Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 20 (13.6.1888)
- Date
- 1888-06-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichisch - ungarische Gantoren H^ränum erali onspreis Für VereinSmitgUeder. Ga..;jährig fl. s.— Halbjährig fl. 2.5a Nikrteljährig fl. 1.25 Für Nicht,ultgtteder Ganzjährig fl. k.— halbjährig fl. 3.— ierteljührig fl. l.&O Für daS Ausland Ganzjährig fl. 6.— 10 Mark oder 5 Rubel. Or gr sno, für die pH1tere||en Mischer ^sntoren mul Erscheint jeden achten Gag. B e g r ü n d er: Obercantor Jacob Bauer. Htedaction und Administration Wien, II., Novaragaffe Rr. 27. Inserate werden billigst berechnet. Manuscripte werden nicht retournirt. Nr. 20. Wien, IS- Juni 1888. 8. Jahrgang. Gin Geitrag zur Klärung -er Frage über die traditionelle»! Tonarten. n Bevor wir in dre Besprechung des uns nochmals vorliegenden Merkchens weiter fortschreiten, wollen wir noch die hochwichtige Frage zur Erörterung bringen: Sind die^Tongattungen/^die sich' aus unseren allbekannten Stegreifsweisen und Recitativen ergeben, kirchentonartlichen oder slavischen Ursprungs? Früher, vor noch nicht langer Zeit her, hat man keine Ahnung davon gehabt, dass wir irgend welche Art von selbstständigen, von den Normaltonarten völlig verschiedenen Tongeschlechtern besitzen sollen. Man sprach allgemein von ״jüdischem" oder gar ״polnischem Gesang", aber von einer eigenartigen Zusammenstellung, von unbekannten Tönen und ihren sich anders gestaltenden Beziehungen zu einander, also von fremdartigen Tonarten zu reden und zu diskutiren, ist Niemandem eingefallen. Erst seit Kurzem sind wir, durch darauf hinzielende Vorarbeiten eines nachdenkenden Collegen, dahin geleitet worden und endlich zur richtigen Erkenntnis gelangt, dass wir doch eine Species von eigenen Tonarten haben müssen. Jetzt aber handelt es sich um die bedeutungsvolle Frage: woher stammen dieselben und wie kamen sie überhaupt zu uns? In der Beantwortung dieser großen Frage theilen sich nun die Meinungen derjenigen, die nicht anzunehmen vermögen, dass das Judenthum über etwas aus den schönen Künsten und freien Wissenschaf.en selbstständig zu verfügen haben könnte, und schreiben ihre Existenz fremden Einflüssen zu. Eine Partei, die wissenschaftliche, mit Herrn Collegen Deutsch an der Spitze, behauptet — gestützt auf ihre Autorität — steif und fest, dass diese neuaufgesundenen Tonarten nur Sprößlinge der mittelalterlichen Kirchentonarten sind, und der übrige Theil versichert, dass ihre Pflanzstätte bei den Slaven zu suchen ist. Wenn cs einerseits sehr lobenswerth ist, das Judenthum rein zu erhalten und von ihm Alles zu entfernen, was ihm nicht rechtmäßig gehört, indem es auf sich selbst wohl begründet ist und daher keines fremden Schmuckes bedarf; so ist's andererseits nicht weniger ruhmreich, dies Bestreben einer eingehenden Untersuchung zu unterwerfen, oh das Judenthum nicht durch einen übermäßigen Eifer um das Seinige gebracht und seines alleinigen Eigenthums beraubt wird. Unh so wollen wir uns nun mit der zweiten, leichter widerlegbaren Mernung zuerst befassen, um sie schnell abzufertigen, damit wir mehr Muße und Klarheit für die wissenschaftlichere und scheinbar begründetere Ansicht gewinnen können. - wiM^ unsere Gefangsweisen von den Slaven übernommen haben, so ist das doch nicht mehr alK billig, genaue Beweise darüber zu fordern; denn wir in unserer Unparteilichkeit, wir mögen suchen, wie und wo wir wollen, wir vermögen nirgends ein solches Land ausfind ׳g zu machen, wo diese Gesangsarten ihre Urheimath haben sollen. Vergebens spähen wir nach Osten, ob nicht die Weisen von Jischtabach, Ahawo rabo, Jekum purkon dc. irgendwo — außer bei Juden — anzutreffen wären, aber alles umsonst — nirgends ist derartiges zu entdecken. Rußland spricht: Ich weiß nichts davon! Polen sagt: Ich habe es nicht! Böhmen betheuert: Bei mir ist's nicht! und alle anderen Völker und Stämme kennen sie nicht einmal vom Hörensagen. Wo in aller Welt sollen sie nun denn her sein? Alle diese Völkerschaften besitzen wohl eine eigenthümliche, sie verschieden charakterisirende Nationalmusik, aber alle ihre Volksgesänge bewegen sich durchaus in den Tonarten unseres jetzigen Dur und Moll und tragen nur ihr besonderes Gepräge, bald durch lebhaftere Bewegung im Rhythmus und Tact, bald durch Leidenschaft und Wildheit im Vortrag und Tempo und bald durch Accentverschiebungen und Syncopirungen, sowie auch durch besondere Vorliebe für eine bestimmte Tactart — sonst aber nichts. Und dann, wenn es selbst angenommen werden könnte, dass diese Tonarten slavischen Ursprungs sind, wie sind sie so allgemein nach Deutschland verpflanzt worden? Die deutschen Juden sind wohl nach den slav-schen Ländern, aber niemals sind die slavischen nach Deutschland vertrieben worden, und durch ein paar Durchreisende allein kann doch unmöglich eine solche weite Verbreitung stattgefunden haben. Daher nun ein für allemal! entweder die slavischen Quellen werden uns notorisch nachgewiesen, oder wir kehren uns nicht mehr an leere Redensarten.-Wir wollen uns nun jener Gruppe zuwenden, die die Kirchentonarten