Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 21 (21.6.1888)
- Date
- 1888-06-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453130-3453151--2545-3456805- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— S — Eine solche Kühnheit, die eben nur in den nordamerikanischen" Staaten möglich war, erregte den Unwillen der diesseitigen Vertreter der Juden, und wahrend einige die Proklamation mit Verachtung oder einem Lächeln aus den Händen legten, hielten es doch die Oberhäupter der Juden von London und Paris für ihre Pflicht, unter Anerkennung der guten Absicht des Noa, ihre angebliche Mit- Wirkung öffentlich zu widersprechen und dem frommen Schwindel ein Ende zu machen. Benn auch die Angelegenheiten der amerikanischen Juden ohne Einfluss auf die europäischen blieben, so begannen doch die Grundideen der amerikanischen Vcrfaffung, wenigstens in Frankreich, wo sie ihre Wurzel hatten, bald nach der amerikanischen Revolution sich zu entfalten. Die Befreiung der Juden musste aus der französischen Revolution 1789, welche Gestalt sie auch annehmen mochte, hervorgehen; sie lag Ln der Idee. Die Revolution des Staatsprinzips machte alle, namentlich von dem Pfarrer Gregoire entworfenen Vor- Lereitungsgesetze zur Emanzipation unnöthig. Gregoire, Deputirter von Nancy, ward von den Inden aufgefordert, ihre Angelegenheit in der Nationalversammlung zu verfechten und Isaak Ber, genannt de Turique, erschien als besonderer Deputirter der Juden von Nancy, um den Schutz der Nation für seine damals am Rhein gröblich mißhandeten Glaubensgenoffen zu erwirken. Dieser ward ihm sofort gewährt. Bald darauf wurden sämmtliche bisher auf französischem Gebiete ansässigen Juden naturalisirt und 1791 ward über- Haupt jeder den Bürgereid leistende Jude für einen Franzosen erklärt. Wie ein Zauberschlag wirkte dieser plötzliche Wechsel des Schicksals auf die bisher stets der Willkür anheim gegebenen Gemeinden. Statt der bisherigen Abgestumpftheit sah man ein neu erwachtes Leben, Heiterkeit und Lebenslust, Theilnahme für den Staat,, für Wiffenschaft und Kunsterblühen. Der Enthusiasmus lieh densonst schüchternen Jünglingen Waffen; Offenheit und Biederkeit verdrängten die mißtrauische und Mißtrauen erregende Verstecktheit. Frei und munter entwickelten sich die Kräfte, niedergerissen waren alle Scheidewände und die Verläumdung musste endlich verstummen. Achtzigtausend elende Menschen, bislang als die Geißel ihrer Mit- Lürger stets betrachtet, waren in fast eben so viel thätige und nach Verhältnis sehr nützliche Mitglieder des neuen Staates verwandelt Natürlich hafteten an dem Theil, der am gedrücktesten war, noch manche Gebrechen, die nicht so leicht zu vertilgen waren, namentlich in der Rheingegend und in Oberitalien. (Fortsetzung folgt.) Der Baal-Tephilla. Von M. I. Rabbinowitsch. Aus dem Ruffischen von A. Levin-Sagan. (Autorisute Uebersetzuug.) (Nachdruck verboten.) (8. Forschung.) Und in der That, aus diesem Motive erklang eine so krankhaste Traurigkeit, dass man es nur mit beklommener Brust anhören konnte. Die Melodie war dem Texte vorzüglich angepasst, da Reb Awner ihn trefflich verstand. Anfangs verhielt er sich wie ungläubig meinen Elogen gegenüber, allein als sie von meiner Seite immer bcharrlicher wurden, je öfter wir das Dtück wiederholten, da glaubte er endlich an meine Aufrichtigkeit und ein glückliches, kindliches Lächeln ׳rschien auf seinen bleichen, leidenden Gesichte. Ich kann es kaum sagen, wie schön er mir in diesen! Moment erschien und wie mächtig cs mich zu ihm zog. ^Wenn mir sehr schwer zu Muthe wird", sagte er, an einem ׳ am Ofen stehendenTische Platz nehmend) ^, komponire . ich häufig Melodien. Sie scheinen mir gerade nicht schlecht, doch entschließe ich mich nie, sie vor Andern zu singen. Und auch in-dieser Nacht war ich sehr traurig und niedergedrückt, da schwirrten mir viele traurige Melodien durch den Kopf. Eine war mir noch heut früh erinnerlich und ich sang sie vor Deiner Ankunft". ״Warum wart Ihr so