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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-06-05 · Heft 19 (5.6.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 19 (5.6.1888)
Date
1888-06-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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l>ie Unterwü rfigkeit dem Manne gegenüber, auch auf die Gastfreunds Haft, die Niemandem die Thür verschließt, Jeden über die Schwelle treten lässt. W ..... r (Fortsetzung folgt.) Gedenket -er Tage -er Vorzeit — erwaget Die Äen-erung -er Zeitalter. (V. B. M. 32.7.) XI. Ein Blick auf die traurige Geschichte der Juden, oder eine nähere Kenntnis des Judenthums überhaupt würde genügen, um die am Schlüsse des letzten Artikels aufgeworfene Frage zu Gunsten der Juden zu lösen. Jndess geschah weder das Eine noch das Andere. In Frankreich jedoch ward zuerst die Geschichte zu Rathe gezogen und gleichzeitig von Horwitz Beer wie von den christlichen Gelehrten Thierrcy und Gregoire das Urtheil zu Gunsten der Juden gefällt- Allein dort war man dessen bald überhoben. Die Geschichte war plötzlich sozusagen durchbrochen, ihr Lauf abgedämmt und ein neues Bett für ihren Strom geschaffen. Die Reflexion war einmal rege und suchte Befriedigung. Wäre die Sache der Juden nicht eine dringende Angelegenheit des Staates, der Gesetzgebung und der Menschheit überhaupt gewesen, mindestens der ruhige Phsychologe müsste zu folgender Ueberzeugung gelangen, dass eine Idee, in welcher große Massen im Staate herangebildet werden, stch stets wieder erzeugt, allmählig auch ihre Seele durchdringt. Wird ihr keine Entwicklung zugestanden, so verfeindet sie stch mit den ebenso starren Ideen anderer Massen. Dies bezeugen zur Genüge die abgeschlossenen Stände, Innungen und Bruderschaften. Jede staatliche Absonderung zersplittert die Staatskräste, Verhindert deren Zusammenfügung zur staatlichen Einheit. Auch war es nunmehr klar, dass es die Aufgabe eines Staates ist, jeden Zwiespalt der Bevölkerung möglichst zu meiden, vielmehr, alle verschiedenen Bestandtheile derselben thunlichst zu vereinen, damit Las eigene Lebensprincip des Staates Alle durchdringe, Alle ohne Aufopferung ihrer Besonderheiten durch die sie vereinigende Staatsrdee verbinde. Sitten mb Gebräuche der Völker, Religionsgenossenschaften oder sonstiger Vereine werden stets geschieden bleiben. Kein noch so winziger Staat wird jemals eine völlige Gleichheit hervorbringen, weil dies ganz einfach unnatürlich ist. Auch die Natur bietet Abwechslung in Thälern, Hügeln und Bergen in Fülle. Der Staat darf die Bevölkerung nur richttg scheiden, oder als getrennt ansehen, Hut er dies, so bildet er sich selbst streittge Elemente. In Bettess der Juden aber war dies stets der Fall. Zwar schien es, als ob gerade eie Juden durch ihre aus der Offenbarung gesetzlich gebotenen Sitten stch dem Eintritt in ein allgemeines Bürgerthum widersetzten. Allein die Kraft, womit sie ihre Institutionen gegen fremde Eingriffe vertheidigten, war ganz dieselbe, mit welcher auch andere Genossenschaften — nicht nur der Religionen, sondern blos herkömmlichen Rechtes — Gewohnheiten seit der Entwicklung der Staaten — den Auflösungsmitteln widerstrebten. Die Erfahrung bewies, dass die vom Staate begünstigten und fast mit Bürgern gleichgestellten Juden in Oesterreich, Preußen, Holland, England unj> Frankreich durch ihre religiöse Besonderhett gar nicht behindert wurden, die allgemeine Idee des Staates in sich aufzunehmen, eben dieselben Juden, obwohl ste der Synagogenform noch ganz und voll huldigten, durch den zu erwartenden Messias der Landeshoheit weder Gehorsam noch innige Theilnahme versagten. Im Gegentheil