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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-05-28 · Heft 18 (28.5.1888) · page 1

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 18 (28.5.1888)
Date
1888-05-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Oesterreichisch -ungarische anioren Or Wränunrerationspreis Für V«r«i»salitglirder. Ganzjährig fl. s.— Halbjährig fl. 2.50 Bikrt-'ljöhriq fl. 1.23 Fiir Nicht» ilgNeder Ganzjährig fl. 6.— Halbjährig fl. 3.— Vierteljährig fl. 1,50 Fiir daS Ausland!! ganzjährig fl. 5.— dl 10 Mark oder 5 Rubel. für tlte KEscher Kantoren unä ^ultwbesmten. Erscheint jeden achten Gag. Begründer: Obercantor Jacob Bauer. Wedaction und Administration Wien. II., Novaragaffe Nr. 27- Inserate werden billigst berechnet. Manujcripte werden nicht retournirt. Nr. 18. ien, 28. Mai 1888. 8. Jahrgang. Gesänge fiir -en jMjchen Gottesdienst. Von Heinrich Hi r s ch l. Der geneigte Leser wolle nur ja nicht erschrecken, die Grundläge dieser Zeilen bildet nicht eine Anzeige, dass ״einem dringenden Bedürsniße entsprechend" ein Heft neuer Dmpelgesänge erschienen und den Herren Cantoren dringend empfohlen sei; ebensowenig fällt es mir bei, ein kritisches Referat über derartige, der Oeffentlichkeit bereits früher übergebene Werke schreiben zu wollen. Was mich zu dem vorliegenden Aufsätze bewog, ist hauptsächlich die betrübende Grscheinung, dass, wenn auch auf liturgisch-musikalischem Gebiete viel Löbliches geschaffen wurde und noch geschaffen wird, dennoch unleugbar gerade auf diesem Gebiete Umstände herrschen, welche mit einem Chaos verzweifelte Aehnlichkeit habe. Einerseits kann kaum behauptet werden, dass wir einen eigentlichen Synagogenstyl in Bezug auf Chorgesänge bereits besitzen, andrerseits muß eingestanden werden, dass der gewiss nicht immer richtige Geschmack von Vorstehern, einflußreichen Gemeindemitgliedern und, seien wir aufrichtig, das nicht über allen Zweifel erhabene Verständnis mancher Cantoren und soidisant Chordirigenten in der Wahl der aufzuführenden Piecen einen Spielraum arrogiren, der zu ihrer künstlerischen Competenz im umgekehrten Verhältniße steht; ferner ist es in den meisten Provinz- Gemeinden mit den Mitteln, die für den Tempelchor zu Gebote stehen, recht kläglich bestellt, was freilich die verehrlichen Gemeinden nicht abhält, die weitgehendsten Forderungen zu stellen, welche zurückzuweisen, dem Cantor oft an Muth gebricht. Dies alles aber sind Umstände, welche der Verwirrung auf dem Gebiete des jüdischen liturgischen Chorgesanges Thür und Thor geöffnet haben. Es ist bereits hohe Zeit, diesem Unwesen zu steuern, sonst kann es noch so weit kommen, dass man sich — nur mit mehr Recht — wie die Juden in der Wüste nach den Fleischtöpfen Aegyptens, nach dem früheren Meschorerimwesen zurück sehnt, welches wenigstens den Vorzug besaß, dass es dasjenige, was es vorstellen sollte, ganz und vollständig war, während das jetzige Chorwesen in sehr vielen Fällen den Gottesdienst zu einer jämmerlichen Farce erniedrigt. Mit den Mitteln, dem entgegen zu arbeiten, werden sich diese Zeilen befassen. Als Sulz er den ersten Theil seines »Schir Zion« herausgab, war dies eine That, welche mit Recht von Jedermann gepriesen wurde; mit diesem Werke war der Fingerzeig gegeben, wie vorgegangen werden solle, um den jüdischen Gottesdienst würdig und weihevoll zu gestalten, der *Schir Zion« sollte ein Wegweiser sein, um den Pfad zu finden, auf welchem fürder fortgeschritten werden sollte, hauptsächlich aber zeigte Sulzer darin, dass es über- Haupt möglich sei, einen geregelten jüdischen Gottesdienst zu schaffen. Aber auf Eines hatte Sulzer' vergessen: dass nicht jeder Cantor Sulzer, yund dass nicht jede Gemeinde Wien sei. Wenn es Sulzer wirklich darum zu thun war, seiner Reform eine Zukunft zu sichern, so hätte er vor Allem die Mittel zeigen müssen, durch welche seine Pläne zu realisiren möglich wird. Dies zu unterlassen, war um so bedauerlicher, weil gerade Sulzer, wie nicht bald ein Zweiter, durch Fähigkeiten und Verhältniße berufen war, seinem Werke auf die Beine zu helfen. Aber was sahen wir? Als der »Schir Zion« veröffentlicht war und man daran gieng, ihn der Praxis dienstbar zu machen, da zeigte es sich sofort, dass dieses Werk Manches enthielt, was füglich sehr leicht entbehrt werden konnte, oder besser gesagt, für den Tempel-Gottesdienst völlig unbrauchbar war. Dies war aber noch das kleinere Gebrechm. Weit einschneidender wirkte der Umstand, dass Vieles darin fehlte, was einem solchen Werke, wenn es nur einigermaßen seinen Zweck erfüllen soll, in keinem Falle mangeln darf. Ohne mich in Details einzulaffen, will ich nur darauf Hinweisen, dass gewiss Jedermann der Behauptung zustimmen wird, dass die ersten Nummern des »Schir Zion« weder den Charakter besitzen, welcher Compositionen für ein jüdisches Bethaus überhaupt zusteht, noch weniger aber den Mitteln entsprechen, welche damals zu deren Aufführung zu Gebote standen. Bei den spätern Nummern erscheint dieser Fehler wohl einigermaßen vermieden, aber unbeschadet der Schönheit manchen Stückes kann kaum bestritten werden, dass die meisten von ihnen Anforderungen an die Leistungsfähigkeit des Chores stellen, denen das Personale in den damaligen Gesangschören der Synagogen ganz und gar nicht gewachsen war, und nur der Mangel anderer Compositionen sowie die naive Anspruchslosigkeit des damaligen Publikums, hauptsächlich aber der Reiz der Neuheit, bürgerten diese Sachen damals in die meisten Chortempel ein.

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