Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 18 (28.5.1888)
- Date
- 1888-05-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Gleichheit des Klanges ist ebenso nothwendig und muß über die ganze Reihe der Töne ausgedehnt werden, wie die gleiche Starke und der gleiche Ansatz. Erst wenn dieses dritte Merkmal des Begriffes der Gleichheit der Töne erreicht ist, ist die von uns gefordertc Gleichheit vollendet und der ganze Begriff zu seinem Rechte gekommen. Oder glaubt vielleicht Einer, diese durch die Schlund- und Mundöffnung herzustellende Gleichheit des Klanges sei nach Erreichung jener Gleichheit der Stärke und des Ansatzes überstüffig? Wer solche Meinung hegt, höre nur die Scala eines Dilettanten an; dunkle und Helle Töne folgen sich in regellosem Wechsel, eine mit a begonnene Scala wird bald o, bald u, bald i; die Töne sind dabei innerlich möglicherweise ganz richtig und ohne alle falsche Beihülfe erzeugt, aber das Ansatzrohr und die Stellung seiner Theile ist noch so wenig dem Willen unterworfen, dass es regellos und zufällig bald diese, bald jene Gestalt annimmt, und demzufolge verschiedene Klänge zu Tage fördert. Ja! auch das Ansatzrohr und seine Theile sind Gegenstand der fleißigen Uebung, und die Aufgabe, hierin eine Gleichheit des Klanges für die ganze Scala zu gewinnen, ist sogar so schwierig, dass manche schon gut gebildete und anerkannte Sanger die Herstellung einer völligen Ausgleichung des Klanges über die ganze Scala für kaum möglich erklärten. Dass sie jedoch gefordert werden muß, folgt aus dem Wesen der Gesangskunst, welche einen in jeder Hinsicht gleichen Fluß der Töne erheischt; und dass sie erreicht werden kann, folgt aus der großen Geschmeidigkeit und Beweglichkcit der Theile des Ansatzrohrs. Und wie wir schon gesehen haben, dass es viele Stufen des Klanges von der hellsten bis zur dunkelsten Farbe gibt, so gibt es auch verschidene Farben der ganzen Scala, eine Helle und eine dunkle Scala und deren Mittelfarbe. Diese Nüancirung ist nur Sache des Ansatzrohrs, und wenn wir! nun fragen, wie die von uns. geforderte Gleichheit aller Töne der Scala hinsichtlich des Klanges zu erreichen fei, so haben wir es jetzt nur mit dem Ansatzrohr und seinen Theilen (der Schlund- und Mundhöhle) und ihrer Stellung zu einander zu thun. Durch diese Gleichheit im Klange aber und durch die darin möglichen Nüandrangen erhalten die Töne der menschlichen Stimme erst ihre rechte Geschmeidigkeit und werden zur Aufnahme der Sprache und der Articulation, welche dm menschlichen Ton unterscheidet von allen andern Tönen, vorbereitet und hingeleitet. Dann aber mag zur Sprache noch die Empfindung der Menschenseele sich gesellen, und sie wird durchleuchten durch die geschmeidig gewordenen materiellen Töne alle, und der Gesang wird zur lautenden Seele. — Nachdem wir nun so im Allgemeinen gezeigt haben, dass, um die Gleichheit der Töne einer Scala ganz herzustellen, auch die Gleichheit des Klanges wesentlich mit in Rechnung zu ziehen ist, und dass gerade durch Erreichung dieser Art von Gleichheit die weitere Ausnahme der Sprache und Empfindung bedingt ist; so haben wir jetzt in die Untersuchung selbst einzugehen und die Frage zu beant- Worten: wie ist die Gleichheit aller Töne der Scala hinsichtlich des Klanges zu erlangen? Wir antworten darauf, dem Gange unserer Entwicklung unserer früheren Artikel folgend, sür's Erste mit dem dort in feiner ganzen Nothwendigkeit erkannten und nachgewiesenen Grundfatz, dass vor Allem alle unnöthigc Beihülfe bei Erzeugung und Fortfchreitung der Töne ganz und gar beseitigt werden muß. — Schon in einem der ersten Theile unserer Abhandlung, welcher vom Ton als einzelnen handelt, haben wir gesehen, dass das Anfatzrohr bei Erzeugung eines Tons nur in untergeordneter, passiver Weise mitwirkt, nämlich nur durch die Oeffnung derselben, weil, wenn das Ansatzrohr geschlossen ist, gar kein Ausathmen und somit auch kein Ton möglich ist. Dennoch