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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-06-05 · Heft 19 (5.6.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 19 (5.6.1888)
Date
1888-06-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — mender Ball erschien in dcm Hellen, reinen Himmelblau. Auf der Straße wurde es lebendig. Hier bewegte sich, unter entsetzlichem Geräusch, eine ganze'Reihe von Lastfahrern mit ihren halbrunden, hinten schmal znlaufcnden Wägelchen und füllten die ganze Straße mit dichten Staubwolken; da . . . tritt ein verschlafenes, zerzaustes Mädchen mit großen blorck>cn Zöpfen, nur mit einem weißen Unterrock und einem Hemde bekleidet, barfuß auf die Schwelle einer niedern Thüre, steht einige Sekunden unbeweglich, die zusammengekniffenen Augen mit der flachen Hand vor den ersten Strahlen der Sonne schützend, dann aber beginnt sie, als sei ihr plötzlich etwas eingefallen, hastig Holzkisten herbei zu schleppen, auf die sie Körbe mit Aepfeln, Pfeffer kuchcn, Seife und Zwiebeln, Säckchen mit Granpen, türkischen Bohnen, rohen Erbsen De. stellt; und dort schreitet ein fünfzehnjähriger Jüngling mit bleichem Gesichte, feinen Zügen und blondem Locklnkrps, bekleidet mit schrecklich groben Kleidern und einer fetttriefenden Mütze ohne Schirm, einher und ruft mit melancholischer Melodie aus: ״Warme Beugel und Plätzchen auf Eierl Kauft, Jüden, kauft! Ihr dürft sie ״ungewaschen" essen; Kauft, greift zu, nehmt!" Und das ruft er aus, ohne Jemand anzuschanen und seine Blicke in ׳den mit einem dünnen Strickern seinem Halse hängenden, ovalen Korb senkend. Am äußersten Ende der Straße stößt ein anderer Knabe ein mit Körben beladenes Handwägelchen, vor sich , her und erfüllt die Straße mit seinem Geschrei: ״Melonen, Melonen und Wassermelonen!" — Und auf den Trottoirs erscheinen Frauen, die aus den verschiedenen Synagogen kommen und׳ auf den Friedhof gehen. Und die Straßenecken sind belagert von Bettlern beiderlei Geschlechts, die unter jämmerlichen! Schluchzen die Passanten belästigen ... (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. Sonntag, den 27. Mai, Vormittags, fand im großen Lehrsaale des israelitischen Taubstummen-Instituts, Landstraße, Rudolfsgasse Nr. 22, vor einem sehr zahlreichen, geladenen Auditorium unter der Leitung des Directors, kaiserlichen Rath cs Deutsch, die Jahresprüfung der Zöglinge statt. Die sechs Jahrgänge der Anstalt wurden der Reihe nach vorgeführt. Das größte Gewicht wird bei dcm Unterrichte darauf gelegt, den Kleinen die ihnen bequeme pnd geläufige Zeichen- und Geberdensprache durch richtiges Lautiren zu ersetzen und sie zu gewöh en, im Verkehre mit Vollsinnigen durch aufmerksames Beobacht n der beim Sprechen functionirenden Organe die Rede gleichsam mit den Augen zu hören. Dieser Erfolg des Instituts ist ein außerordentliches Verdienst des Leiters der Anstalt und seines unermüdlichen Lehrkörpers. Wrerarr. Welch' segensreichen Einfluß auf die ungestörte und würdige Ausübung der gottesdienstlichen Handlungen ein auf gegen: fertiger Werthschätzung beruhendes, wahrhaft collegiales Verhältnis, wie es zwischen unseren beiden Cantoren besteht, ausüben k.׳nn, dafür liefert e n Vorkommnis jüngster Zeit einen niarkanten Beleg. In der dem Vorabende des Schwuotfestes vorhergehenden Nacht erkrankte plötzlich unser vielgesckätzter 1. Cantor Herr M. Grünberger derart, dass er zu unser aller größter Bestürzung sich am Morgen außer Stande erklärte, den Gottesdienst Abends ausüben zu können. Da unterzog sich unser zweiter Cantor, Herr I. Herz, der schwierigen Aufgabe, in Vertretung seines erkrankten College!!, ohne entsprechende Vorbereitung und mit Begleitung eines nicht schulgemäß, sondern ä jour gebildeten Kinderchors, sowohl am ersten Festabende, als am nächsten Vormittag zu fungireu. Sein Vortrag war nach jeder Rich'ung vollendet und verdiente die Anerkennung, die ihm allseitig wurde. Möge es unserer Gemeinde, der kein Opfer zur würdigen Ausübung des religiösen Cultus zu viel ist, noch lange vergönnt sein, unsere beiden Canroren in gleich!reundschaftlicher und einträchtiger Weise wie bisher den heiligen Dienst des Herrn ausüben zu-sehen, Gott zum Wohlgefallen, uns allen zur Freude. Magdeburg. Die Magdeburger ״isr. Wochenschrift" bringt an der Spitze des Blattes folgende Notiz: An die Spitze unserer heutigen Nummer stellen w׳r ein aus bester Quelle uns übermitteltes Wort Ihrer