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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-06-13 · Heft 20 (13.6.1888) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 20 (13.6.1888)
Date
1888-06-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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3 — Gesänge für den Mische» Gottesdienst. Von Heinrich H i r s ch l. II. . | In dem ersten Theile dieser Abhandlung habe ich es versucht, auf den bedauerlichen Stand hinzuweisen, in welchem ein hochbedeutsamer Factor des jüdischen Gottesdienstes sich befindet, indem ich darlegte, dass abgesehen von dem Mangel einer Anstalt zur Heranbildung von Cantoreu, hauptsächlich auch eine zweckentsprechende Litteratur jüdischer Tempelgesänge fehlt. Man verweise mich nicht aus die vielen, mitunt r ganz vorzüglichen Werke, deren wir uns bereits erfreuen, von denen gewiss eine sehr erhebliche Anzahl an und für sich ihren Zweck oder vielmehr den Zweck ihrer Autoren in ansehnlichem Grade erfüllen; es handelt sich hier nicht blos um ״gute Compositionen", deren haben wir freilich übergenug. Es gilt vielmehr, einen Synagogenstyl für Chöre und Cautor-Recitative zu schaffen, der in der Zukunft auf die׳'em Gebiete herrschen soll, nebenbei aber auch die kleineren Gemeinden mit Gesängen zu versorgen, welche, wenn sie auch bei ihrer Executirung nur die minimalsten Mittel erfordern und überhaupt leicht aufzusühren sind, dennoch geeignet sind, dem Gottesdienste die nöthige Weihe zu g׳ben. Nun sint dies Aufgaben, deren Wichtigkeit wohl Niemand verkennen wird, die aber sowohl über die Kräfte, als auch über die Competenz eines Einzelnen, sei seine Autorität auch noch so groß und unbestritken, weit hinausreichen. Die Kraft, eine solche Aufgabe zu bewältigen, kann nur in einer großen Vereinigung gefunden werden, lind diese Vereinigung, sie ist auch schon gefunden, nämlich in dem österr. ungar. Cantoren-Verein, wenn derselbe es sich nicht genug sein lässt, sein Augenmerk blos auf die materiellen Interessen des Standes, den er vertritt, zu richten, sondern wenn er auch die geistige Hebung desselben vor Augen hat. Cs liegt mir nichts ferner, als diesem Vereine, mit dessen Gründung einem wirklich dringenden Bedürsniße entgegen gekommen war, und über dessen philanthropische Wirksamkeit in der relativ kurzen Zeit )eines Bestehens nur Rühmliches gehört wurde, irgendwie Vorwürfe zu machen; noch weniger kann ich die Selbstlosigkeit verkennen, mit welcher die Leiter des Vereines ihren mit so vieler Mühe und mit Unannehmlichkeiten aller Art verbundenen, freiwillig ( übernommenen Pflichten rachkommcu. Aber dies alles kann mich dennoch nicht hindern, es auszusprechen, dass der Verein bis jetzt nur erst die materielle Seite seiner Ausgabe erfasst hat, und dass es nun an der Zeit sei, sich auch einigermaßen den idealeren Zwecken zu widmen. Hier nun bietet sich die Gelegenheit dazu. Vor allem anderen will ich constatiren, dass ich mit gegenwärtigen Zeilen nicht beabsichtige, die sofortige Errichtung einer Cantorschule zu befürworten; ich weiß, dass hierzu, abgesehen von dem tendenziösen Widerspruche gewisser Kreise, der Verein noch nicht genügend finanziell erstarkt ist und überdies die regelmäßigen Einkünfte desselben noch lange für die Lebens- und Krankenverstcherung in Anspruch genommen werden. Aber dies könnte doch kein Hindernis sein, einen Separatfond zu gründen, welcher die Errichtung einer Cantorschule wenigstens für die Zukunft in Aussicht stellte. Ich erlaube mir, diese Idee dem Vereine zu empfehlen und gehe auf den Gegenstand über,' welcher mich überhaupt zu diesem Aufsatze bewog. Ich meine nämlich, der Cantoren-Verein als solcher möge ein möglichst universell gehaltenes Werk herausgeben, welches einerseits alles enthielte, was dem Cantor nöthig ist, und anderseits eine reiche Auswahl von