Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 17 (20.5.1888)
- Date
- 1888-05-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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— S — rmd durch Gelehrte wie Joel Löwe, früher Hauslehrer Mendelsohns Nachmaliger Prozessor der Wilhelm-Schule zu Breslau, Verfasser des . ״Biur" zu den Psalmen, Jsaac Satnow ein bedeutender Grammatiker und Erläuterer des ״Moreh Nbuchim", und Herz Homberg, emsiger Schulmann und Schulrath in Oesterreich, eifrig durch lehrreiche Beiträge gefördert. Hierher gehört unstreitig der sehr emsige und gelehrte Benseb, der seiner eigenen Angabe nach ein Jahr nach dem Hinscheiden Mendelsohns, also im Jahre 1787, nach Berlin kam. Dort fand er die Gelegenheit, welche er sehr eifrig benützte, sein reiches hebräisches Wiffen schul- und fachgemäß zu regeln und zu bereichern. Er ist Verfasser gediegener hebräischer Werke und Schulbücher, die sattfaul gegenwärtig noch von Kennern der hebräischen Literatur gewürdigr werden. Durch dieselben wirkte er ungemein wohlthätig auf unser Zeitalter, namentlich durch seinen ״Msilath Halimud, Jesodc- Hadaath, Ben-Sirah, Talmud-Lschon Jbri, Ozar-Haschraschim" 2c., und mit Vergnügen bekenne ich mich als seinen dankbaren Schüler. Die Thätigkeit aller dieser Männer und einer Menge täglich aus dem Dunkel hervorgehender neuer Geister war von unberechen- Laren Folgen, so winzig sie in der großen allgemeinen Thätigkeit der kutschen Literatur erscheinen mochten. Die Synagoge erhob sich wie neugeboreu, belebt durch ganz andere Säfte als die der Talmud mit seiner Flut von Commentatoren bislang zur Erhaltung derselben geboten hatte. Ehe man sich noch über das innere Wesen des Judenthums verständigt hatte, war ein weit verbreitetes Einverständnis von selbst vorhanden. In dasselbe gingen zugleich die einzelnen, für Wissenschaft und Kunst herangereiften Männer, unter denen auch manche sich Ruhm und Anerkennung erwarben leicht ein. Zu den damals den Juden Ehre machenden Männern gehören, der in Paris an der Bibliothek angestMe Uebersetzer Pereira, der die erstm glücklichen Versuche machte, den Taubstummen die Sprache zu geben, ferner sein Nachsolger im Amte Salkind Horwitz. Gleichzeitig verfasste der Arzt Bloch in Berlin seine Jchtylogie. Eben daselbst lehrte der Arzt Marcus Herz öffentlich Experimentalphysik und die Philosophen Lazarus Bendawid w'e Salomon Maimon, die ihre specielle Wiffenschaff mit mannigfachen gediegenen Werken bereicherten. Letzterer, geboren 1753 zu Reschwitz in Littauen, war der Sohn eines armen Rabbinen, der ihn eifrig zum Talmud-Studium anhielt. Sein Wissensdrang vermochte ihn sein Vaterland zu verlassen, um in Deutschland der Wissenschaft zu fröhnen. Zu diesem Zwecke verfügte er sich nach Berlin. Dort kam und lebte er unter [kn dürftigsten Verhältnißen, ward aber von Mendelssohn, der sofort seine bedeutende Begabung erkannte, ungemein gefördert und unterstützt. Rastlos betrieb er seine Studien, namentlich Philosopie, lernte einige Zeit die Apothekerkunst lebte dann in Hamburg, Amsterdam und Breslau, und endlich wieder in Berlin. Zuletzt kam er auf das Kalkreutsche Gut Siegerstorf in der Nähe von Groß-Glogau in N'ederschlesien, als Hauslehrer und Gesellschafter des Grafen, wo er 1800 starb und im dortigen Park seine Ruhestätte fand. Seine von ihm selbst verfasste Lebensbeschreibung, ferner Maimonia von S. I. Wolfs, besonders aber seine philosophischen Schriften, in denen er die Lehren der kritischen Philosophie mit großem Scharfsinn entwickelt und bestimmt, bleiben für olle Zeit höchstschätzenswerthe, wissenschaftliche Zeugniße. Der Orig.