Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 24 (15.7.1888)
- Date
- 1888-07-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Auch den im erwähnten Formplan nicht inbegriffenen Juden gewährte der König unterdessen vorbereitende Maßregeln, wenn auch nicht solche Freiheit wie den übrigen. Schlesien besonders hatte früher die Juden höchst drückenden Beschränkungen unterworfen, sie von den ergiebigen Zweigen der Industrie .dermaßen ferngehalten und ausgeschlossen, dass eine plötzliche Gewährung der Freiheit ihnen unfehlbar schädlich geworden wäre. .Durch Erziehung und Gewöhnung mussten sie erst für dieselbe fähig gemacht werden. Dies rechtfertigt einigermaßen die Beibehaltung früherer Beschränkungen bezüglich der Freizügigkeit, der Heimaten, der Gewerbe u. s. w. neben der Gestattung freien Handels, freier Handwerke, Fabriken und der Begünstigung bemittelter Juden, obgleich das letztere Moment der elenden Geldherrschaft Vorschub leisten musste. Doch alle diese Hemmniße, welche die Gewohnheit dem rollenden Rade der Wellereigniße entgegenstemmte, mussten der Gewalt der Vewegung weichen. Die unwiderstehliche Kraft des Geistes unseres Jahr- Hunderts trat mit Riesenschritten über die kleinlichen Auswüchse einer verblühten Vorwelt hinweg, zermalmte die Kinderspiele, womit man die Pfaffen und das irregeleitete Volk befriedigte, die Parteien entzweite und Menschen mit Mensch verfeindete. Unter -der Leitung des gerechten Königs Friedrich Wil- Helm m. hatte Preußen das Glück, dem fortreißenden, verderblichen Strudel der Zeitereigniße nicht zu erliegen, sondern es versuchte, mit Besonnenheit dem Gange der Zeit zu folgen, um dann die Wohlthaten der neuen Schöpfungen desto segensreicher zu ernten und weiter zu spenden. Unsere Aufgabe ist nur, die Wirkung der Zeit bezüglich der Juden darzustellen. Mendelsohns Ansicht über Erziehung und Unkerricht derselben erlangte immer mehr Ausbreitung und Anerkennung. Sobald sich? den. Juden. die staatlichen .Bildungsanstalten öffneten, traten sie aus ihrer bisherigen Absonderung heraus und besuchten die. Schulen mit löblichem Eifer und gutem Erfolge. Sah man ehedem nur ausnahmsweise jüdische Jünglinge in christlichen Schulen und Werkstätten, so bildete letzteres nunmehr die Regel, und bald erblickte man sie auch in den Reihen der Vaterlandsvertheidiger. Ihre Bemühungen fanden auch die allgemeine Anerkennung des Königs und Volkes. Für Staatsämter vorbereitete und geschulte Juden wurden auch in dieselben eingesetzt, bewährte Künstler in. die Akademien ausgenommen, wie Lehrbücher derselben in Schulen eingeführt. An vielen Orten bildeten sie Vereine zur Beförderung einer besseren Erziehung und der Handwerke. Ihre eigenen Lehranstalten hoben sich dermaßen, dass vorurtheilsfreie Christen ihnen gerne ihre Kinder, anvertrauten. Die Annäherung der früher so sorgfältig geschiedenen Volksklassen an das allgemeine Bürgerthum . vollzog - sich zusehend. Dieselbe wurde noch besonders durch Verbreitung französischer, freier Grundsätze während - der Fremdherr- ' schüft in- Deutschland sehr begünstigt. Was ohne Gesetz bereits anerkannt war und nur hie und da in der Ausübung auf Hinderniße stieß, fand endlich gesetzliche Würdigung. Durch das Edikt vom jl. März 1812 wurde den jüdischen Preußen endlich das volle Bürgerrecht gewährt.? Nach demselben sind sie berechtigt,'im Staate überall zu wohnen, Grundstücke zu erwerben, alle Gewerbe zu betreiben und nach Maßgabe ihrer Befähigung Staatsämter zu bekleiden. Auch ward ihnen eine mit Zuziehung einsichtsvoller Juden zu bewerkstelligende Reform des Unterrichts und der Synagoge verheißen. Mit unbeschreiblicher Begeisterung übernahmen die Juden