Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 18 (28.5.1888)
- Date
- 1888-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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D r Mn LP 1 - 1.׳ .$ 4! tj:>J - i H — 2 — Doch ich will gegen Nestor Sulzer nicht ungerecht sein, die ץ Don mir gerügten Mangel an den Chören im ersten Theile des »Schir Zion«, zu denen noch andere kommen, die ich hierzu berühren keinen Anlass habe, mögen damit entschuldigt werden, dass Sulzer eben keinen Vorgänger und keine Vorbilder hatte. Auch hat sich Sulzer anderseits mit der Schaffung der Responsorien unvergungliche Verdienste erworben, denn diese sind in der That mustergiltig. Es ist unter Umständen leichter, eine große Piece zu componiren, als eine Responsorie von acht Takten, und ich wiederhole, Sulzer hat bei Schaffung derselben ein seinfühliges Verständnis für die Anforderungen gezeigt, welche für diese Gattung kleiner Tonstücke von Seite der Liturgie, des Publikums sowie auch von Seite der Kunst gestellt werden. Es wäre nur zu wünschen, dass dieselben als fixe Punkte in der wechselvollen Gestaltung unseres jüdischen Gottesdienstes allerseits anerkannt würden und von den Compositionsversuchen eitler Piecenmacher verschont blieben. »Kodausch«, »Sch’ma jisroel« u. dgl. möge man in sämmtlichen jüdischen Gotteshäusern in gleichen Klängen hören und — mitsingen. Weniger leicht aber wird es, den zweiten Fehler zu entschuldigen, in welchen Sulzer bei der Herausgabe seines »Schir Zion« verfallen ist, und den ich oben erwähiit habe, nämlich, dass vieles, was, wenn das Werk seinem Zwecke entsprechen sollte, darin enrhalten sein müsste, eben nicht darin ist. Die Entschuldigung wird aber schon deshalb weit schwieriger, weil die Folgen dieses Fehlers verbängnisvoll wurden. Es möge mir erlaubt sein, aus diesen Punkt näher einzugehen. Kann man sich einen geregelten jüdischen Gottesdienst mit Chor denken ohne Cantor? Scheint ts möglich, in einen solchen Tempel zur Function einen Cantor hinzustellen, wie sie in der Zeit vor Sulzer existirten? — Ich glaube, Sulzer selbst hätte die Möglichkeit des ersprießlichen Zusammenwirkens eines geregelten Chores mit einem derartigen Cantor, und hätte derselbe auch die schönsten Mittel besessen, bestritten. Es mussten also die Mittel angegeben und geboten werden, um Cantoren für die neue Richtung heranzubilden. Dies konnte aber nur wieder in zweifacher Weise geschehen; erstens durch Veröffentlichung von Recitaliven für sämmtliche Gottesdienste des Jahres, welche als Muster zu gelten hätten, hauptsächlich aber hätte eine Cantorenschule gegründet werden müssen, in welcher eine Anzahl junger Cantoren gebildet worden wäre, welche sowohl in liturgischer als auch in musikalischer Beziehung das Sulzer'sche Princip soweit in. sich ausgenommen hätten, um auch bann ihrerseits als Vorbilder und Lehrer dienen zn können. Was nun die Cantorschule betrifft, so weiß man, daß eine solche, wenn man von dem Deutsch'scheu Privatunternehmen in Breslau absieht, *) bis auf den heutigen Tag nicht existirt, und in Bezug auf Musterrecitattve erfüllt der Sulzer'sche »Schir Zion« die Anforderungen, die an ein solches Werk mit Recht gestellt werden können, nicht in der geeigneten Weise. Nicht ohne Lächeln kann ich mich der Zeit erinnern, wo das Stückchen »Na godlu« im »Schir Zion«, das Alpha und Omega alles dessen bildete, mit dem aus einem Ehasan von gestern ein Cantor von heute geworden war. Im »Schir Zion« fanden sich eben nicht mehr Mittel zu dieser Metamorphose. Da nun ein anderes Werk als das Sulzer'sche nicht vorhanden war, die Sache aber in vielen Gemeinden Anklang fand, so blieb es den einzelnen Cantoren überlassen, Stellung zu der neuen Situation zu nehmen, und diese Situatton, sie entbehrte bei gar manchem so plötzlich in die Kutte gesprungenen Cantor nicht eines gewissen *J Zu (Stuttgart, Pest und Prag