Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 20 (13.6.1888)
- Date
- 1888-06-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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so sehr verherrlicht und sie uns gar zu gern aufbürden möchte. Um ן aber die Haltlosigkeit der von dieser Seite aus vertretenen Ansicht ins schärfste Licht zu stellen, bedarf es vorläufig nichts weiter, als mur an den gesunden Menschenverstand zu appelliren und die Logik t>er Thatsachen zur Schiedsrichter!!! anzurufen. Ist das wohl denk- Lar, dass das Judenthum, das anerkanntermaßen so viel eigenen Geistesfond besitzt, das solche reiche Schätze von Sprache, Litteratur und Wissenschaften aufzuweisen hat, welche Gürer es durch alle Zeiten mit fich führte und von allen Gefahren des bedrohten Unterganges rettete; dass dasselbe Zudenthum, das uns die erste Kunde von Musikentwicklung und Musikgeschichte gibt, das uns zuerst von großartigen musikalischen Massenaufführungen erzählt, das zuerst das Zusammenwirken der Vokal- und Instrumentalmusik eingeführt und die mächttge Wirkung desselben zuerst erkannt hatte; das zuallererst Schulen für Poesie und Musik errichtete und dessen höchste Priester gleichzettig die größten Musiker waren; dass dieses Judenthum, sagen wir, gerade in der Musik, einer der edelsten Geistesgaben der Menschheit, bei anderen Nationen eine Anleihe machen müsste? Wenn einem einzelnen Menschen das Musikgehör fehlt und die Musikanlage ihm mangelt, so ist er sehr niedrigen Geistes, denn ihm fehlt auch gleichzeitig das Tactgefühl, der Tonsinn, die Empfindungsgabe, und was alles ihm außerdem an Geistesfähigkeiten noch fehlt; und die hervorragend geistesbegabte jüdische Nation, das erste Culturvolk der Welt, das bis in unsere Zeiten hineinragt, soll auf diesem ftuchtbaren Geistcsselde keinen Antheil und kein Eigenthum besitzen? Das glaube wer mag — ich kann und vermag cs nicht zu glauben! Man wird sagen: Das ist wahr! eine eigene Nationalmusik haben wir früher schon gehabt, die vor uralter Zeit zu großer Entwicklung und Ausbildung gelangt war, das kann nicht geleugnet werden; aber im Laufe der langen und beschwerlichen Wänderungen und im Drange der vielen und harten Verfolgungen haben wir alle diese Herrlichkeiten vergessen. Ja wohl, vergessen! WaS ist von uns bisher vergessen worden? Haben wir nicht die kleinste Tradition bis heute treulich aufbewahrt, und eines der schönsten und edelsten nationalen Güter sollen wir nun vergessen und verloren haben? kn eschkochacho Jeruscholajim tischkach jemini? Die Rechte eines Menschen kann gewiss niemals in Vergessenheit gerathen, denn das kleinste, unwissendste Kind, das noch noch nicht zwischen rechts und links zu unterscheiden versteht, weiß doch seine Rechte zuerst iustinkttv entgegen zu strecken, und dennoch will Israel eher seine Rechte, als eine der Herrlichkeiten vom geistigen Ierusalen! vergessen und ausgeben, und das Herrlichste der Herrlichkeiten, seine Musik, sein Lied, sollte es vergessen haben und es jetzt nicht mehr zu gebrauchen wissen? Niemals! Und um was handelt sich's denn hier? Es handelt sich hier nicht um alte Madrigale und Canzonetten, dass man mit Recht sagen könnte: In ihrem Drangsale und in ihrer furchtbaren Lage, während des ganzen Mittelalters bis kurz auf unsere Zeit und im bunten Wechsel des Geschmacks und der Kunstrichtung ist unseren Vorfahren gewiss der Kopf nicht nicht darauf gestanden, diese ehrwürdigen ״Hopser" noch immerwährend zu cultiviren, um sie der Nachwelt zu erhalten; sie haben sich daher gutwillig dem Schwünge der Zeit jedesmal ergeben und sich allen Neuerungen auf dem Gebiete des Tanzbodens zu jeder Zeit zugänglich gemacht. Nein! Es handelt sich hier nämlich um nichts geringeres, als um etwas, was ollen Völkern hoch und theuer gilt, das aber bei uns von noch größerer Bedeutsamkett