Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 19 (5.6.1888)
- Date
- 1888-06-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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— 5 'Natur. So hehr und erhaben einerseits diese Bestimmung Israels an und für sich tatsächlich ist, so ist es wiederum anderseits höchst drückend und unerträglich, sich als den ewigen Prügeljungen der Menschheit zu wissen. Kurz diese Geschichts-Erscheinung ist uns eben so unlösbar, wie die versuchte in Einklangbringung unserer Willensfreiheit mit der Prädestination, die zwar Maimonides (Hilchot Tschuba V. 5.) zu erörtern versucht, schließlich jedoch sich gemüssigt sieht, auf Jesaias 55. 7. hinzuweisen. ״Denn meine Gedanken sind -׳nicht eure und meine Wege sind nicht eure, spricht der Herr". Der Orig.-Corresp. vom Riesen-Gebirge. (Fortsetzung folgt) Der Baal-Tephilla. Von M. I. R a b b i n o w i t s ch. Aus dem Russischen von A. Levin-Sagan. (.Autorisute Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) (6. Forschung.) Ich schlief darauf so fest, dass ich gar nicht hörte, als Alle ׳anfstanden und sich anzukteiden begannen, obwohl dadurch ein entsetzliches Geräusch verursacht wurde. Man musste mich darum lange wecken, bis ich die Allgen aufschlug und sie langsam zu reiben begann. In völliger Dunkelheit bewegten sich Schatten vor mir auf und ab und eigenartig hallten die Rufe und lauten Bemerkungen wieder. .,Was bedeutet das?!" rief Gerschon. ״Eben erst Hab' ich beide Strümpfe in'der Hand gehabt und jetzt scheint einer ins Wasser gefallen". ״Und ich kann meine Hosen nicht finden, als wären sie in die Erde gesunken", sagte Moscheh, der jüngere Bruder Gerschons. ״Ach dass Dich gleich . . .!" schreit die Tante, die endlich mit einem Lichtstummel erschienen war. ״Sieh' Deine Hosen liegen ja im Wassereimer. Dass hat er mit Absicht gethan, der ״Kol-bo׳ nik" (von dem hebräischen ״Kol bo", d. h. Einer, an dem alles Böse ist), darnit ich ihm die Festtagshosen gebe. Aber eher platz'st Du, bevor Du sie vor Rosch-ha-Schonoh erhältst!" ״Ach ja!" schreit Sossele, die Jüngste, unter der Bettdecke Hervor. ״Das hat er gestern beim Ausziehen absichtlich gethan". ״So sollst Du den Morgen erleben!" ruft Moscheh gif- 'lig. ״Wird's bald?" lässt sich der Onkel aus dem andern Zim- ׳ mer vernehmen. Mit Hilfe deS Lichtstummels finde ich endlich unter dem allgemeinen Chaos meine, über das ganze Zimmer zerstreuten Sachen, ׳bis auf einen Schuh, der auf unerklärlicher Weise in eine Mulde, wo von einem Freitag zum andern das Brod ausbewahrt wurde, gerathen war. Ich kleidete mich an, wusch mich, so gut es ging, und eilte, am ganzen Leibe vor Kälte zitternd, im Laufschritt nach der Synagoge, da ich befürchtete, zu spät zu kommen. Draußen war es stockfinster: dichte, schwarze Wolken bedeckten den ganzen Himmel, so dass nicht ein Sternlein zu sehen war; in der Ferne hallten die Schritte von den nach allen Richtungen dahineilenden Passanten dumpf wieder; hie und da blitzte der schwache Strahl einer Handlaterne auf, um sogleich hinter irgend einem Hause zu verschwinden, worauf es noch dunkeler wird, und ringsum erscheint Alles in einer beängstigenden Finsternis, wie ein tiefer Abgrund; im Nu ist Alles verstummt, erstorben, und mir wird es entsetzlich unheimlich. Da stoße ich an einen eingegrabenen Pfahl und verletze mir derart das Knie, dass ich vor Schmerz weinen muß und einiger Minuten bedarf, um das Bein wieder bewegen zu können. Endlich öffne ich die Thür der Synagoge, wo mich angenehme Wärme und eine im ersten Moment blendende Helle umgiebt. Es 'sind kaum zwanzig Personen anwesend; sie bilden einen Kreis um Reb Bärken und plaudern über etwas; Einige ,ecken sich von Zeit zu Zeit und gähnen heftig. Auch aus der Fraüenschul dringt eine laute Unterhaltung und bisweilen ein Alters-Husten, begleitet von Aechzen und Stöhnen. Allmählich aber füllt sich die Synagoge ganz; die Erschienenen sind lauter arme, abgerissene Menschen, zum großen Theil mit langen, wild herabhängenden und mit Federn bedeckten Haaren und