Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 18 (28.5.1888)
- Date
- 1888-05-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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sei, ׳auch schämte man sich, für einen Reactionär zu gelten. Es dauerte -aber nicht lange, so sieng man an einzusehen, dass diese Melodien, - an denen sich unsere Ahnen erbaut und Gott näher gefühlt!hatten, nicht nothwendigerweise im Gegensätze zu den neuen Formen des Gottesdienstes stehen müssen. Es muß eingestanden werden^ dass sich hierbei die Wünsche des Publicums mit den Neigungen der Cantoren begegneten, und bald ertönten die uralten, heiligen Melodien wieder in den jüdischen Synagogen. Freilich geriechen die!Eantoren dadurch wieder ziemlich in Verlegenheit, indem sie der veränderten Situation gegenüber aus dem »Schir Zion« keine Hilfe finden konnten. Aber sie suchten sich, so gut es gieng, zurecht zu!finden, und mehr oder minder glücklich wurden diese Klippen umschifft. (Fortsetzung folgt) Gin altes Capitel. Von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch- Schlesien. Seit undenklichen Zeiten, wie wir aus den Annalen unserer Geschichte vernehmen,, preiset Israel mit seinen Psalmen und Liedern Gott den Herrn, und bis heute ist der Gesang in Tempeln und Familien ein imegrirender Theil des Gottesdienstes. Es wäre daher sehr zu bedauern, wenn man der Synagogemnusik nicht diejenige Aufmerksamkeit schenken wollte, die sie in so hohem Grade verdient, da dieselbe in gegenwärtiger Form in der Liturgie, zur Erhebung und Verschönerung der öffentlichen Gottesverehrung dient. Eine Verrachlässigung darf nicht befürchtet werden, obzwar es gerade in dieser Hinsicht eine Menge Hinderniße und Schwierigkeiten giebt, die schwer zu beseitigen sind. Vornehnilich rechne ich dazu die nicht genug zu tadelnde Gewohnheit, Alles, was zu einem guten Synagogenchor gehört, von dem Cantor allein zu fordern. Er soll nicht allein Sänger bilden und mit ihnen Chöre und Solis einüben, sondern auch alle dazu nötigen Musikalien auf seine Kosten anschaffen und zum unentgeltlichen Gebrauche hergeben. Diese Forderung ist sehr unbillig und hindert fast überall das Gedeihen eines guten Synagogenchores, weil dasselbe von der Persönlichkeit eines Mannes abhängig gemacht wird, der nebenbei noch T-Ämter zu bekleiden hat. Ist auch der Cantor ein Musikkenner, scheut er auch weder Zeit noch Mühe, der heiligen Sache zu dienen, wer bürgt dafür, dass er im Laufe der Jahre nicht ermatte, oder durch die betrachtlichen Ausgaben für Partituren nicht abgeschreckt werde, mit der Zeit fortzuschreiten und immer neue Opfer für die Kunst und ihre Er- Hebung zu bringen? Alter, Arbeit, Existenzkummer, überhäufte Geschäfte und andere mißliche Umstände schwächen oft die Kunst, die Ausdauer, den Mut und die Hingebung des rüstig strebenden Mannes, so dass er zuletzt der Last unterliegt, die ihm aus Unkenntnis und Verkennung aufgebürdet ist. Er schafft weniger an, weil ihm die Mittel dazu fehlen, er regt sich weniger, weil ihm die Kraft mangelt, er schreitet weniger fort, weil es ihm an Belehrung, Anregung und Anerkennung gebricht. So sinkt Alles endlich wieder in den alten Zustand zurück, der sich beim Antritt seines Amtes fand. Wenn nun, wie es häufig leider geschieht, die Cantoren ihr Amt wechseln oder aufgeben müssen, weil es dem Einen oder Anderen in der Gemeinde nicht mehr passt, immer wieder dasselbe Gesicht vor dem Betpulte zu sehen, wer kann sie hindern, alle Partituren und Stimmhefte, die ja ihr Eigenthum sind, mit sich zu nehmen? Muß daun der Nachfolger