Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 21 (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Böse ganz zu vertilgen; dann aber wird ein heiliger Spross übrig bleiben, ״Sera kodauseh", der dem allheiligen Gott entspricht. Damit ist ein sehr zierliches Bild, welches Reak vom Abfallen des Laubes versteht, ausgedrückt. Diese kurze "Anknüpfung der letzten Rettung und Erhaltung hat schon der Patriarch Abraham voraus gesehen ״bamachaseh" (i. M. 11, 1.) Die Bedeutsamkeit seines Lebens zeichnet der Talmud in den Worten als Klageruf über seinen Tod: ״Wehe dem Schiffe, das seinen Steuermann verloren! Wehe dem Geschlechte, das seinen Führer eingebüßt." (B. Batra 19.) Wie lautet Abrahams Religionslehre? Auch diese Frage stndet ihre Beantwortung. Seine Religionslehren sind nicht nach e ttem fertigen System aufgeführt, sondern ergeben sich aus seinem Leben, bestehen in einzelnen zerstreuten Bemerkungen, die in folgenden sich zusammenfassen lassen: Die Welt kann nicht ohne Führer bestehen, es gibt ein Wesen, das sie führt und leitet. Dasselbe ist Gott des Himmels und der Erde, der die Gesetze der Natur eingesetzt, aber noch immer deren Leiter bleibt, um sie nach seinem Ermessen zu ändern. Diese Weltleitung geschieht nach den Gesetzen der Liebe und des Erbarmens. Der Mensch steht daher unter der göttlichen Vorsehung allein und hat den Einfluss anderer Wesen, der Gestirne und Planeten weder zu fürchten noch zu erwarten. Wir sollen den Gottesdienst verabscheuen, Gott allein jede Verehrung bringen, znr Leidenszeit ihm vertrauen, im Unglück und in der Noth an ihn uns wenden. Auch gegen den Nebenmenscheu lehrt der Abrahamismus Pflichten üben. Liebe und Erbarmen werden als die Kennzeichen der Jünger Abrahams angegeben. (Beza, 32.) Mildthätigkeit ist die Tochter Abrahams (Chagiga z), die ohne Unterschied des Standes geübt werden soll. Eben so werden die Demuth, die Gastfreundlichkeit, die Uneigennützigkeit als abrahamitische Tugenden empfohlen. D.e Würdigung Abrahams geht jo weit, dass sie verschiedenen ■ Geistesproductionen im Judenthum ihren Ursprung auf Abraham hinleiten. So will die Halacha, dass ihre Satzungen auch die geringsten schon (erurv tawschilin) Abra- Ham gekannt und geübt habe. Somit nehmen wir von Abraham Abschied und wenden uns zu dessen Nachfolger. W.r. (Fortsetzung folgt). Gedenket der Tage -er Vorzeit — erwäget die Äenderung -er Zeitalter. (V. B. M. 32.7.) XII. Als eben die neuen Ansichten in Europa, betreffend die Aenderung der Judengesetze zum Durchbruche kamen, vollendete die Revolution in Nordamerika mit einem Male Alles, was in Europa erst das Werk unendlicher Erwägungen sein sollte. Nach der Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten (1783) stand hier ein ganz ileues Staatsgebäude, in welchem die Juden Aufnahme fanden, gleich andern Religions-Genossenschaften, ohne Weiteres fertig. Die ganze sociale Verfassung dieser Staaten erleichterte die Aufhebung aller aus Nebenrücksichten früher bestandener Nichtbefähigungen. Die wichtigsten Judengemeinden, nur allmählig zu Corporationen gebildet,׳ befanden sich in Massachusets, Rhode-Jsland, Connekticut, New-Aork, Mayerland, Virginien, Süd-Carolina, Pensylvannien, im Ganzen etwa 12,000 Seelen. Synagogen und Schulen von eini- -ger Bedeutung sind in New-Zork, Philadelphia, Charlestown und Richmont entstanden. Alle führten ein vorwurfsfreies Leben und sind, abgerechnet ihre religiösen Gebräuche, durch nichts von andern Gliedern des großen Völker-Vereines unterschieden. Es sind bereits oft Juden zum Repräsentanten ihres Staates gewählt, in mancherlei Aemter eingesetzt worden und haben