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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-05-09 · Heft 16 (9.5.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 16 (9.5.1888)
Date
1888-05-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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— S — Kleine Chronik. Wre». Bei dem immer mehr und mehr zunehmenden In- Lifferentismus im Zudenthume, wo das Hinwegsetzen über ältehrwürdige Gebräuche und Satzungen in gewissen Kreisen zu dem sogenauuten «guten Ton" gehört und dadurch eine besondere Vornehmheit documentirt werden soll, erscheint es umso erfreulicher, wenn non den wahrhaft Großen und Vornehmen in Jftack der Beweis erbracht wird, dass conservalive Gesinnung in religiösen Dingen mit den Ansprüchen einer noch so hohen, socialen SLelung wohl zu vereinbaren ist. — Im Palais Rothschild in der Heugasse, das so oft in seinen prachtvollen Räumen die Elite der Wiener Gesellschaft vereinigt, versammelte sich Sonntag den 6. d. Mein intimer Kreis geladener Gäste zu einem rein religiösen Feste, indem der jüngstgeborene Söhn des Herrn Baron Alberto. Rothschild in den Bund der Väter ausgenommen wurde. Die Operation wurde von dem Mohel, Med. Doctor. Herzfeld, mit vieler Geschicklichkeit und Präcision aus geführt. Es sei hier anerkennend erwähnt, dass Herr Dr. Herzfeld, der als wissenschaftlich gebildeter Arzt leicht verleitet werden könnte, dem chirurgischen Eingriff einen moderneren Anstrich zu geben, stets die Technik und das Rituale des Beschneidigungactes in althergebrachter Sitte ausübt. Als Gemeindefunctionäre waren anwesend: Prediger Dr. Jellinek, Rabbiner Dr. Güdeutann und Obercantör Singer. Dr. Güdemann wurde mit dem ^Sitzen" beehrt und Dr. Jellinek sprach den deutschen Segensspruch. Auf die Beschneidung folgte ein Mahl, nach dessen Beendigung Obercantör Singer das Tischgebet vortrug, wobei der ״Baal Britb." die Responsen der einzelnen S genssprüche mit Lauter und sonorer Stimm» und tadelloser Neginah anstimmte. Me». Wir lesen in der ״Wiener Zeitung" vom 7. April, Nr. 18 folgende Kundmachung, die unser Jntereffe erregt, sie lautet: «Bon dem k. k. österreichischen Oberlandesgerichte in Wien wird bekannt gemacht,, dass der mit dem Erlasse vom 28. Februar 1888, Z. 2476, zum Gerichtsdolmetjch für die hebräische Sprache bestellte Dr. Moritz K a n i tz, Gymnasiallehrer in Wien, nach vorschriftsmäßiger Beeidigung sein Amt angetreten hat." Herr Dr. Kanitz ist ein vertrauenswürdiger Mann, ein biederer Charakter, ein gewissenhafter Interpret, und wir gratuliren ihm zu diesem Amte mit aufrichtigem Herzen. Wie«. Schon lange nicht wurde dem Ausgange eines Protestes mit solcher Spannung entgegengesehen, als der von der k. k. Staatsanwaltschaft gegen den Führer der Antisemiten, Herrn Georg Ritter v. Schönerer, und seinen Helfershelfer Eduard Gerstgrassrr erhobenen Anklage wegen des nächtlichen Ueberfalles in der Redaktion des «Neuen Wiener Tagblattes". Ritter v. Schönerer, wurde, wie er es verdient, zu einer 4 monatlichen schweren Kerkerstrase und Adelsverlust vernrtheilt. Die über-ihn verhängte Hast hat auch den Verlust seines Reichsraths-Mandates zur Folge, und indem sein Treiben als ein verbrecherisches gebrandmarkt wurde, hat das Gesetz den Stad gebrochen über die ganze durch ihn und seine Apostel vertretene Richtung, Nach zweitägiger Verhandlung verkündete der Vorsitzende des Gerichtshofes, Landesgerichtsrath Dr. v. Holzinger, Samstag um 11 Uhr Nachts folgendes Urihell: Georg Ritter v. Schönerer ist schuld ig des Verbrechens nach §. 83 St.-G., begangen an die in der Anklageschrift bezeichnete Art, ferner schuldig der Uebertretung gegen öffentliche Anstalten nach §. 312 St.-G. und wird deshalb nach §§. 35 und 84 St.-G. unter Anwendung der §§. 54 und 55 zur schweren Kerkerstrase in der Dauer von vier Monaten, verschärft durch zwei Fasttage im Monate und zum Ersetze der Kosten des Strafverfahrens verurtheilt und gemäß des §. 27 lit. a des Strafgesetzes gegen ihn L c r A d e l S v e r l u st ausgesprochen. Derselbe wird von der Uebertretung des §. 314 St.-G. f r e i g e s p r o ch e n. Eduard Ger st grosser ist schuldig des Verbrechens nach §. 83 St -G., begangen im Sinn2 der Anklage, und wird deshalb unter Anwendung der §§.