusammenhange aller dieser Theile unter einander- Die richtige Feststellung des für eine gegebene Composition im Ganzen nothwendigen Normalmaßes, sowie die richtige Zntheilung des jedem einzelnen Theile — sei es nun eine No e oder eine größere Phrase — nach seinem inneren Verhältnis zum Ganzen zukommenden Maßes ist nur bei wahrer Verständnis der Composttton und der Intention des Dichters möglich; dieses aber wird nur durch fleißige Uebung in der Musik und durch tiefes Studium der Poesie erreicht: denn mit ihnen zugleich erwacht und wächst immer mehr der innere Sinn und das seine Gefühl für alles Schöne, der wahre Melodien-Sinn. Und jener innere einheitliche Zusammenhang des Ganzen, trotz der mannigfaltigsten Verschiedenheit der Theile, ist denn auch das Höchste, was wir überhaupt durch die Technik der Gesangkunst zu erstreben und zu erreichen haben: es ist die höchste Beherrschung der materiellen Tone durch

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