verpflichtet sie der Prophet Jeremias 29 und gebietet: ״Fördert das Wohl der Stadt, wohin ich euch verschlagen, und betet für sie zum Ewigen, denn in ihrem Frieden und Heile ist auch euer Heil begründet." Man überzeugte sich endlich, dass alle thatsächlichen Mängel der Juden nur Folgen, unmenschlicher Gesetze, die gegen sie bislang angewendet wurden, sind, und dass die'e gesetzlich auerzogenen Gebrechen durch eine geregelte Erziehung und gemeinsame Leitung der Jugend mit der Zeit von selbst schwinden werden. Solche Erfahrungen fand sich Gelegenheit in allen gebildeten Staaten zu machen, und allmählig hatten sich auch Männer soweit emporgeschwungen, dass sie rückhaltslos, in sehr beredter Sprache sich darauf beriefen und das Bürgerrecht der Juden forderten. Je weiter die Zeit fortrückte, desto stärker bestätigte stch die Wahrnehmung von der wirlichen Ursache der schrecklichen Mißstände der Juden und beschämte die Büchergelehrten, die immer nur das Geschwätz einer engherzigen Vorzeit wiederholten. Als das letzte Ergebnis dieser Jdeen-Umwälzung kann man wohl bezeichnen, dass selbst in England, welches bekanntlich seine Staats - Institutionen am starresten behauptet und durch Jahr- Hunderte den Juden auf seinem Boden Erde und Wasser versagte, am Schluffe dieser Periode alle Volkstheile ihre Wünsche zu Gunsten der Tilgung aller scheinbaren Nichtbefähigungsgründe knndgaben, ferner dass Frankreich, welches ehedem für die Juden nicht minder engherzig und unerbittlich, nunmehr in seiner Gesetzgebung alle Spuren eines Unterschieds völlig tilgte. Diese Thatsachen übten einen außerordentlich wohlthätigen Einfluss auf die Juden, die thatsächllch nunmehr um so schneller vorrückten, als sie kurz vorher noch weih zurückgeblieben waren. Darum trat in dieser Periode die stürmische Thätigkeit der Juden und ihrer Gönner, wie ihrer Widersacher so stark hervor. Die alte Ruhe war erschüttert und mit Ungestüm legten sie die Hände an das Emanzipationsmerk. Sie wollten das Bürgerrecht verdienen, sich der unparteiischen Welt ganz und voll anschließen, die Gegner widerlegen und die Widerlegung staatlich anerkannt wissen. Der Geisteskampf war jetzt ein anderer als ehedem. Diese Kämpfe, die wir nur auszüglich geben, bewähren aber hier die Richtigkeit der Jesaias'schen Frage (66. 8.): Wird kreisen gemacht ein Land an einem Tage, oder geboren ein Volk mit einem Male? — Entschieden kann selbst dies und Unmöglichereres Gottes Allmacht bewirken. Jndess wissen wir wohl, dass selbst die Allmacht sich der Wunder höchst spärlich bedient. Sie lässt eben die höchsten Wunder auf natürlichem Wege geschehen. Ein solches Wunder hat sich eben an der Judenheit bethätigt. Fast zweitausend Jahre manderten wir von einer Nation zur andern,' Jedermann bedrückte uns weidlich, jeder Despot quälte uns ungestraft und kühlte sein Müthchen am herumirrenden Volke Israel. Wer ihnen in der Wanderung der Völkerwüste begegnete, schädigte sie schonungloS, und ihre unmenschlichen Bedrücker sagten: ״Wir sündigen nicht, weil Israel dem Herrn gesündigt". Hier stehen wir vor einem unlösbaren Geschichtsräthsel. Selbst Jeremias (Klagel. 3. 6.) wirft die Frage auf: ״Sollen wir mit den Sünden der nicht mehr vorhandenen Väter belastet bleiben?" und lässt sie unerörtert. Wir werden uns gewiss nicht unterfangen, das zu lösen, was einem Propheten ein Räthsel war und blieb. Die gewöhnliche Lösung: ״Wir sind die Erziehungs- Objekte der Vorsehung um an und durch uns der Menschheit die Heilswahrheiten zu lehren", die selbst Schiller in seiner ״Sendung Moses" in humaner antisemitischer Weise anführt, ist sehr zweifelhafter

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