findet sich bei Natursängern fast immer die Neigung, auch gewisse Theile des Ansatzrohrs, besonders die Mandeln, die Gaumenbogen und die Zunge: bei Erzeugung eines Tones Mitwirken zu lassen. Es entsteht dadurch der zweifache Fehler, welchen wir mit dem gewöhnlich dafür gebrauchten Namen als Gaumen- und Nasenton bezeichnet haben; und beide beruhen also auf e'ner fehlerhaften activen Mitwirkung des Ansatzrohrs bei der Ton-Erzeugung. Auch die Mittel, welche zur Beseitigung dieses so oft vorkommenden zweifachen Fehlers am sichersten führen, haben wir schon früher nachgewüsen. Gilt dies aber schon vom Ton als einzelnen, so ist noch mehr beim Ton, als Glied einer Reihe von Tönen, oder mit andern Worten, bei der Aneinanderreihung, Fortschreitung der Töne darauf zu achten. Die Aneinanderreihung von Tönen ist ja nichts Anderes, als deren fortlaufende Erzeugung; und wenn schon bei dem Erzeugungs-Akt eines einzelnen Tones für sich allein jene Theile des Ansatzrohres Mitwirken wollten, so ist dies in noch größerem Grade bei der Aneinanderreihung vieler Erzeugungs-Acte der Fall. Ja, nur zu oft tritt der Fall ein, dass ein Schüler wohl schon einen einzelnen Ton für sich allein ohne Quetschen und Näseln erzeugen und aushalten kann, und doch, wenn er von dem einen Ton zu einem andern übergehen soll, ist das Quetschen und Näseln wieder da. Dies also ist es, worauf wir jetzt vor Allem unser Augenmerk zu richten haben, nämlich darauf, dass auch beim Uebergang von einem Ton zum andern jener zweifache Fehler beseitigt werde. Es ist ja doch klar, dass ohne Beseitigung dieses Fehlers, wie keine Einheit in der Erzeugungsart, so auch keine Einheit im Klange zu gewinnen ist. Der Gaumenton gibt sich auch dem Ohre als ein unfreier, gequetschter, gedrückter Ton sogleich zu erkennen, und der Nasenton offenbart sich. in einem widerlich schneidenden, schmetternden Klange. Ja beide, der Kehl- und der Nasenklang, verfehlen nicht, auch auf einen ungeübten Zuhörer sogleich einen unangenehmen Eindruck zu machen, während der fehlerlose freie Ton Jeden anzieht und fesselt. Wechseln nunabervollends mit solchen guten Klängen jene Gaumen- und Nasenklänge ab, so tritt durch diese Aneinanderreihung die Verschiedenheit des Klanges unk damit die Widerlichkeit jener Fehler noch mehr zn T ige. Der Gaumen- und Nasenklang heben somit die Klang-Einheit geradezu auf. Gesetzt aber auch, es ließe vielleicht ein Lehrer den Gaumen- und Nasenton gelten und versuchte dabei eine Scala gleich klingender Töne herzustellen, also eine ganze gleiche geqnetschte und genäselte Scala: so wird er alsbald die Erfahrung machen, dass' bei keinem Schüler in allen Lagen der Töne ein gleicher Grad des Quetschens und Näselns sich einfindet, sondern dass besonders in der Mitteltage der fehlerlose freie Klang — Dank der besseren Natur — zum Vorschein und Ausbruch kommt; und dass das Fortschreiten in den höheren und tieferen Lagen sich auch mehr erschwert und der Umfang sich demzufolge enger begrenzt, als dies beim gesunden Klange der Fall ist. Das Quetschen und das damit eng zusammenhängende Näseln hindert ja die freie Thätigkeit der Muskeln bei der Erzeugung, es erschwert ihr Geschäft, statt es zu erleichtern; vervielfältigt den Process, statt ihn zu vereinfachen. Es bleibt somit dabei, nur nach Entfernung des Gaumen- und Nasenklanges ist eine gleiche Muskelthätigkeit, und nur nach Entfernung des Gaumen- und Nasenklanges ist ein gleicher Klang für alle Töne der Scala überhaupt erreichbar. Wenn nun jene Fehler bei der Erzeugung des einzelnen Tons beseitigt sind, aber dennoch beim Übergang von einem Ton zum , andern sich gerne wieder einstellen, so haben wir jetzt das Mittel anzugeben, wie auch hiebei jene fehlerhaften Klänge überwunden werden. Es gibt, wie wir schon gesagt haben, kaum einen Schüler, in dessen Scala sich nicht wenigstens ein Ton fände, welcher vom Quetschen und Näseln gleichsam schon von Natur frei geblieben ist;