starkverschlafenen zusammengefchrumpften Gesichtern. Lange Röcke und lange Peies sind unter ihnen fast gar nicht zu sehen — was auf mich nicht sonderlich angenehm wirkt. Da erscheint Reb Awner in einem stark abgetragenen wattirten Segeltuchbnrnuß, sorgfältig verpackt mit seinem grünen Shawltuch. Sein Anlitz ist blau und seine langen, sonst stets gekräuselten Peies hängen wie dünne Fäden lang an seinen Schläfen hernieder. Er war eben in der ״Mikwa", um sich vor dem Gottesdienste zu reinigen. Der ״Schammes" bringt ihm einen weißen ״Kittel", den er über seine Kleider zieht, dann wirft er sich den Talliß um und winkt mir, an das Betpult zu treten. Ich bekomme Herzklopfen, meine Knie schlottern — so verwirrt bin ich. Ich wäre in diesem Moment fähig davonzulaufen, allein Reb Awner hält sich hint-r mir. mir den Vortritt lassend, und so war ich denn genüthigt, hinzugehen. Mir erscheint plötzlich Alles lächerlich nichtig — das Publikum und selbst Reb Awner mit seinen provinziellen Gesaugsweisen und ich selber. . . . Wir sind am Betpulte angelangt. Alle nehmen ihre Plätze ein. Reb Bärke schlägt mit der fl rchen Hand auf das vor ihm liegende Buch, tiefe Stille tritt ein — und verwirrt mich noch mehr. Reb Awner räuspert sich, fasst mich bei der Hand, dass ich mich, ihm zur Linken, näher an das Pult stelle, und beginnt dann mit noch etwas belegter Stimme: ״Jisgaddal". Die Innigkeit seines Vortrages sowie die schöne rührend feierliche Melodie, die ich an diesem Gebete immer so geliebt, dringen wie warme Strahlen in mein Herz, und ich vergesse meine Befangenheit und ich fange an, mit Reb Awnern zu singen. Aber als es zu dem Gebete ״Bemozo'e" kommt, wo keine traditionelle Melodie verwendet wird, gerathe ich wieder einigermaßen in Verwirrung, da das von Reb Awnern unterlegte Motiv mir nicht besonders gefällt; nichts destoweuiger singe ich wacker mit. Dafür höre ich mit Vergnügen, wenn Reb Awner die Gebete rezitatorisch vorträgt. Welch' tiefe Empfindung entwickelt er da! —‘ Aber nicht ich allein, sondern fast alle Anwesenden hören ihm gespannt zu, und allmählig beleben sich die schlaftrunkenen Gesichter, die Augen leuchten auf und noch öfter werden sie feucht. Und Alles um uns scheint plötzlich wie neu belebt, sogar die Lichter scheinen Heller;11 brenneil, und in der Synagoge ist es mit einem Mal so licht, so warm, so freundlich; und immer inniger, immer wärmer wird das Gebet, so oft es unterbrochen wird durch die lauten, brausenden, energischen Rufe: ״Adonaj, Adonaj ist barmherzig und gnädig, laugmüthig und reich an Liebe und Treue!" Aber draußen ist noch immer finstere, undurchdringliche Nacht, und die Fenster scheinen, von außen mit einer dunkelblauen Decke umgeben. Diese Decke wird aber allmählig bläffer und nimmt mehr und mehr eine gelbe Schattiruug an, und hinter den allmählig erhellenden Fensterscheiben erscheinen die Häuserreihen wie in eineu bläulichen Nebel gehüllt. Inzwischen nähert der Gottesdienst sich immer mehr und mehr seinem Ende. Auch mein ״Schomer Jisrael" ist schon über dre Szene gegangen und hat — nachdem wir ihn absichtlich zwei Mal wiederholt, damit das Publicum ihn besser auffassen und recht genießen könne — Alle enthusiasmirt. Und so war denn das Debüt sowohl für mich als auch für Reb Awnern glänzend ausgefallen, uud nach Schluss des Gottesdienstes überschüttete man uns mit Lobsprüchen. Es war noch sehr früh, als ich die Synagoge verließ; bis zum Morgen fehlte wohl noch eine halbe Stunde und ich lief daher in das Beth Ha-Midrasch, wo mein Onkel betete, um den Gesang des dortigen Cantors zu hören; aber auch dort war der Gottesdienst bereits zu Ende; ich ging daher nach Hause. Inzwischen begann der Himmel sich zu klären, obwohl in der Luft noch einige Wolken schwebten, wie Nachzügler, die sich beeilen, so schnell als möglich vorwärts zu kommen. Nur eine große finstere Wolke setzte sich beharrlich an der Stelle fest, wo bald die Sonne hervortreten musste. Doch ein vom Meere her kommender, ziemlich heftiger Wind vertrieb auch sie bald, und ein großer flam-