traurig?" frug ich. Er schwieg eine Weile, stand von seinem Platze auf, gieng im Zimmer auf und ab und setzte sich bald wieder. Dann seuftte er tief auf und begann leise, kaum hörbar, wie im Selbstgespräche: ״Ich kann die gestern vernommene Stimme nicht vergessen. Sie setzte sich fest in meinen Kopfe, in meinem Herzen; unaufhörlich schweben mir die'e Töne vor, und ich weiß gar nicht, warum mir da immer das Herz so weh thut". Er schwieg wieder einige Sekunden, dann legte er mir beide Hände auf die Schultern und fuhr leise, in abgebrochener Rede fort: ״Höre Kleiner, du bist ein lieber, prächtiger Junge. Ich habe dich lieb gewonnen, wie einen Bruder, und mir ist es sogar höchst ungemüthlich, wenn Du fortgehst. Ich will zu Dir sprechen, wie es mir um's Herz ist. Mich zieht es mit unwiderstehlicher Gewalt dahin . . . nach dem sonderbaren Hause . . . nach dem Theater, und ich t achte in der Nacht, sobald Du kommst, gehe ich mit Dir hin, aber als Du kamst, wag'e ich nicht, es Dir zu sagen. O, die Hälfte meines Lebens bin ich bereit hinzugeben, um jene Stimme noch einmal zu hören! Nicht umsonst sagen unsere Weisen, dass eine Sünde die andere nach sich ziehe . . . Aber was ist zu thun, wenn das Herz so brennt, so brennt!" In dieser Weise sprach Reb Awner noch mehr zu mir. Vieles verstand ich nicht; Manches kam mir sonderbar, übertrieben vor. Indes die Thatsache war mir begreiflich, denn auch in meinen Ohren tönten jene wunderbaren, so unerwartet vernommenen Klänge fort, auch ich hätte viel darum gegeben sie noch einmal hören zu können. Wir verabredeten schließlich, ins Theater zu gehen — wir zweifelten eben gar nicht, dass das ominöse Gebäude das Theater sei — annäherend um dieselbe Zeit, wie gestern. Obwohl ich damals sehr fromm war, so kann ich mich dennoch nicht erinnern, dass meine religiöse Empfindung sich gegen diese Missethat gesträubt hätte. Ja, wo es Musik betraf, traten diese Empfindungen immer in den Hintergrund. Nie hätte ich am Sabbath eine Münze von der Erde aufgehoben, allein als es sich darum handelte, den Chor-Cantor zu hören, vergaß ich selbst das Gebet, obwohl ich versichern kann, dass ich mir zu jener Zeit noch gar nicht denken konnte, wie man etwas genießen könne, ohne vorher das vorgeschriebene Gebet verrichtet zu haben. Ich kann sogar ftst behaupten, Lass nur die unbegrenzte Liebe zur Musik mich, wie viele Andere, bewahrte vor einer kleinlichen Religiosität und mir verstattet hat, ein wenig vor-!värts zu schrei! en. Ja nur die Musik hat mir eine erhabene, große Welt entschlosftn! Gerschel und unser Chor-Cantor übten auf mich einen größery Einfluß als die Strömung jener Zeit — doch nicht von mir ist hier die Rede! Zur verabredeten Stunde kamen wir zusammen und begaben uns an das Theater. Heftig pochte mir das Herz, Reb Awner erbebte sogar, als las bewusste gelbe Gebäude mit der beklebten Fagäbe uns zu Gesichte kam. An der Rampe angelangt, traten wir an die uns bekannte Glasthür, doch wie groß war unser Schrecken, als wir diese verschlossen fanden! Wir gingen rings um das Gebäude herum und fanden noch eine Anzahl Thüren, allein auch diese waren verschlossen. In vergeblichem Warten zwei Stunden verbringend, das Mincha-Gebet sogar unter freien Himmel verrichtend, gingen wir schließlich nach Hause, als es schon spate Nacht war. Ein kalter Seewind wehte, auf dem Himmel bewegten sich hastig ungeheure, schwarze Wolken; die Straßen waren nur schlecht beleuchtet durch vereinzelte Laternen, die ein sehr mattes Licht spenbeten. Reb Awner zitterte vor Kälte und -hustete heftig. Allein der Mißerfolg entbrannte in ihm noch, mehr das Verlangen, und wir beschlossen, am folgenden Tage zur selben Zeit wieder hin zu gehen. Diesen Tag verbrachte ich ganz mit Reb Äwnern, denn selbst zum Essen gieng ich nicht nach Haus, indem ich mit ihm sein Lieblingsgericht— Brot und Pflaumen theilte. Hieng ich schon früher an meinem Baal-Tephillaso war er mir nach unserem zufälligen Theaterbesuch und der Unterhaltung des vorigen Tages, wo