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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-06-29 · Heft 22 (29.6.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 22 (29.6.1888)
Date
1888-06-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Meine Lhrsuik. Wrerr Anlässlich der vor einigen .Monaten erfolgten Ein- Weihung des ׳türkischen Tempels in Wien wurden der Vorstand der sephardischen Gemeinde sowie die ersten Beamten derselben und der Erbauer des Tempels von Sr. Majestät dem Sultan Abdul Hamid in besonderer Weise ausgezeichnet. Tem Präses, Herrn Marcus M. Rusto, der stch durch die. von ihm eingeführten Reformen ein ewiges Denkmal gesetzt hat, wurde der Commandeur-Orden, dem wohlverdienten zweiten Vorsteher, Herrn' Josei Eskenasy, der Medschidje- Orden. 4. Elaste und dem Architekten, Herrn Hugo Ritter v. Wiedenseld, der Medschidje Orden 5. Classe verliehen. Obercantor Jacob Bauer erhielt eine prachtvolle, gold.ne Uhr, geziert mit den Jnitialien des Sultans sammt Krone und Halbmond, zum Geschenke; in gleicher Weise wurden die beiden Chachamim Papo' und Alkälay bedacht:jHerr Josef Sufter) wurde für eine dem Sultan gewidmete Hymne Mit der silbernen Medaille für Kunst ausgezeichnet. Wrerr. Mittwoch den 27. d. M. verhandelte der Oberste Gerichtshof als Castationshof über den Recurs Schönerers gegen das. Urtheil, welches der Erkenntnissenat des Landesgerichtes gegen ihn am 5. Mai wegen des nächtlichen Ueberfalles in der Redaction des ״Neuen Wiener Tagblatt" fällte. Der Gerichtshof verwarf unter Vorsitz des .Präsidenten Ritter v. Schmerling die eingereichte Beschwerde .und bestätigte das erstrichterliche'Urtheil. Ueber die Berufung gegen das Strafausmaß wird eine besondere Verhandlung in geheimer Sitzung stattfinden. ״ Arag. Am 16. Juni fand im hiesigen Tempel der Abschluß des Jugendgottesdienstes für das ablaufende Schuljahr in wahrhaft erhebender Weise statt. Die Räume des prachtvollen Gotteshauses waren nebst der zahlreichen Schuljugend von Herren und Damen vollständig überfüllt. In vorderster Reihe nahm man eine Anzahl von Fachmännern wahr. Herr Regierungsrath Pros. Dr. K a e m p f hielt die Festrede, die allseitig bewältigenden Eindruck machte, wie es bezüglich des hochverehrten Rednermeisters nicht anders zu erwar-. ten war. Der Redner wies aus die-opferwillige Thätigkeit des Tempelvorstands zu Gunsten der Einführung des betreffenden Gottes-- dienstes hin, und wenn er auch keine Namen nannte, so erkannte man doch, dass dem Vorsteher Herrn Sam. Fischel das Hauptverdienst gebühre. Auch das Vorbeten des Ober Cantors, Herrn S. Moor, wie der Chorgesang wirkten überaus eindrucksvoll. Tie Feier war-somit nach allen Richtungen hin eine äußerst gelungene. Agram. Se. k. .und k. Hoheit Kronprinz Rudolf, welcher mit seiner erlauchten Gemalin die südlichen Reiche der Monarchie bereist, hatte während seines hiesigen Aufenthaltes die Gnade, auch die Deputation der israelitischen Gemeinde zu empfangen, welche ihm den ehrerbietigen Willkommengruß der jüdischen Bevölkerung der kroatischen Landeshauptschaft überbrachte. In seiner bekannten Leutseligkeit erwiderte der Kronprinz diese Begrüßung mit folgenden .Worten: ״Ich bin herzlich erfreut, dass mir berichtet worden ist, in welcher brüderlichen Eintracht die jüdische Bevölkerung mit den übrigen Confessionen lebt. Diese Eintracht bildet die .feste'Grundläge der Gesellschaft und des Staates". Wahrlich, ein goldener Wahrheitsspruch! Heil dem Reiche, das in solcher Weisheit regiert wird! Die jüdische Deputation erfreute stch fernerer huldvoller Anspräche settents Sr. k. u. k. Hoheit und wurde von demselben gnädig entlasten. Hderöerg r. Mark. In Lunow bei Oderberg starb am 18. d. M. nach kurzem Krankenlager im hohen'Alter von 160 Iahreu 6 Monaten der Veteran aus den Befreiungskriegen, Ephraim P o l a ck. Er war, unseres Wistens, der älteste der noch lebenden Freih itskämpfer. Sein 100. Geburtstag am 27. August v. I. winde in großartigster Weise gefeiert. Es waren damals zu diesem Feste eine Anzahl Kriegervereine, sowie eine nach Tausenden zählenden Menschenmenge aus der ganzen Umgegend erschienen. Die 9. Kompagnie des Kolbergschen Grenadier-Regiments (2. Pommerschcs) Nr. 9, bei welchem Regimente er 11. A. die Schlachten Gr.-Görschen, Bautzen, Gr.