ist, indeni es uns zu allen Zeiten und in jeder Lage Trost für die vergangenen Leiden und Hoffnung für die kommenden Tage gespendet hat. Es handelt sich hier um das heilige Gebet, das wir dreimal im Tage öffentlich, d. h. in Gemeinschaf! von mindestens zehn Erwachsenen, verrichten, und da sollen wir auf einmal und plötzlich vergessen haben, wie wir diese täglichen Gebete vortragen sollen, und mussten deshalb für sie die Vortragsweisen anderer Religionen herholen? Ja fürwahr, eher könnte man seinen Verstand und seine Rechte darüber verlieren, als das, was täglich mit Andacht und Herzlichkeit geübt wird, jemals vergessen werden könnte! Daun sagt man weiter: In der Jahrhunderte andauernden Ruhelosigkeit und Unbeständigkeit haben unsere Voreltern das Singen verlernt, und daher sind ihnen die heiligen Gesangsweisen dann von selbst entfallen. Ja, haben denn nur Lust und Freude ihre Lieder, Schmerz und Trauer aber keine? Betrachtet nur diese hier in Rede stehenden Tonarten, ob nicht die Leiter ihrer Töne gleichzeitig die Stufenleiter von eben so viel Entsagungen und Verzichtleistungen auf die Freuden dieser Welt, als von Ergebung in das unerbittliche Schicksal und von Hoffnung auf die Zukunft sind; sie sind, als ob sie dazu geschaffen wären, die treuen Dolmetscher unserer innersten Gefühle und und tiefsten Empfindungen zu allen Zeiten zu sein. Und man sieht es auch, dass Gebetstücke wie Jischtabach oder Aha wo rabo etc. in modernen Tonarten vorgetragen, ganz lächerlich erscheinen — zu solchen Worten und-solchem Inhalt passt eben nur solcher Gesang. Jetzt denke man sich die Unhaltbarkeit dieser ganzen Annahme, wenn wir die Ausführungen derselben noch weiter verfolgen und sie der reinen Vernunft zur Beurtheilung vorlegen. Die vorzeitigen Chasanim haben die Kirchentonarten, die nur in und für die Kirche allein in Gebrauch standen, sich zu eigen gemacht und dann sie nach der Synagoge verpstanzt! Wenn das vereinzelt in unserer reformsüchtigen Zeit mit einigen Chorälen geschieht, gibt es auch sogleich einsichtsvolle Stimmen, die solch' unsinniges, mau möchte sagen, widernatürliches Gebühren auf's Aeußerste verdammen und verur-!heilen; nun soll gar solches vor vielen Jahrhunderten allgemein und unbeanständet geschehen sein? Das kalten Blutes anzunehmen, ist geradezu ungeheuerlich. In einer Zeit der undenklichsten Jntoleranz und des beiderseits wohl gleichen religiösen Fanatismus; in einer Zeit, wo der Jude während des kirchlichen Gottesdienstes sich nicht auf der Straße blicken lassen durfte, und er (der Jude) hingegen hatte sich beim Vorübergehen vor einer Kirche beide Ohren mit den Fingern dicht verstopft, damit kein Ton aus derselben in sein Ohr dringe, ״denn sonst wäre seine Andacht 40 Tage lang höchst gefährdet, keine Aufnahme finden zu können"; in einer Zeit, wo der Chasan in sittlicher und religiöser Beziehung mißtrauisch und in inquisitorischer Weise beobachtet und immerwährend daran erinnert wurde, sich ja nur zu vergegenwärtigen ״vor wem er steht" und welche hohe Miffion er zu vollbringen hat — und auch danach zu leben; in solch' düsterer Zeit sollen unsere ״Männer des Gebets" (בעלי תפלה) die planlosen und blindlings sich anhäufenden Kirchentöne (man erschrecke nur nicht, wir gedenken im Weiteren es zu beweisen) erlernt und verstohlen sie in die Synagoge getragen haben? Unmöglich. Und was zwingt uns denn eigentlich, eine solche Ungeheuerlichkeit anzunehmen? Alles, weil wir nicht zugeben können oder wollen, dass das jüdische Volk ebenfalls eine Art Nationalmusik besitzt, und weil es gar so ״wissenschaftlich" erscheint, von Kirchentonarten zu sprechen. Das sind aber nur Gefühls- und Vernunftsgründe, von welchen die strenge Wissenschaft sich nicht anfechten lässt, im Folgenden wollen wir dieses Thema sachlich und ernst Wissenschaftlich behandeln. (Fortsetzung folgt.)