Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 18 (28.5.1888)
- Date
- 1888-05-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1304829-3453130-3453148--2518-3456775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— S — Leben entgegen türmten, erschütterte und beugte sie aufs empfindlichste. Kurz die Befähigung zum Bessern wurde ein höchst fühlbares Uebel durch die inneren und äußeren Hinderniße, die sich der erlangten Befähigung entgegen stemmten. Die Entmutigung wurde um so größer, als sich von Seiten der Regierungen kein Schimmer von Hoffnung blicken ließ, dafs die Anstrengungen zum Bessern gesetzlich anerkannt würden. Es war daher natürlich, dass die für das Wohl ihrer Glaubensgenossen Eifernden nicht blos bei der inneren Veredlung beharrten, sondern die Gerechtigkeit der Nationen und deren Leiter anriefen, und die völlige Abänderung des naturwidrigen Zustandes heischten. Dies war ein Aufschwung neuer Art. Mendelssohn selbst hatte eine solche Forderung nicht gewagt, sondern nach außen nur einen bescheidenen Vertheidigungsprozess geführt. Jetzt aber reifte die Frucht seiner Kämpfe. Die Zeitverhälmiße waren auch zu derartigen Forderungen günstig. Ein Umsturz des ganzen früheren Jdeensystems war eben bewirkt. Die begünstigenden Schranken veralteter Erziehung Sitte, Gesellschaft, bürgerlieber Eintheilung, ja sogar Staatsverwaltung, kurz eine Menge Hemmniße der freien Körper- und Geistesbildung waren bereits durch die Kühnheit französischer Schriftsteller beseitigt, und man begann endlich auch in Deutschland freie Standpunkte einzuuehmen. Auch die Juden, schon durch Dohm und dessen Gleichgesinnte vertreten, durften nicht fürchten, ihre Stimme vergeblich zu erheben. War man doch allgemein der Ansicht, dass nur die Fesseln den. Menschen zum Sklaven machen, dass aber nicht eiserne Fesseln, sondern der Gewohnheitswie Geisteszwang eine weit verderblichere Sklaverei bewirken. Die Regierungen stellten allmälig misbräuchliche Beschränkungen ab. In Oesterreich und Preußen blühten jüdische Fabriken, die man ein Jahrhundert vorher nicht in jüdischen Händen duldete. Ebenso storirte in Frankreich der Handel portugiesischer Gemeinden, und die Zulassung einzelner Familien zum Grundbesitz förderte ungemein den Gcwerbefleiß der Städte. Besonders heilsam wirkte die Aufnahme der Jugend in öffentliche Schulen, die früher derselben fast überall ver- * schlossen waren, und dies erzeugte einen wissenschaftlichen Wetteifer, der sicherlich Beiden höchst ersprießlich war. Die polizeiliche Beaussichttgung der Synagoge — zur Verhinderung antichristlicher Gebete (?) — eine in Königsberg fast 80 Jahre geübte Plackerei und Befchimpfung, war schon durch Mendclssohn's Bemühung beseitigt. Ebenso ward der Leibzoll reisender Juden, die hierdurch dem Vieh gleichgestellt waren, durch Ludwig XVI. 1784 in Frankreich, dann durch Friedrich Wilhelm DL 1787 für die jüdischen Preußen abgeschafft. Wie viel dadurch für die Gewerbethätigkeit, Erziehung und Herstellung eines friedlichen Verhältnißes zwischen Christen und Juden gewonnen war, konnte auch der starrste Anhänger der alten Gesetze nicht verkennen. Da es Zweck jeglicher Regierung, alle Angehörigen unparteiilch durch weise Gesetze zu beglücken, soweit dies eben durch sie zu ermöglichen ist, so mussten nun die Regierungen neuen und zeitgemäßen Vorschlägen um so eher Gehör geben, als sie selbst das Beispiel gegeben hatten und sie sich selbst überzeugten, dass die gesetzliche Entfesselung der bislang Eingezwängten so heilsame Früchte uug Man konnte denen, welche dem alttn Zwang noch zugethan waren und Scheingrüude vorführten, Ergebniße entgegenstellen, die sie vollständig entwaffneten. Die Scheingründe zur Verfolgung, zur Entziehung der Bürgerrechte, wie der faule Vorwand der Kreuzigung Jesu vor fast 1800 Jahren, die von damaligen jüdischen Zeloten mit nicht minderem Eifer bewirkt, als die spätere Tödtung eines Huß und die kaum verhinderte eines Luthers seitens christlicher Zeloten — und zwar in weit späterer Zeit — ferner die befürchtete Proselytenmacherei, obgleich den Juden gesetzlich verboten (Maimonides IssureBiah. Absch. 