nicht wieder von vorne anfangen untz die ganze Gemeinde einen Rückschritt nach dem andern machen? Namentlich würde dies der Fall sein, wenn der neue Cantor geringere Kenntniße in der Musik besäße, gleichgiltiger für die heilige Sache wäre als-sein Vorgänger und daher auch jede Ausgabe scheute. Diesem Übelstande könnte nur gesteuert werden, wenn die Gemeinden den Synagogengesang nicht mehr von der Persönlichkeit und dem Geldbeutel des Cantors allein abhängig inachten, sondern einen festen und dauerhaften Grund zu guten Compositionen dadurch legten, dass jede Synagogen-Gemeinde, welche ihre Gottes verebrnngen durch Gesang und Orgel verherrlichen kann und will, eine Sammlung guter Musikwerke anschaffte und mit der Zeit vermehrte. Dadurch würde sich die Gemeinde die geordnete Liturgie für alle Zeiten erhalten und sichern und der manchmal begründete Wechsel des Camors kann ihr dann nicht sonderlich schaden. Sind die Musikalien Eigenthum der Gemeinde, so muß jedes Gemeindeglied zu deren Anschaffung beitragen, und mancher Vater wird dadurch um so eher bewogen werden, seinen Sohn oder seine Tochter im Chore Mitwirken zu lassen, damit er auch einigen Vortheil (in gesanglicher Hinsicht) für sein׳ Ausgabe erlange. Es giebt nur wenige Gemeinden, die ihren Sinn für Religion und Kunst durch Anlegung von Musiksammlungen zum Gebrauch bei öffentlichen Gottesdiensten an den Tag gelegt haben. Man begnügt sich hin und wieder schon damit, einige groß angelegte Com- Positionen beschafft zu haben, und vergisst, dass diese nichts nutzen, wo nicht die Chorverhältniße dafür vorhanden sind. Es entsteht nun die wichtige Frage, welche Werke sollen angekauft werden? (Fortsetzung folgt.) Methodik -er Gesangskunst. XXVII. Der innerlich erzeugte Ton tritt nach außen durch das Ansatzrohr und die verschiedene Stellung seiner Theile färbt auch den bereits weiter unten im Halse erzeugten Ton verschieden; und ebenso: die innerlich gleich erzeugten Töne treten nach außen durch das Ansatzrohr und nur die feste Beibehaltung der einmal angenommenen Stellung seiner Theile 31t einander gibt den bereits gleich erzeugten Tönen auch gleiche Färbung oder, was ein und dasselbe ist, gleichen Klang. Die richtige innere Erzeugung des Tons is! die Grundlage auch für den späteren richtigen Gebrauch der Theile des Ausatzrohrs; und die gleiche innere Erzeugung der Töne (durch gleiche Athemgebung und gleiche Muskelthätigkeit, gleiche Stärke und gleich leichte Ansprache) ist die Grundlage auch für die weitere gleiche Anwendung der Schlund- und Mundhöhle. Auf den zwei ersten Factoren, Lungen und Kehlkopf, beruht die Entstehung des Tons, auf dem dritten Factor, der Schlund- und Mundhöhle, die Klangfarbe des entstandenen Tons. Der Klang des Tons hat den Gebrauch der beiden ersten Factoren zur natürlichen Voraussetzung, aber ist deshalb noch nicht ihr Resultat, sondern hat seinen eigenen Grund in der Schlund- und Mundhöhle; und ebenso hat die Gleichheit des Klanges aller Töne natürlich ihre Voraussetzung in der Gleichheit ihrer Erzeugung, ist aber noch nicht ihr Resultat, sondern hat ihren eigenen Grund in der gleichen Stellung der Schlund- und Mundhöhle. Die Töne können alle gleich erzeugt sein, aber wenn die Gleichheit der Schlund- und Mundöffnung fehlt, so ist doch die Klangfarbe noch verschieden, wenn auch dieselben Töne nach Stärke und Ansatz oder Ansprache gleich erscheinen. Die Gleichheit ist also erst dann ganz erreicht, wenn auch in der Art und Weise, wie die gleich erzeugten Töne nach außen treten, d. h. im Klange die Gleichheit hergestellt ist.