dies stets würdig vertreten und bekleidet. Die gebildeten Bewohner Nordamerikas leuchteten der Gesetzgebung bezüglich der Religionsfreiheit vor. Selbst in Ober-Canada, wo die Engländer noch nicht alle Nichtbefähigungen aufgehoben hatten und der Katholicismus vorherrschte, ward schon 1807 ein Jude zum Parlamentsgliede, trotz des Widerspruches vieler Frauzosen gewählt. Der Erfolg der Juden in Amerika war aber keineswegs, wie Reisende versichern, etwa Lauheit gegen ihre Religion, im Gegenteil hielten dieselben streng an ihrem Gesetz und übten dasselbe mit religiöser Peinlichkeit. Dagegen war das Streben nach Veredlung sichtbar hervorgetreten und hat sich selbst in der Synagoge bekundet. So bildete sich nach verschiedenen vergeblichen Dersuchen, die Rabbinen zur Aenderung der Synagogengebete zu bewegen, zu Charlestown in Süd-Carolina 1825 unter Jsaac Harlley ein Verein zur Gestaltung eines zeitgemäßen Gottesdienstes, wie dies später in Europa mit Erfolg geschah. Zu den Auswüchsen, die einer so überaus raschen Umwandlung innerer Angelegenheiten nicht maugeln, gehört unstreitig ein Unternehmen des enthusiastischen, übrigens in bürgerlicher Hinsicht höchst geachteten und im Staatsdienste sehr tätigen Mordechei Manuel Noa, Sherif in Nerv-Jork, früher Cousul der Vereinigten Staaten in Tunis. Vom besten Willen beseelt, und wie feine Reifebeschreibung der Berberei ersch. 1813 zeigt, vorzüglich durch den Anblick der traurigen Lage der Juden unter dem Halbmonde, wurde derselbe von seiner Begeisterung fortgeriffen. Ihm schien eine ihm vom Staate New-Iork für eine Schuld abgetretene Insel Grand- Island höchst geeignet, um dort eine große jüdische Colonie auzulegen und dieselbe, da diesin der Verfassung Amerikas Fein Hindernis bietet, unter der Regierung eines jüdischen Richters zu stellen. Dre Lage der Insel, die 17000 Morgen umfa'stz ist für Ackerbau, Handel und Gewerbe äußerst günstig. Noa legte daselbst 1825 den Grundstein zu einer jüd- Freiftadt Ararat (Anspiegelung auf seinem Namen Noa). Er erließ eine Proklamation an alle Juden, dorthin zu ziehen und sich einer unbeschränkten politischen Freiheit zu erfreuen. Die Idee fand in New-Iork ungetheilten Beifall. Um seinen Plänen Achtung zu verschaffen, schien ihm eine äußere pomphafte Form unerlässlich, und gerade dies vereitelte^ wenn nicht ganz, doch größtentheils sein Vorhaben. Schon die Feier der Grundsteinlegung September 1825, die er, des befürchteten großen Andranges wegen, nicht auf der Insel selbst, sondern zu Buffalo in der bischöflichen Kirche beging, wohin Noa unter Militärbegleitung und Musik, der Würdenträger, der Freimaurer, vieler Civilbeamteu und Geistlicher mit rothsammtenem Mantel, verbrämt mit Hermelin, als «rfter Richter Israels in feierlicher Prozeffion in die Kirche unter Orgelklang und Gesang zog, wo dann der Morgengottesdienst gehalten wurde. Noa bestieg die Kanzel und entwickelte in langer Rede, meist historischen Inhalts, die Wiedergeburt der Juden. Dies fand natürlich, schon des religiösen Inhaltes wegen, vielen Tadel. Weit stärkere Rügen zog ihm seine Proklamation zu, worin er sich von Gottesgnaden Richter in Israel nannte, seinen Glaubensgenossen die Nähe des Messiasreiches verkündete, Gesetze erließ, eine Steuer forderte und Auswanderungs-Congregationen zu bilden befahl. Ja sogar die I gelehrtesten Rabbiner und Männer von Ruf zu London, Paris, Bordeaux, Gibraltar, Livorno, Hamburg und Berlin machte er als seine bestellten Agenten für's Ausland namhaft. Kurzum der alte Messiasschwindel erlebte eine neue Auflage en miniatur und zwar in friedlicher Weise und mit gelinder christlicher Verbrämung.