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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-06-21 · Heft 21 (21.6.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 21 (21.6.1888)
Date
1888-06-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — theitt, nunmehr an der Geistesarbeit einer anderen Talmudhochschule Theil zu nehmen, und wir finden ihn 1835 an der damaligen großen Jeschiwa des berühmten Rabbiners Quetsch in Leipnik emsigeil und fleißigen Studien obliegen. Nach vierjährigem unausgesetztem Lernen verließ Deutsch diesen Aufenthaltsort, um die Richtung eines anderen Talmudlehrers kennen zu lernen, und verfügte sich nach Eisenstadt, allwo der scharfsinnige Rabbi Moses Perls vor einem großen Auditorium lehrte. Hier sehen wir den strebsamen Jüngling endlich zum Bewusstsein gelangen, dass die Zeitströmung es durchaus nicht bei dem, wenn auch tüchtigen, immerhin doch einseitigen Talmudstudium bewenden lasien will, und es begann in seiner Seele zu dämmern, dass es doch auch nothwend'g sei, sich in den profanen Wissenschaften etwas umzusehen, falls sein Eintritt in die geplante praktische Bethätigung von dem gewünschten Erfolg gekrönt sein sollte. Das war die interessante Zeit, da die frommen Talmudjünger allmälig die auf der Jeschiwa arg verpönten ״deutschen Bücher" zu lesen begannen, und dieser Wellenschlag mag auch den strebsamen Jüngling ans die mit dem Banne bedrohte deutsche Litterarur aufmerksam gemacht haben, so dass wir ihn bereits im Jahre 1840 auf der Talmudschule zu Preßburg einerseits allerdings Tosefos und Rambam oc., anderseits im Geheimen Latein und Griechisch und die einschlägigen Gymnasialfächer fieißig studiren sehen. Sicherlich mag es für einen, bis nun lediglich dem Talmudstudium obgelegenen Jüngling ein großes Wagnis gewesen sein, sich für eine Ma- Luritätsprüfung vorbereiten zu wollen, allein schon hier macht sich die Hinneigung zu bedeutenden Unternehmungen und ernster Arbeit, die auch später für's ganze Leben die Charaktereigenlhümlichkeit Deutsch's blieb, vortheilhaft bemerkbar. Die Maturitätsprüfung musste gemacht werden, um die späteren Unioersitätsftudien, die eine unumgängliche Nothweiidigkett jedweden zeitgemäßen Rabbiners waren, erfolgreich absolviren zu können. Bis nun war der Lebensgang des Jünglings eine gebundene Marschroute, vorgezeichnet von der Hand seiner Eltern, und der seinen Ettern in echt jüdischer Pietät ergebene Sohn kannte keinen höheren Lebenszweck, als dasjenige vollinhaltlich zu erfüllen, was seine braven Ettern von ihm verlangten. In der engen Umfriedung der Jeschiwa mit ihrer streng vorgezeichneten religiösen und weltlichen Bethätigung, wo auch für die leiblichen Bedürfniße jedes guten Talmudjüngers durch Kosttage oc. genügend gesorgt war, hatte es niemand nöthig, das Leben in seiner eigentlichen Gestalt, mit feinen Wechselfällen und Erscheinungen zu studiren und zu betrachten; dort hieß eben ״Leben" ״Lernen" und jeder Einzelne hatte auch seine Lebensaufgabe vollauf erfüllt, wenn er nur tüchtig gelernt und den religiösen Observanzen ehrlich und -fromm oblag. Was ficht es wohl den Leipnikcr Bocher jener Zeit an, dass sich draußen im Leben (1839) große und weltbewegende Fragen vorzubereiten begannen, wenn er nur die Frage bezüglich eineH ״harben" Rambam scharfsinnig zu beantworten versteht und überhaupt in dem Wirrsale der Talmudlitt eratur tüchtig Bescheid weiß; was kümmerte wohl den armen Bocher die Schwierigkeit, mit der die Menschen draußen um die Herbeischaffung des täglichen Brodes kämpften, wenn er an jedem für ihn bestimmten Kosttage auch seinen gedeckten Tisch und hie und da auch eine freundliche Aufnahme fand. So lebte auch der fromme und sieißige Jüngling Moriz Deutsch ein