- 54 und 84 veruriheilt zu einer Ker.kerstrafe in der Dauer von Lwei Monaten und zum Ersätze des Straspersahrens. Me»..In der letzten Samstag-Sitzung׳ des Abgeordnetenhauses nahm der Abgeordnete Bergani (Antisemit) bei der Debatte Mer die ,,Hochschulen" Veranlassung, mit den Phrasen seiner Clique gegen das Judenthum, namentlich aber gegen, die jüdischen Professoren und Aerzte loszuziehen. Unter anderem las. er eine angebliche Stelle aus dem ״Schulchan Aruch" vor,, nach welcher es jüdischen Aerzten gestattet sei, die Heilsamkeit oder Gesundheitsschädlichkeit eines Arzneimittels an Christen zu prüfen, wenn auch hiedurch das Leben des Patienten bedroht wird. Redner wurde zweimal vom Präsidenten ermahnt, die Juden in. Ruhe zu lasten und zur Sache zu sprechen; da er jedoch dieser Aufforderung nicht nachkam, sondern weiter losschimpfte, ent« zog ihm der Präsident das Wort. Nachdem das Haus Diesem Be-״ schlusse des Präsidenten zugestimmt, erhob sich Abgeordneter Dr. Bloch zu folgender Berichtigung: Es hat dem Herrn Abg.. Vergam grfallen, seiner Wuth nicht blos gegen die Juden, was ich angehen ließe, sondern auch gegen die jüdische Religion aus- .zulasftn. Als g e w e s e n e r R a b b i n e r kann ich dies, nicht ruhig anhören. Er hat eine Stelle aus dem ״Schülchan .Aruch" und einen Paragraph aus dem Talmud Vorgelegen. Sie haben gemeint, er lese Ihnen das.wirklich vor; er hat aber aus dem Buche eines Mannes vorgelesen, w e l ch e r i 11 Wien wegen Urkundenfälschung und Betruges zur Z u ch t h a u s ll r a f e v e r u r t h e i l t wurde. Abg. F i e g l: War das ein Jude? Abg. Dr. Bloch : Nein,, er war ein Katholik. Das also ist der Verfasser des Buches^ aus dem er vorgelesen hat. (Abg. V e r g a n i zeigt dem Redner ein Buch, Abg. Dr. Bloch nimmt das Buch in die Hand, um nach der Stelle zu suchen. Er bemerkt jedoch unter großer Heiterkeit des Hauses, daß ihm Abg. Vergani die Geschäftsordnung in die Hand gegeben hat.) Abg. Dr. Bloch wendet sich sodann gegen die Bemerkung des Abg. Vergam, dass achtzig jüdische Professoren und Docenten an der Universität seien. Diese Ziffer sei unrichtig; denn derselbe habe die getauften Juden mitdazu gerechnet. (Große Heiterkeit) Uebrigens würde er sofort seine Zustimmung geben, dass kein getaufter Jude angestellt werde.. (Heiterkeit.) Aus die Bemerkung des Abgeordneten Vergant über die jüdischen Aerzte erwidert Redner mit dem Hinweise, dass selbst im Mittelalter die Päpste jüdische Aerzte gehabt haben. (Rufe rechts: Thatsache!) Uebrigens möchte er da erzählen,, was in Jagerndorf sich ereignet hat. In Jägerndors ist ein schlesischer Arzt wegen Unzucht eingesperrt worden; es ist kein Jude, sondern ein Anti-Semit, und sein Name ist T-ü r k. Ich empfehle daher den Anti-Semiten diesen deutsch-- nationalen Arzt, welcher bei Gelegenheit von den preußischen Behörden wegen Unzucht, begangen an Patienten, abgefangen wurde. Krewster. Freirag, vor Beginn des Sabbath-Gottesdienstes. fand in der diesigen Synagoge eine Gedächtnisfeler für die verstorbene Kaiserin Maria Anna statt. Mit verstärktem Studentenchor trug Herr Cantor Goldstern das ״Sehiwisi“ vor, worauf Herr Rabb. Dr. Frankl die Gedenkrede hielt, in welcher er eine Parallele zog zwischen der Kaiserin und ihrer frommen Namensschwester der biblischen Hanna. Zum Schluffe hielt der Redner eine Ansprache an die Studenten, um ihren Patriotismus zum Kaiser zu erwecken, der bei jeder Gelegenheit sich persönlich mit lebhaftem Interesse nach dem Wohle der Gemeinde und dem Bestände des Tempels erkundigte. Mit dem Absingen der hebr. Volkshymne durch die Studenten und einem Gebete für das Kaiserhaus endete der feierliche Gottesdienst. — In der am 2. Mai unter Vorsitz des Landesrabbiners Dr. Platzek stattgehabten. Rabbiner-Versammlung wurde die Aösendung einer Petition an das Abgeordnetenhaus beschlossen um die unveränderte Annahme des im Herrenhause acceptirten Gesetzes in Betreff der Rechtsverhältniße der jüdischen Gemeinden. Die Gründung eines Vereines wurde einer später abzuhaltenden Conserenz überlassen. — Am 2. December wird hier der Grundstein zu einem neuen Tempel gelegt werden. Zum Präses des Baucomites wurde der Präsident der Hanna-Malzfabrik, Herr Jgn. Bermann, gewählt» welcher auch die Unterstützung dieses heiligen Werkes durch die: Herrn Gebrüder Ritter v. Guttman in Aussicht stellte.

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