Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 25 (28.7.1888)
- Date
- 1888-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreiehisch - ungarische H^ränumeralionspreis Für Ver«i11s<nitgNrder. Ganzjährig fl. b.— Halbjährig fl. 2.50 Wikrtrljährig fl. 1.25 Für Nichtn.«gN«d-r S^iisShrig fl. 6.—. I! ׳?Ablährig fl. 3.— 11 '?ieSeljährig fl. 1.50 •/ Für das Ausland ^Gänzjährig fl. k.— 10 Mark oder 5 Rubel.' Organ für die KnIereMn Mischer Hsntoren und ^ultusbeiimten. Erscheint jeden achten Gag. Begründer: Obcrcantor Jacob Bauer. Kedactio« und Administration Wien, II.. Novaragaffe Nr. 27־. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht rctournirt. Nr. 25. Wien, 28. Juli 1888. 8. Jahrgang. Urtier -ir Entwicklung des Synagogengesanges von.Ober-Cantor I. Singer in Wien. II. Serie. : XXV. , .... Mit dem Verlassen der räbbinischen und dem Betreten der cantoralen Laufbahn waren für Moriz Deutsch sofort anch die Gesichtspunkte, die er zu beachten und Bildungswege verzeichnet, die er fortan zu betreten -habe. Allerdings ist die Richtung, die ein Kind vom Elternhause empfängt, maßgebend für sein ganzes Leben und der patriarchalische Geist der Eltern war auch in segensreicher Weise das unantastbare Erbe des Sohnes geworben, allein in Moriz Deutsch lebte, vielleicht, unbewusst, eine Hoheit der Auffassung bei Beurtheilung seiner Lebensverhältniße, wie sie bei jungen, unerfahrenen Männern, nur selten anzutreffen und die bei dem entschiedensten Zielbewusstsein immerhin einem pietätvollen Anknüpfungspunkte für bereits bestehende Vorkommniße Raum gab- So in seinem Leben, so in seinen Werken und Thaten. — Jene Periode, die ja mit dem Erwachen des jüdischen Selbstbewusstseins auch die mannigfachsten Kunstbestrebnngen unserer Glaubensgenossen im Gefolge hatte, entsendete ja bekanntlich eine bedeutende Anzahl an Opernnnd Conzertsängern und Moriz Deutsch war, wie später ersichtlich gemacht-werden soll, durch Mittel und Talent berechtigt, einer der edelsten Vertreter des Kunstgesanges zu werden, allein weder .die großen äußerlichen Erfolge so manchen Sangesbruders, dessen Leistungen an die seinigen nicht heranreichten, noch die, ׳ damals bekanntlich ungeordnete und unsympathische Stellung der jüdischen Cantoren konnten die Brücke vernichten, die das eigene heiße Sehnen mit dem einstigen frommen Wunsche seiner geliebten Eltern n verband. Des Jünglings Zukunftsplan, ja sein leuchtendes Ideal war allerdings aus den ״Sänger" gerichtet, allein aus der Tiefe ־ seines Herzens konnte er den peinigenden Gedanken nicht entfernen, dass seine Eltern ihn eigentlich zum Dienste ״Gottes" bestimmt hatten und im ewigen Widerstreite seiner Gefühle keimte allmählig der Gedanke auf, da's er keine der obwaltenden Anforderungen hintanzusetzen brauche, wenn er ein ״Sänger Gattes" würde. Nicht das dolce far niente so manchen Talmudjüngers, der die Jeschiwa- Jahre lediglich mit Tageessen und Frömmelei verbrachte, der in dem traurigen Bewusstsein seiner Unfähigkeit schließlich der Anssichtslosigkeit einer räbbinischen Laufbahn gegenüber stehend, das Cantorat für ein von der Lebensfluth HeraugeschwemmteS Rettungsvor dem -Uyte.Wmg. bewahren soff, der mit zweifelhaftem Talente und ungenügendem Fachwissen von einem in großer Stellung sich befindlichen Cantor schon nach kurzer Frist in leichtsinniger und unverantwortlicher Weise zum Cantor graduirt wird und der mit elenden Fragmenten feiner verbliechenen Bachur- Periode die Uneingeweihten verblüffen und sich daher einen erborgten und falschen cantoralen Bedeutunzsschimmer vindiciren möchte, welcher ihm von gewissenhaften jüdischen Cantoren sicherlich vocenthalten bleiben muß; ja nicht einmal die Nothwendigkeit eines vorgerückten Alters, welche'manchen, in planlosen Versuchen und Un» ternehmen schiffbrüchig gewordenen Lebenspilger zn einem endgiltigen Entschlüsse drängt; nicht Solches und Aehnliches also war es, welches Moriz Deutsch' auf die cantorale Laufbahn lenkte. Der damals 22jährige, stets emsige und wissenschaftlich tüchtig vorbereitete junge Mann besaß -alle Vorbedingungen, um ein intelligenter und gediegener Rabbiner werden zu können und das durch Fleiß und Arbeit erworbene reiche Wissen muß sicherlich als eine werthe, ja hochzuschätzende Beigabe seiner Individualität anerkannt werden, allein die inner׳ Stimme und vielleicht auch das allmälig aufkeimende Talent lenkte ihn zart und leise von der einen Richtung ab, um ihn nach und nach jene Pfade betreten zu lassen, die seine einstigen Lebensbahnen werden sollten. So ward Moriz Deutsch ein jüdischer Cantor. Doch nicht im Handumdrehen, wie es stets der Ignoranz beliebt, sondern ruhig und vorsichtig vollzog sich das Umwandlungswerk in dem Lebendes genialen jungen Mannes. Hier wie überall bekundet sich seine oben angedeutete ideale Auffassung bestehender Lebensverhältniße. Ueberzeugt von der fachmännisch-bedeutungslosen Vorbereitung für seine künftige Lebensaufgabe und,. geleitet von der Einsicht, dass er Viel und Vieles zu lernen habe, entschloss er sich