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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-05-01 · Heft 15 (1.5.1888) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 15 (1.5.1888)
Date
1888-05-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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— 3 — muß nämlich diejenigen Noten, auf welche die einzelnen Tact schlage fallen, etwas hervorheben und somit vor Allem gerade diese Noten recht bestimmt denken; dadurch wird er lernen, bald eine größere Reihe von Tönen, ganze Tonfiguren, gleichsank mit einem einzigen Gedanken zu umfassen. Und wie anfänglich bei jedem einzelnen Ton der Scala der innere Tonsinn die Muskeln beherrschte, so wird auf jene. Weise bei den zusammengesetzteren großen Uebungen das rhythmische Gefühl zum geistigen Träger. Mag also eine Coloratur noch so schwer scheinen, der Schüler theile die Tonfiguren nach seinem rhythmischen Gefühl mit bestimmtem Bewusstsein ein, denke sich jede solche Figur auf einmal, und bald wird es ihm leicht sein, die so entstandenen einzelnen Figuren zu einem ganzen Tonfiuss zusammenzufassen. ׳ Ist nun aber der Schüler im Stande, solche zusammengesetzte Uebungen rasch auszuführen, so ist damit bereits auch die Fertigkeit im leichten, raschen Ausführen der verschiedenen Vorschläge (und Nachschläge), sie seien absteigend, gegeben. Man halte aber bei aller Coloratur ja daran fest, dass der Sänger, je schneller er. seine Tön? aneinander reihen will, desto mehr jene normale Muskelthätigkeit des staccato aufwärts auch des portamento abwärts einhalten muß; kein Mensch ist im Stande, eine aufsteigende Scala rasch mit portamento, oder eine absteigende rasch mit staccato zu singen: dort entstünde ein verschwommenes Heulen, hier ein schäkerndes Blöcken- Die Italiener freilich scheinen die Schönheit ihrer Gesangsmanieren fast absichtlich darein zu setzen, dass sie geradezu dem Naturgesetz entgegenhandeln (2. B. staccato abwärts besonders bei Mordenten - für ein gesundes Ohr sogleich widerwärtig), ünd mit Recht kann auch solche Art singen, nur Manier genannt werden, nie aber Gesetz; denn das Gesetz verbietet alle Manieren. — Schließlich müssen wir, ehe wir diese zusammengesetzten Colo-, ratüren verlassen, besonders׳ noch zwei nicht unwichtige Regeln erwähnen, wovon sich die eine auf das schnelle in einem Athem zu vollziehende Auftreten eines und desselben Tons, die sogenannten gehämmerten Töne mit Beibehaltung desselben Vokals, — die andere auf das schnelle Aufhören oder Abschneiden des Tons am Ende eines Laufes bezieht. Bei Beiden kommt es nämlich auf die richtige Athemthätigkeit au. Als das beim Singen allein brauchbare Athmen haben wirschon früher das Flankenathmen nachgewiesen. Wenn nun z. B. der Ton d oft schnell hintereinander in einem Athem angegeben, gleichsam angeschlagen (gehämmert) werden soll, so heißt dies so viel als: das eine Ausathmen soll in ganz kleinen, schnell aufeinander folgenden Abtheilungen geschehen. Beim Hochathmen ist dieses absichtliche allmälige Ausströmen der Luft gar nicht zu beherrschen, es ist nur beim Flankenathmen in unsere Gewalt gegeben. Und wenn nun das Flankenathmen überhaupt dann am sichersten eintritt, wenn man vor den zu singenden Ton nur ein sehr schwaches kaum hörbares ״h" setzt; so muß dies bei den gehämmerten Tönen mit Absicht geschehen, ganz naturgemäß; denn auch hier offenbart sich wieder die Richtigkeit des Satzes, dass, je schneller die Töne sich aneinander reihen sollen, desto mehr die normale natürliche Thätigkeit (hier die normale