abgeschlossenes, beschauliches, vielleicht auch glückliches Leben, bis er endlich von den Verhättnißen gedrängt, schüchtern und zaghaft einen Schritt außerhalb dieser engen Umfriedung unternahm und seinen offenen Blicken Erscheinungen und Thatsachen begegneten, die er zu mindestens׳ prüfen musste, was von denselben zu halten sei. Eine solche Erscheinung bMete für ven genialen Jüngling-, die Stadt Preßburg mit ihrem großstädtischen Anstriche, den Studenten, Offizieren, dem Theater x.. Da gab es für den wissbegierigen Jüngling viel zu fragen, und da die Antworten die Quelle neuer Fragen bildeten, so begann sich allmälig sein Gesichtskreis zu: evrveitern, und wie Schuppen׳ siel es von seinen Augen, indem er zum Bewusstsein gelangte, dass dos Lebens Endzweck doch noch etwas anderes sein müsse, als Talmud und ausschließlich Talmud zu lernen. Er machte die Bekanntschaft eines Studiengenossen, welcher ihm eröffnete, dass er keine Kofttage frequentire, sondern durch Privatunterricht sich so viel verdiene, um selbstständig für seines. Lebens Unterhalt zu sorgen, und im Herzen des zartfühlenden Jünglings erwachte gleichfalls der Dryng nach einer solchen, ihm edler dünkenden Lebensrichtung. Mit den gewonnenen Anschauungen einerseits und mit dem mächtigen Drange nach Vervollkommnung anderseits gelangte Deutsch endlich zur Ueberzeugung, dass es keineswegs gegen die Intentionen seiner Eltern, die ihren lieben Sohn nur als frommen Rabbi begrüßen wollten-, sei, wenn er sich auch mit weltlichen Studien befasse, zumal es ׳hm schon nicht unbekannt war, dass in Wien, und namentlich in Deutschland, bedeutende Rabbiner existiren, die absolvirte Doktoren seien, ja, dass man, da der Rabbiner auch deutsche Predigten halten müsse, diesen Wisfensgrad von ihm verlange. Dieses Ziel ward nun sein Ideal, und dasselbe zu erreichen fortan seines Lebens höbstes Streben. Mit der gewonnenen eigenen Lebensanschauung begann nun Deutsch die Erscheinungen und Vörksmmuiße des Lebens zu beobachten und selbstständig zu beurtheilen. Hiebei bemerkte er zu seiner tiefen Betrübnis, dass der unter den fortschrittlichen und orthodoxen Rabbinen ausgebrochene Zank um Kleinigkeiten, wie beispielsweise um Abschaffung oder Beibehaltung des Bameli madlikm, die gedeihliche Entwicklung und somit die nöthige Eintracht vieler bis nun bedeutender Gemeinden untergrabe, und er gelangte zur Ueberzeugung, dass sein zum Frieden hinneigender Charakter inmitten solch' kleinlicher und unnöthiger Streitigkeiten nicht Stand halten würde. An der Schwelle zum Eintritte in die Universität stellten sich ihm nun diese und ähnliche Bedenken entgegen, und fest entschlossen, sich nach einem anderen Lebensberuf umzusehen, fiel es ihm ein, dass er als 13jähriger Knabe, im Besitze einer sehr schönen Stimme, sich zu wiederholten Malen in den Synagogen seiner Heimathsgemeinde als Vorbeter mit gutem Erfolge versuchte, und da er jedenfalls schon von der hohen Bedeutung (Sulzer's gehört/ haben mochte, sowie der sicheren Ueberzeugung lebte, dass die Mgemäße Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes eine unbestrittene Nothwendigkeit sei, demnach auch schon in nächster Zeit modern gebildete jüdische Cantoren verlangt werden dürften, so neigte er sich mit aller Macht seines jugendlichen Ei'ers diesem selbstgewählten Berufszweige zu. (Fortsetzung folgt). Gm altes Capitol. Von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch- Schlesien. H- Bei Lösung dieser schwierigen Frage werden oft arge Fehler begangen. In der Synagoge müsste in allen Gemeinden, wie in alter Zeit zwischen Chasan und Kahal, wenigstens die Wechselwirkung der Responsen bestehen und Eins das Andere unter Mitwirkung des

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