die bald recht schweren Bürgerpflichten, namentlich die Jugend wurde von einem edlen Wetteifer beseelt, da sich , ihr nunmehr ein so weiter Wirkungskreis eröffnete. Mit wahrer Begeisterung stellten sich, die Waffenfähigen in die Reihen der Vaterlaudsvertheidiger und ließen ihr Leben im Kampfe fürs Vaterland, oder kehrten geschmückt mit Orden, als Anerkennung ihres bewährten Muthes heim. Die den Juden oft zum Vorwürfe gemachte schwache Elternliebe^ wich voll» ends der allgemeinen Begeisterung für das nunmehr auch chnen gewordene Vaterland. Diesem weihten sie Opfer über Opfer und staudenhierin gewiss keinem Patrioten nach, sowie bezüglich der Linderung der Kriegsleiden, Heilung. Pflege der Verwundeten und Kranken. Religionshass, Verachtung der Zurückgesetzten, wie Klagen über Mißstände zwischen Kirche und Synagoge waren mit einem Male verschwunden. Mit einem Worte, die Bevölkerung Preußens umschlang ein Band der Bruderliebe, das nicht zum-kleinsten Theil eine Folge der gemeinsamen Noth war. Nach Beendigung des Feiheitskampfes 1815 erhielt Preußen noch andere Judengemeinden mit verschiedenen gesetzlichen Verhält« nißen. Die der Rhein-Provinzen erfreuten sich bereits eines freien französischen Bürgerrechts, ebenso ein Theil der Provinz Sachsen, während der andere Theil nock in mittelalterlichen Gesetzeszuständen wurzelte. Das Großherzogthum Posen hatte vollends noch eine jüdisch-polnische Verfassung. Natürlich standen die Juden dort aus einer derselben angemessenen Bildungsstufe. Preußen ließ vorläufig alle im übernommenen gesetzlichen Zustande, ließ alle in bisheriger Fagon selig oder auch unselig werden. Die Gründe, welche die Hebung der übernommenen Juden verzögerten, vermögen wir ebenso wenig anzugeben, wie die wieder bald gesetzlich ausgesprochene Nicht-» besähigung jüdischer Rheinländer zu dem chnen verfassungsmäßig berechtigten Zutritt zu Staatsämtern und die 1822 mittels Kabinetsordre verfügte Ausschließung jüdischer Gelehrten von Schul- und akademischen Aemtern. Am 129. Mai 1814 erfolgte in Dänemark eine ähnliche» etwas beschränktere Naturalisation der Juden. Dieselben wurden schon im Beginne des vorigen Jahrhunderts ausgenommen und mit Milde behandelt. Schon 1789 wurden sie zum Handwerk zugelassen. Es bildeten sich alsbald Vereine zur Förderung desselben, und zwar mit sehr günstigem Erfolge. Schon nach einem Jahrzehnt, war über ein Siebentel der gesammten Zahl dem Handel abwendig gemacht und . dem Handwerk zugeführt worden. 1824 ward noch besonders verordnet, dass die Juden Holsteins und anderer Provinzen nicht behindert werden dürfen, in Innungen einzutreten. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Von etwa 2300 Seelen in Kopenhagen, darunter' 1100 männliche, gehörten 70 der Wissenschaft und Kunst und 200 dem Handwerk, ein Verhältnis, das offenbar allen Vorwürfen von Unempfänglichkeit und Arbeitsscheu unzweideutig widerspricht. Der Corresp. v. Riesen-Geb. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wie». Am 20. Juni starb der em. Lehrer und Rabbiner L. Mautner im 83. Jahre seines Gott geweihten Lebens, beweint und betrauert nicht nur von seinen Angehörigen, sondern auch von den Mitgliedern zweier Gemeinden in Böhmen, denen er die ganze Wirksamkeit seines Lebens gewissenhaft gewidmet. Diese beiden Gemeinden sind Koschetitz und Lukawetz. Nachdem das hohe Greisenalter ihn bereits berufsunfähig gemacht, begab sich der nunmehr zur .ewigen Ruhe Eingegangene in die Reichshauptstadt, um bei seinen Kindern den Rest seines Daseins zu verleben. Da lebte er fast ungekannt und unbeachtet, still und bescheiden, zufrieden mit feinem Lose und gottergeben mehrere Jahre. Es war der Edelsten und