bestehen ebenfalls Eantorenschulen. tragikomischen Charakters. Hier passte das eingelernter Reoikatwe nicht zur Tonart des darauf folgenden Chores, dort wieder konnte sich die chobe Stimmlage des Cantors mit dem für eine tiefe Stimme geschriebenen Recitative nicht vereinigen, oder auch umgekehrt. Da der »Schir Zion« nach dieser Richtung so dürftig war, so fand mancher Tausendkünstler,, dass es vielleicht denn doch keine Hexerei sein werde, auch seinerseits die Welt mit einem solchen Recitative zu beglücken; er setzte sich hin und schrieb wohl oder übel,, häufiger auf letztere Weise, ein solches; darauf wieder fand der nicht sehr befriedigte Cantor, dass er vielleicht ein besseres Kunstwerk, zn Stande bringen werde, freilich musste er dazu zumindest eine musikalische Idee aus dem Kopf niederschreiben können. Doch dieses unüberschreilbare Hindernis wurde umgangen, indem ein ״musikalischer" Freund das demselben vorgesungene Kunstwerk zu. Papier brachte. Was aber bekam man da zumeist zu hören! — Heute wo die meisten Cainoren denn doch schon über ein gewisses Maß musikalischen W ssens und aesthetischen Geschmackes verfügen,, dürfte man sich kaum eine Vorstellung davon machen können. Eine merkwürdige Erscheinung kam jedoch damals zum ersten Male an"s Tageslicht. Seit jener Zeit nämlich weiß man, dass jeder Cantor zu componiren versteht, habe er es gelernt oder auch nicht. Und auch die Stimmgabel, welche nebst dem Gebetbuche das nothwendigste ״Handwerkzeug" eines Cantors von dainals war, was machte die dem guten Manne zu schaffen!. — Doch ich will mich nicht länger bei jener Anfangsepoche aufhalten Die Sulzer'sche Idee war auf fruchtbaren Boderr gefallen, die Sach ׳ fand allenthalben Anklang, und in den meisten Gemeinden des Inlandes sowie in vielen des Auslandes hielt der »Schir Zion« seinen siegreichen Einzug. Es herrschte in Wahrheit eine Art Wettkampf in der Einführung der neuen Gesänge, wobei man sich die Sache denn roch in vielen Fällen etwas gar zu leicht machte. Es gab gar manche Gemeinde, in der man sich darauf beschränkte, dass, der Cantor, so gut er's verstand, drei, vier Knaben zum ״Nachsagen" in Sulzer'scher Manier abrichtete, dann seirrerseits in die neue Kutte schlüpfte, die nebenbei gesagt, manchmal die größte Geldausgabe war, welche die ganze Neuerung verursachte, und — der Chortempel war fertig. Freilich nahm man in anderen Gemeinden die Angelegenheit ernster in die Hand und erzielte je nach dem Geschicke und dem Fleiße des Cantors und im Verhältuiße der dabei verwendeten Mittel mitunter schöne Resultate. Da trat eine Erscheinung zu Tage, welche inan sehr häufig bei entscheidenden Reformen beobachten kann. Es wurde über's Ziel geschossen, und zwar in einer Richtung, die, wenn nicht guv rechten Zeit eine Reaction eingetreten wäre, ganz wohl geeignet war, Cantor und Chor samillt Allem, was d'rum und d'ran hieng, überstüssig zu machen, indem der Gottesdienst nahe war, alles Andere zu werden, als ein j üd i s ch e r Gottesdienst. Auf der Jagd nach dem Neuen glaubte man Alles ausmerzen zu müssen, was an das Alte erinnerte, vergaß aber dabei, dass das A l t e es war und nicht das Neu e, was dem jüdischen Gottesdienste sein charakterisches Gepräge verlieh. Die Parole lautet: Alles muß ״choralisch", wie man sich damals ausdrückte, sein, und ja nichts ״Polnisches" hören lassen. ״Polnisch" hieß damals soviel als jüdisch, und so wurden die meisten altehrwürdigen Melodien in Acht und Bann gelegt und nur Schanden halber hatte man mit einigen derartigen Stücken Mitleid, und dies umsomehr, als auch Sulzer dieselben nicht, auf den Index gesetzt hatte und sie in seinem »Schir Zion« beibehalten hatte; so z. B. »Lol nidre« und andere derartige alte Weisen. Das Publicum getraute sich wohl anfangs nicht, gegen diesen Unfug zu remonstriren, indem es glaubte, dass derselbe eine Grundbedingung des neuen Systems