14) endlich die noch gegenwärtig spukende Verläumdung der Christenfresserei der Juden — Tisza-Eszlar unseligen Angedenkens — alle diese und ähnliche alberne Scheingründe verklangen ins Leere. Selbst die alberne Idee der Notwendigkeit einer alleinigen, glückseligmachenden Siaalskirche und in Folge dessen die Unterdrückung anderer Bekenntniße, zeigte sich durch die herrlichen Früchte, die Spanien gezeitigt und zu seinem Unheil eingeheimst, völlig unstichhaltig und verwerft lich. Man sah endlich ein, dass eine Vertilgung der Juden unmöglich sei und begründete darum die sie bedrückenden unmenschlichen Gesetze auf ihren Zustand selbst, erklärte sie schlechtweg für unfähig, ganz ins Bürgertum einzugehen. Abgeschiedenheit durch Sitten und Gebräuche, angezogener Zwang zum nüdern Handel und der damit verbundenen Ausartung durch gesetzlich ihnen gestattete Wucherei, Vagabundiren, Theilnahmlosigkcit für den Staat, genährt durch die Erwartung eines befreienden Messias, dies waren nunmehr die Vorwände, die geltend gemacht wurden, zur Versagung des Bürgerrechts. Die berechtigte Frage war aber entschieden: Sind die unleugbaren Gebrechen der Juden eine Wirkung der-jüdischen Religion oder vielmehr der so verkehrten, geradezu unmenschlichen Gesetzgebung? (Fortsetzung folgt.) Gründlings- und Vereinsbeiträge. S. Weiss, Ung. Brod, halbjähr. Beitr.; G. Rosenfeld, Ungereiben, halbjähr. Beitr.; L. Blum, Schlau, Vierteljahr. Beitr.; G. Stransky, Trautenau, halbjähr. Beitr.; I. Popper/ Koljanowitz, dreivierteljähr. Beit,׳. M. Reiser, Neuern, Vierteljahr. Beitr.; S. Schrecker, Jungbunzlau, dreivieteljähr^Beitr.: S. Gruschka, M. Kromau, virteljähr. Beitr.; M. Kraus, Prag, Vierteljahr. Beitr.; A. Hahn, Tescden, halbjähr. Beitr.; S. Neumann, Oberhollabrunn, 1 fl 50 kr.; L. Götz, Puklitz, halbjähr. Beitr.;- B. Haas, L. St. Miklos vierteljähr. Beitr.; I. Neuman, St. Pölten, vierteljähr. Beitr.; H. Löwy, Neunkirchen, vierteljähr. Beitr.; S. Popper, Eger, dreivierteljähr. Beitr.; A. Lederer, Eger, dreivierteljähr. Beitr.; M. Stein, Postelberg vierteljähr. Beitr.; D. Kohn, Nakonitz, 1 fl 50 kr. A. Krämer, Freudenthal 50 kr.; S. Rosenberger, Komotau vierteljähr. Beitr.; A. Adler, Ung. Hradisch, vierteljähr Beitr.; G Rosenbaum, Graz, vierteljähr. Beitr.: S. Beinkeles, Battelau halbjähr. Beitr.; M. Kulka, Kolin, vierteljähr. Beiir. I. Friedmann, Holics, vierteljähr. Beitr. Für das berufsunfähig gewordene Vereinsm tglied A. Schrecker in Piesling sind weiters noch folgende Pflichtbeiträge per 50 kr. eingelaufen: M. Wodak Floridsdorf; Salzer, Aspern; I. Bader, Pardubitz; H. Lemberger, Kuttenplan; S. Weiss, Ung. Brod. M. B l a t t, Cassier, 2. Bezirk, Tempelgasse 3. Kleine Chronik. Wien. Donnerstag den 31. Mai׳ d. I. Vormittags 10 Uhr, findet im Saale der israelitischen Cultusgemeinde, I., Seitenstetteltgaffe Nr. 4, 2. Stock, die fünfzehnte ordentliche Generalversammlung der israelitischen Allianz mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht über die Thätigkeit des Vereines im Jhare 1887; 2. Bericht über die finanzielle Gebahrung im Jahre 1887; 3. Wahl in den Vereins- Vorstand nach § 6 der Statuten. (Die Reihe zum Austritte trifft die Herren: M. L. Baruch, Sam. Gottlieb, Dr. Adolf Jellinek, Bernhard Singer, Friedrich Singer, Ignatz Weiß ) Die Wiederwahl ist zulässig; 4. etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Wien. (Die Rechtsverhaltniße der israelitischen Religions- Genossenschaften.) Der Ausschuss für das Gesetz, betreffend die Negelung der äußeren Rechtsverhältniße der israelitischen Religions- Genossenschaften, ist in die Special-Debatte über den vom Herren- Hause genehmigten Entwurf eingegangen. Der Referent Abg. R. v. Gniewosz wies zunächst darauf hin, dass zahlreiche Petitionen eine Scheidung der Orthodoxen von den sogenannten Neologen fordern, namentlich in Bezug auf den freien Beitritt zu den Gemeinden. Minister Dr. v. Gautsch erklärte, er könne sich für eine Scheidung zwischen Orthodoxen und Neologen nicht aussprechen, und er halte es für nicht thunlich, sich in diese Schwierigkeiten einzumengen. Er habe seinen Standpunkt gelegentlich der Debatten im Herrenhause dahin präcisirt, dass aus dem Wulste jahrhundertelanger Gebräuche es sehr schwierig sei, etwas Bestimmtes herauszugestalten. Die Regierung könne nur eine Religions-Genossenschaft der Juden anerkennender nicht zufrieden ist, solle eine besondere Religions-Gesellschaft bilden. Der Minister bemängelt die unglücklichen Folgen sowol des ungarischen als auch das Laskerschen Gesetzes; der freie Austritt sei gefährlich. Speciell in Ungarn habe es sich herausgestellt, dass man