-Beereu, Dennewetz, Leibzig, Ligny und Waterloo mitgemacht hatte, war durch eine Deputation vertreten, die ihm einen von den Offizieren des Regiments gewidmeten Krückstock mit silberner Krücke überreichte. Auch Seine Majestät der Kaiser hatte seinerzeit dem Jubilar seine Photographie zum Geschenk überreichen lassen. London- Für die Barkley Street-Synagoge sind,, wie., die ״Magdeb. Wochenschrift" belichtet, sökgende Reformen vorgeschlagen, welche, wenn sie die Genehmigung der Gemeinde erhalten werden, gleich nach dem nächsten Laubhüttenfeste eingeführt werden sollen. .!. Für das'Vorlesen der sabbathlichen Thoraabschnitte ein 3 jähri-. ger Cyclus; 2. Theile aus den Haphtoroth werden nach dem Vorlesen aus der Thora -n englischer Sprache vorgetragen; 3. die Segensprüche vor der Haphtorah werden Hebräisch gesprochen; 4. alle Stellen'in den Gebeten, welche sich auf die Herstellung des Opfer- . cultus beziehen, werden gestrichen; 5. Der Psalm 19 wird Wechselweise zwischen Cantor und Gemeinde recitirt; 6. am Versöhnungs-. tage sollen auch die Segensprüche nach ‘ den Haphtoroth gesprochen werden. Die Wochenabschnitte werden mit Weglassung gewisser Stel- - len in 3 Theile geth-ilt, von welchen jährlich je ein Theil an dem betreffenden Sabbath gelesen wird. -Für die Haphtoroth sind 58 Stücke aus den Propheten ausgewählt. Der Baal-Tephilla. Von M. I. Rabbinowitsch. - Aus dem Russischen von A.. Le vin-Säga n. (Autorisnte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) ' ' . (9. Forschung.) Der uns so Grüßende war ein Schutzmann, der gekommen war, auf die Ordnung zu achten; er wollte wahrscheinlich damit zeigen, was die Polizei unter ״Ordnung" versteht. Uns brachte dieser Zwischenfall nicht im Mindesten in Verlegenheit, da weder mir noch Reb Awner eine derartige Behandlung neu war'. Unsere Kopfbedeckungen aufnehmend, traten wir wieder an das Theater heran, aber diesmal etwas weiter von dem Haupteingange und den schutzmännischen Blicken. In einem Winkel links sahen wir einen andern sehr schmalen ׳Eingang, gleichfalls weit geöffnet, über dem eine große Laterne hing. ' Wir gingen hin und blickten hinein. Die Thüre führte in einen kleinen,-spärlich erleuchteten Flur mit sehr schmutzigen, verwitterten Wänden und einer - womöglich noch schmutzigern, defecten Diele. Von. dieser Flur führte eine niedere Glasthüre in einen Korridor. Wir traten in den gänzlich menschenleeren Flur hinein und blickten durch die Glasthüre. In einem schmalen Ha:zverschlag, unmittelbar an der rechten Wand, saß ein Mann mit einer Glatze und einem kleinen blonden Bart. Zwischen diesem Verschlag und der entgegengesetzten Wand, an der ebenfalls eine -Laterne hing, blieb ein sehr geringer Raum, den nur Eine Person pastireu konnte. Dieser s.bmale Durchgang führte zu einer fast ebenso schmalen Treppe. Auf der dritten oder vierten Stufe dieser Treppe stand ein junger Mensch mit einem vor Gesundheit strotzenden Gesicht und langem wallenden Haar, dessen ganzes Costüm mit Oelfarbe total bespritzt war. Der junge Mensch hielt eine Cigarette im Munde und beschäftigte sich damit, immerwährend geräuschvoll auszuspucken und den Speichel eine große Strecke hinzuwerfen, als wolle er mit diesem Kunstückchen brilliren. Der Mann im Verschlag stützte den Kopf mit beiden Händen und gähnte heftig. - ״Heda, Jüdchen! Wollt ihr ins Theater?" rief der junge Mensch, bemerkend, wie wir ängstlich durch die Scheiben blickten. Wir sahen einander unentschlossen an, und uns selber uubewusst, wie von einem geheimen Gefühle gedrängt, traten wir ein. Der Mann im Verschlage uahm nachlässig die Hand vyn seinem gähnenden Mumde weg und erhob seinen Blick zu uns Ein ungestümes Gelächter verunstaltete seine verschlafene Physiognomie. ״Wie, seid ihr beten hergekommen?!" frug er uns, sich vor Lachen? schüttelnd und das linke Auge zusammenkneifend. ״So gib ihnen schon Billets nnd.lass sie gehen", sagte der «junge Mensch, den letzten Rauch seiner Cigarette inhalirend, von der zwischen seinen Lippen nur das Feuer sichtbar war. ״Was fällt Dir ein?! Bist Du mit einem Mal. ein Judenbeschützer geworden?" antwortete der Lachende ärgerlich. ״Hast wohl, der Juden hier wenig gesehen", sagte t er junge Mensch, wie sich entschuldigend. ״Hast; ein Wunderding, das er hier

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