Chorpiecen böte. Ich höre im Geiste schon allerhand Einwände, von denen de^ Mangel an dem bewussten nervu8 rerum am lautesten hervorklingt, aber ich werde mich bestreben, diese allfalsigen Einwände im Vorhinein zu widerlegen, vor allem aber den des Mangels an Geld. Was dies betrifft, würde der Verein sehr wenig in Mitleidenschaft gezogen werden. Ich denke mir nämlich, dass das Werk, welches in regelmäßigen Lieferungen erschiene, früher subscribirt würde. Da müsste der Verein höchstens den Betrag für eine Lieferung früher auslegen, was er dann auch ersetzt bekäme. Inserate und Besprechungen würden jüdische Zeitungen — und diese sind in diesem Falle maßgebend — vielleicht umsonst aufnehmen, möglicher Weise fände sich sogar ein Buchhändler, welcher den Vertrieb des Werkes auf eigene Rechnung und Gefahr übernähme. Also von vielen Auslagen des Vereines könnte da nicht die Rede sein. Das Werk müsste aus zwei Theilen % estehen, nämlich aus einem Theile, welcher nur Sologesänge (für den Cantor) enthält, und zwar müsste dieser Theil in zwei Ausgaben — für hohe und für tiefe Stimmlage — erscheinen, und aus einem Theil, welcher Chorgesänge enthält. Bei den Sologesängen wäre eine obligate Orgelbegleitung erlaubt, wenn auch nicht bedingt, während die Chöre derartig eingerichtet sein müssten, dass dieselben auch ohne Begleitung der Orgel aufgesührt werden können. So viel vorläufig über den Inhalt. Nun über die Beschaff uug der Gesänge. Das Präsidium des Vereines constituirt sich zu eiuem engeren Comite, welches allenfalls durch einige in diesem Fache bewährte Musiker verstärkt werden kann, und erlässt einen Aufruf an Cantoren, Chordirigenten und sonstigen Musiker, bei denen ein Interesse für die Sache vorausgesetzt werden kann. In diesem Aufrufe wird um Einsendung von entsprechenden Compositionen und um eventuelle Bewilligung zur Veröffentlichung derselben ersucht. Honorar wird natürlich keines versprochen, doch dürfte es sich empfehlen, dass der Verein für die gelungensten Gesänge Ehrenpreise, die nicht in Geld bestehen müssten, aussetzt. Ueber die Annahme ver Compositionen zur Veröffentlichung entscheidet ein Schiedsgericht, welches zu diesem Zwecke gewählt wird. Zur Vermeidung aller Parteilichkeit werden die Compositionen blos mit eiuem Motto versehen eingesendet, während ein mitfolgendes Couvert mit demselben Motto den Namen des Autors enthielte. Die oben erwähnten Preise dürften aber nicht etwa denjenigen Compositionen zufallen, welche sich durch Großartigkeit der Conception auszeichnen, sondern gerade denjenigen, welche sich zur Aufführung in Gemeinden eignen, deren Mittel beschränkt find. Ich glaube der Aufruf hätte einen sehr großen Erfolg; es gälte dann noch, die Spreu von dem Weizen zu sondern, und der Verein würde über ein Material verfügen, welches ihn in den Stand setzt, ein Werk herauszugeben, wie es in dieser Vollständigkeit und Vielseitigkeit bis jetzt nicht existirt. Was aber die Geldfrage betrifft, so glaube ich, dass sich das Werk bezahlt machen wird, denn wohl jede Gemeinde und die meisten Cantoren werden dasselbe kaufen. Eine Schwierigkeit taucht blos bei dem cantoralen Theil des Werkes auf. Ich habe bereits bemerkt, dass das in Aussicht stehende Werk auch den Zweck verfolgen möge, für die Tempelgesänge einen einheitlichen Styl zu schaffen. Wenn dies nun auch für die Chöre gilt, um wie viel mehr Bedeutung hat dieser Punkt für die Recitative des Cantors und ganz besonders für jene Gesänge, welche in traditioneller Weise vorgetragen werden müssen! — Nun wäre es aber kaum möglich, dass in dem in Rede stehenden Werke allen Ansichten über den traditionellen Gesang Rechnung getragen würde; die Controverse über die Singer'sche Brochüre hat eben gezeigt, dass die Ansichten über diesen Gegenstand nichts weniger als

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