Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 22 (29.6.1888)
- Date
- 1888-06-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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vermieden werden muß, so auch hier beim Ueberganz hinsichtlich der Tonfarbe. Wie der Maler die Farben muß unbemerkt ineinander fließen lasten, und wieder unbemerkt auseinander .entstehen lassen können,.so der Sänger seine Klangarten. Es muß ein durchaus ununterbrochener Fluß sein, der innigste Zusammenhang. Der Schüler beginne z. B. zunächst nur eine kleine Tonreihe (bis endlich zur. ganzen Scala auf- und abwärts, allein oder im Zusammenhang) mit der dunklen Farbe, werde bei den weiteren Töne Heller bis zur Miitelfarbe und noch Heller bei noch weiteren Tönen bis zur größten Helle. Und so zurück; aber Alles in Einem Fluss und aus Einem Guss. Wie viel jedoch auf dieses innigste Verschmelzen der Klangfarben ankommt, davon können uns auch di? Violinspieler Zeugnis geben, deren höchste Kunst eben darauf beruht. .Ja dies ist auch das sicherste Merkmal, um beim Gesänge den Dilettanten vom Künstler zu unterscheiden; denn ein feines Gefühl für diese zarteste Klang- oder Farben- Verschmelzung ist wie ein Beweis wahrer Künstlernatur, so auch wieder in seiner Vollendung doch nur das Resultat der fleißigsten Uebung. Jeder Natursänger dagegen singt — mag die Stimme von .Natur noch so put und wohlklingend sein — zusammenhanglos, es fehlt der Eine Guss, die innere Einheit für das Ganze; auf unsrnnige, willkürliche Weise treten bei ihnen bald ' einzelne Töne, bald ganze Reihen derselben hervor vor allen andern an Stärke und Klang, ohne Regel und Verständnis. Der Künstler aber weiß überall, warum er es thut, warum er bald den ununterbrochenen Fluss behauptet und möglich rein erhält, bald ihn mehr oder weniger deutlich unterbricht, und auch, wo er ihn unterbricht, wendet er stets die gehörige Vorbereitung . und Vermittlung an, damit der Einheit stets ihr Recht geschehe und das Gesetz der Schönheit nicht beleidigt werde. Dieses innere, geistige Verständnis leuchtet so beim Künstler überall durch; keine Regellosigkeit, keine Willkühr: sondern . Regelmäßigkeit und verständige Wahl; nie ein Riss oder eine Kluft, sondern bei aller Mannigfaltigkeit doch innere Einheit und Zusam- ’ menhang. Zur Herstellung dieser Einheit in der Mannigfaltigkeit ist aber das Studium der Scala im Uebergang der verschiedenen Klangfärben ganz besonders geeignet, und wer die Gesangskunst in vollem Einklang mit den Gesetzen der Schönheit (welche alles Regellose und Zusammenhanglose verschmäht) sich zu eigen machen will, ׳ der kann es nur dadurch erreichen, dass er auch die Klangfarben in ihren Uebergängen vom Hellen zum Dunklen .und zurück in allen Lagen recht innig verschmelzen lerne, und durch fleißige Uebung sein Ohr und sein Gefühl für solche einheirliche Verschmelzung immer mehr belebe, stärke und veredle. Besonders?ehrreich ist hier das Ausführen des portamento’s auch bei entfernter liegenden Tönen mit Beibehaltung der Klangfarbe des ersten Tones.. Auch. bei diesen möglichen Uebergängen allen aber bleibt die Zunge stets in ihrer ruhigen, geraden Lage, ausgestreckt im Munde, bis endlich ihre Thätigkeit beginnt bei Bildung der Sprache. Die Töne inallen Lagen und in jeglicher Art von Aneinanderreihung mögen nun piano oder körte, anschwellend oder abschwellend, staocato oder portaniento oder legato, hell oder dunkel hervorgerufen werden: die Zunge bleibt noch immer ganz außer Thätigkeit, sie liegt leicht und frei, wohl fähig zu jeder Bewegung, doch bewegungslos. Von selbst versteht es sich, dass sich bei allen diesen Uebungen, welche zur Erreichung der Gleichheit der Töne hinsichtlich des Klanges dienen, die Weite der Mundöffnung nach der Beschaffenheit des Mundes jedes Individuums richtet. Die Größe des Mundes ist relativ, ebenso ist daher auch