Majestät der Kaiserin-Königin Victoria, das sich würdig dem bciühmNn gcflügcltln Worte Sr. Majestät unseres erhabenen Kaisers Friedrich, womit er als Kronprinz den Antisemitismus für alle Zeiten stigmatisirte, indem er ihn als eine ״Schmach des Jahrhunderts" bezeichnete, an die Seite stellt, und das darum verdient, der Vergessenheit entzogen zu werden. — Man berichtet uns aus Lüneburg: ״Bei dem neulichen Besuche Ihrer Majestätder Kaiserin in hiesiger Stadt unterhielt sich Höchstdieselbe während des von der Stadt ihr zu Ehren veranstalteten Diners mit unserem Oberbürgermeister Hrn. Lauenstein in eingehender Weise auch über die kirchlichen Verhältniße und erkundigte sich insbesondere, ob die Bekenner der verschiedenen Religionen in Frieden miteinander lebten. Als unser Oberbürgermeister nur die allgünstigste Auskunft darüber zu geben in der Lage war, sprach die Kaiserin ihre freudige Genugthuung hierüber aus und nahm hierbei die Gelegenheit, ihr Verdikt über den Antisemitismus mit folgenden, verbürgten Worten auszufprechen: ״Das antisemitische Treiben ist mir und mein-.m Gemahl in der Seele zuwider." Wrü'ssek Der König von Belaien hat neulich einen Beweis echter Toleranz gegeben. Der König hatte nämlich erfahren, dass die clericalen Blätter daraus Kapital geschlagen haben, dass zu dem von der Herzogin d'Arenberg veranstalteten Bälle, welchem der König und die Königin anwohnten, kein Liberaler und kein Jude Einladung erhalten haben. König Leopold nahm Gelegenheit, der Herzogin eine strenge Lection Zu geben. Bei dem nächsten Hofballe, auf welchem die ganzeArenberg'sche Familie anwesend war, bot Se. Majestät Frau Lambert, geb. Baronin m Rothschild aus Paris, seinen Arm, und zum nicht geringen Erstaunen seiner Gäste, führte er sie zu einem Sitze in seiner nächsten Nähe. Auf verschiedene Weise schenkte der König während des Balles andern Juden und den Führern der Liberal:!! be'ondere Aufmerksamkeit. Hkorn. (Papst und Schuhmacher.) Der päpstliche, Hofschuhmacher war in den Vat kan befohlen worden, um dem Papste das Maaß zu nehmen. Da der Meister krank war, so entsendete er seinen Obergesellen dorthin. Als dieser mir seiner Verrichtung zu Ende war, sprach der Papst zu ihm die freundlichen Worte: Machen Sie Ihre Sache gut, so erhalten Sie von mir für sich und Ihre Famelie einige geweihte Rosenkränze. Der Geselle lehnte aber dieses gnädige Versprechen ab, mit der Bemerkung, dass er Jude sei. Nun!vohl", sprach darauf der Papst, ״so werde ich Ihnen in anderer Weise erkenntlich sein. Sie scheinen mir ein wackerer Mann zu sein". H5om Weckar. Die israelitischen Gemeinden leiden in neuerer Zeit wieder ärger unter der Plage des Schnorrerthums. Von allen Seiten kommen die Bittsteller, und auch in Bettelbriefen wird das Möglichste geleistet. Ein kostbares Stückchen dieser Art kam jüngst in einer unserer Gemeinden vor. In der Sitzung des Kirchengemeinderathes verlas der Vorstand einen Bettelbrief, der ״eingeschrieben" angekommen war und dessen Inhalt folgendermaßen lautete: ״Herrn Vorstand der Gemeinde N. N. Vor 14 Tagen habe Ihnen einen ״eingeschriebenen" Brief geschickt um Unterstützung. Obgleich ich 30 Pf. Porto daran gewendet, habe nichts bekommen. Ich wende nochmals 30 Pf. Porto dran und ersuche um einen Beitrag, dessen ich sehr bedürftig bin. Sollte ich aber wieder keine Antwort erhalten, so muß ich glauben, Ihre Unterstützung werde auf der Post zurückbehalten, und muß b׳im Postamt Untersuchung austellen lassen. Ich verlasse mich also darnm, dass ich Geld erhalte, oder ich komme Freitag selbst." Der Brief war ans e-nem 20 Stunden entfernten Ort-- datirt, der Unterzeichner Niemand in bekannt. In gerechter Entrüstung über die Art der Bittstellung wurde sofort geantwortet: ״Auf Ihr Schreiben vom vorgestrigen erwidern wir Ihnen, dass uns so was noch nicht vorgekommen ist. Wir verzichten auf Ihren Besuch und schicken Ihnen hiemit in Marken 3 M.,, verbitten uns aber weitere de: artige Schreiben." Der Synagogen-- rath ac. Nachdem dies erledigt war, wurde weiter berathen. — Es. kan! ein Schreiben des neuen Rabbinatsverwesers zur Ver esung, dass er nächsten Freitag mit dem Mittagszug eintreffe, am Samstag predigen und Sonntag -die Religionsprüfung abzuhalten gedenke, man möge, falls irgend Umstände die Verlegung auf später wünschenswerth erscheinen lassen, dies umgehend anzeigen. Da solche-

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