-Corresp. v. R. Geb. (Fortsetzung folgt.) Der Baal-Tephilla. Von M. I. R a b b i n o w i t s ch. Aus dem Russischen von A. Levin-Sagan. (Autorisnte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) (5. Forschung.) Und auch für Aron müsste man ein Plätzchen suchen; ״denn im vorigen Jahre stand er fast auf der Straße." ״Ich kann bei den ״Stüppern" einen Platz bekommen", sagte ich; ״dort ist nur eine kleine, aber wenig frequentirte Synagoge, und darum ist dort ein Platz vorhanden. Und stehen, wie im vorigen. Jahre, mag ich nicht." Der Onkel sah mich zweifelnd an, war aber schnell bereit mich zu entlassen, da er sich nicht ungern einer überflüssigen Last entledigte, und nur um sein Gewissen zu beruhigen, ermahnte er mich, während des Gottesdienstes in jener Synagoge zu bleiben, und nicht, wie ich es wirklich oft that, nach allen Synagogen zu laufen, um da die Cäntoren zu hören. Es freute mich ungemein, die- Hinderniße mit solcher Leichtigkeit überwunden zu haben, und gleich Nachmittag eilte ich zu Reb Awnern. Ich fand die Synagoge geschlossen und musste gegen einehalbe Stunde aus der Straße warten. Endlich sah ich Reb Awnern kommen. Beinahe hätte ich ihn gar nicht erkannt, in solchem Maße hatte sein ganzes Aeußere sich verändert. Der grüne Lastingrock war durch einen atlaßnen ersetzt, der wohl an einigen Stellen defekt war, aber seinen Glanz noch nicht verloren hatte; anstatt der fettigen Mütze saß auf seinem Haupte ein etwas zerknüllter ״Spodek", überden Atlaßrock hatte er einen Lustrin-Burnus mit aschfarbenem Calicosutter geworfen. Da er diesen Burnus nicht den in Aermeln, sondern nur auf den Achseln, unter dem Kinn zugeknöpft trug, so bauschte- \ ihn der Wind wie ein Segel auf, so dass man von seiner Garderobe jedes Stück sehen konnte, sogar das rothe Schnupftuch, das erum das Bein gebunden hatte, weil es'streng verboten ist, ' es am Sabbath in der Tasche zu tragen. Reb Awner trat an die Synagogenthür, bückte sich, holte den. Schlüssel unter der Schwelle hervor, und wir traten in die Frauenschul ein. Hastig nahm er den Burnus von den Schultern, band das Taschentuch los, und nahm den ״Spodek" ab, unter dem sich ein Sammtkäppchen befand, mit Fett getränkt und mit Federn bedeckt bis zur Unkenntlichkeit. ,/Ich komme eben von dem ״Gabbai", der mich zum Sabbath. eingeladen", erzählte er mir, sich aus die Bank neben dem Fenster niederlassend. Er stützte die Ellbogen auf das Fensterbrett und blicktezerstreut auf die Straße. So verharrte er einige Minuten in tiefem- Schweigen und begann dann von Neuem: Auch ein Gabbai! Gott verzeih' mir die Sünde; Ich denke nicht daran, mich über ihn lustig zu machen — es ist sündhaft, die Armuth zu höhnen — aber wie lebt er! Nein — ein wahres Grab. Auch bei uns braucht man nichtdie Armen mit Licht zu suchen, aber da hat doch jeder seine Wohnung, und lebt wie ein Mensch. Gort, was istjdas für eine Wohnung, wo. man hinuntersteigen muß, wie in einen Keller! Und wenn der Gabbai so wohiit, so kann ich mir lebhaft denken,![wie es bei den. Anderen aussieht. Jetzt ist mir jede Hoffnung auf den ״Teller" entschwunden, denn was können solche arme Teufel geben, wenn sie selbst keinen Groschen bei Leibe haben!" — schloß er gedrückt, sich mit der dürren Hand über die blasse Stirn fahrend, wo sich einige Furchen befanden, die so fein waren, als wären sie mit Nadeln, eingeritzt. ״Dabei ist sowohl der Gabbai, als auch dessen Frau Herzensgut", fügte er nach einer Pause hinzu. Sie haben mich eingeladen,, bei ihnen zu speisen und sogar zu wohnen bis zu meiner Abreise. Aber schlafen werde ich dort trotzdem nicht, lieber will ich hier in. der Synagoge nächtigen, denn dort glaube ich ersticken zu müssen". Er pausirte wieder einige Minuten, wobei er leise etwas vor sich hinsummte. — ״Ach, deine — wie Du das Ding nennst — Cistudiva, Custidiva . . . will mir nicht aus dem Kopfe. Die ganze Nacht ging sie mir durch den Kopf und ließ mich nicht schlafen. Welch' ein erhabener, tiefer Gedanke! Wie dringt die Melodie ins Herz, wie durchzittert sie den ganzen Körper, ergreift sie die Seele!׳