der für jede Tonfarbe uöthige Grad der Muudöffnung, d. h. der Klang selbst wieder relativ. Es ergiebt sich so je nach den verschiedenen Individuen eine verschiedene Klanggattung oder ein verschiedenes Timbre; nicht als ob wir sagten, dass die Mundöffnung allein dessen Ursache sei, vielmehr wirken außer allen übrigen Theilen des Ansatzrohrs auch noch die individuelle .Beschaffenheit der zwei andern Factoren. der Lunge und des Kehlkopfs, mitbestimmend darauf ein. Doch׳ ergibt sich durch Herstellung der von uns verlangten drei Scalen in gleicher Klangfarbe das natürliche Timbre einer Stimme gleichsam von selbst, und jede Stimme reiht sich auf diesem Wege am sichersten in ihre natürliche Gattung ein. Jede Stimme hat von Natur einen eigenthümlichen, so zu. sagen persönlichen Klang, ebendaher auch einen bestimmten Grad der Helle, der Dunkelheit und der Mittelfarbe: alle diese treten bei diesen von uns verlangten Uebungen tu ihrer ganzen Bestimmtheit zu Tage, und indem sie dadurch immer deutlicher sich offenbaren, werden sie zugleich durch die sich ergebende Einheit und Ausgleichung veredelt und verschönert. Besonders aber hat-der Lehrer darauf zu achten, dass erden individuellen Klaug einer Stimme nicht unterdrücke und deshalb seinen Unterricht wesentlich nur auf das individuelle Bedürfnis des Schülers selbst gründe. Das individuelle Volumen des Athems für die gleiche, piano gehaltene Scala und die individuelle Weite der Mundöffnung für die Scala in der Mittelfarbe bilden die einzige richtige Grundlage für einen gedcihlichen Unterricht, weil gerade bei diesen der individuelle Charakter einer Stimme am klarsten sich ausprägt So wird für alle weiteren Studien der. individuelle Ausgangspnnkt gewonnen, und er ist fortan-stets im Auge zu behalten, wenn der Unterricht Früchte tragen soll. Alles dieses aber gilt von männlichen und weiblichen Stimmen und jeder Stimmgattung in gleicher Weise. Die Gesetze der Stimmbildung und die Mittel und- Wege ihrer Realisirung sind für alle Stimmen ein und dieselben, wenn auch der Stärkegrad, der Umfang und der Tonklang individuell verschieden sich'gestalten. Die Technik des Gesanges ist immer gleich, wenn auch die Stimmen der Menschen natürlich verschieden sind; auch ist die richtige Technik nur Eine, — bei Italienern, Franzosen, Deutschen und allen Völkern der Erde — nämlich diejenige, welche die von der Natur selbst gegebenen Gesetze am deutlichften erkennt und am strengsten befolgt, wie wir dies mit Zugrundelegung unserer Untersuchungen an todten, ausgeschnittenen Kehlköpfen in strenger Consequenz bis ins Einzelne gethan haben. Erst stach Ausbildung jedes einzelnen der angeführten drei Merkmale der Gleichheit (Stärke, Ansatz, Klang) für sich allein in allen Lagen ist auch deren Zusammensetzung oder Zusammenwirkung Gegenstand unserer Studien. Es entsteht dadurch eine Menge neuer verschiedenartiger Verbindungen und zugleich die Aufgabe, auch in der größten Mannigfaltigkeit die Einheit zu behaupten. Darin aber vollendet sich die Technik, indem alle Töne der Scala nun zu den mannigfaltigsten Verbindungen und Uebergängen allen befähigt sind und-die Elemente der Sprachbildung und Seelenmalerei schon in sich tragen. Die Materie ist nachgiebig und unterthan geworden unserem Willen, nun können schließlich auch die Gedanken durch Worte und die Gefühle durch freie Wahl der verschiedenen Stärke, Farbe und Wärme ihren Ausdruck finden. Auch ist nur diejenige Technik die richtige, welche zur vollen Beherrschung der Materie durch den Geist, zum klarsten Durchleuchten der Seele durch die Töne mit innerer Nothwendigkeit führt. Wir haben schon früher den Gang für unsere Untersuchung eingehalten, dass wir zuerst den Wirkungskreis eines jeden der drei Faktoren für sich all-in behandelt und dann erst ihr Zusammenwir- 1 ken besprochen haben Wir haben dort schon gesehen, dass nie eiw