Athemthätigkeit) in bestimmter Anwendüng kommen muß. * Was sodann das schnelle Abschneiden des Tones am Ende eines Laufes betrifft, so ist die richtige naturgemäße Vollziehung diese: das Ausströmen des Athems wird schnell zurückgehalten, aber mit klarem Bewusstsein und vollkommener innerer Ruhe; denn geschieht es ohne bestimmte Absicht und mit Unruhe, so wird es sogleich am Tone offenbar durch einen unnatürlichen Stoß, wie dies bei Natursängern fast durchwegs der Fall ist, ' (Fortsetzung folgt.) I Wahrheit und Dichtung. (Bilder aus dem Leben der Erzväter, historisch, allegorisch, mythisch und exegetisch.) VII. Irr der IrüHe des Margens Abraham stand des Morgens in der Frühe auf und traf die Vorbereitungen zur Reise. Gottes heiligen Willen zu vollführe», schickte sich der Patriarch frühe an und säumte nicht und zögerte nicht. Es war klar vor sein Bewusstsein getreten, was Gott von ihm verlange. Abraham fühlt, Abraham weiß, was er verlieren sollwas er hinbringen soll auf den Altar des Herrn; es ist sein Kind, sein einzig Kind, das er bald nicht mehr sein nennen sollte. Uni» jede Sttmde, jeder Tag, den er noch länger in seines Kindes Nähe hätte verweilen können, wäre eine Wonne für das Vaterherz gewesen, aber Araham säumte nicht, frühe machte er sich auf, als der Morgen anbrach. Das ist die wahre Gottesfurcht, die aufrichtige Liebe, welche nicht zögert und nicht zaudert, zu vollführen das göttliche Gebot, welche nicht grübelt und nicht klügelt über den Ausspruch des Herrn, welche nicht murret und nicht klaget über das Verlangen des himmlischen Vaters. Gottes Gebot zu vollführen, das ist des Menschen Tagewerk, seine Arbeit auf Erden. ״Der Tag ist kurz, die Arbeit viel, die Arbeiter zögern so lange." Abraham erkannte die Kürze des Tages, die Größe der Arbett, darum säumt und zögert er nicht zu vollführen Gottes Gebot, sondern »wajaschkem Awrohom baboker« ״Abraham stand auf in der Frühe des Morgens". (1. M. 23, 3.) Daher stellt auch die Halacha den allgeneinen Grundsatz auf: ״Man zögere nicht, sondern beeile sich, religiöse Pflichten zu erfüllen". (Pesuch. 4 u. a. O.) Kein Sterblicher weiß, wann für ihn die Sonne des Lebens sich neiget und der Tag zu Ende geht; darum blicke der Mensch auf Abraham hin und schicke in der Frühe sich an, zu oollführen Gottes Gebot, zu sorgen für Heil und Seligkeit. Wir haben so Vieles und Schweres zu schaffen auf Erden, und wer kann sprechen : ״Mein Tagewerk ist vollbracht״! Wir haben Sorge zu tragen für die Bildung unseres Geistes, für die Veredlung unseres Herzens, und wer hat je noch sprechen können: ״Ich habe den Weg der Weisheit ergründet und mein Herz ist rein"! Gottes Lehre zu forschen, sein Wort zu verstehen, zu fassen und zu beherzigen, ist unsere Lebensaufgabe. Wer aber kann sich rühmen und sagen: ״An der Lehre Gottes hatte ich meine ständige Freude und sann darüber Tag und Nacht"! Unsere Mitmenschen zu lieben, die Hungernden zu speisen, die Nackten zu kleiden, die Trauernden zu trösten, das soll des Menschen schönstes Tagewerk auf Erden sein. Und wer kann vor Gott treten und sprechen: Ich habe alle Thränen getrocknet, ich habe Niemanden ungettöstet von mir gehen lassen, ich habe meine Hand nicht abgezogen von dem Dürftigen und Elenden, ich rettete den Armen, der um Beistand rief, und die Waise, die keinen Helfer hatte, das Herz der Witwen machte ich fröhlich, und für die Der» lassenen sorgte ich. Wir wollen Freiheit schaffen den Unterdrückten, die Unschuld beschützen, kämpfen für Recht und Gerechttgkeit und das Panier der Wahrheit aufrichten auf Gottes Erde. Und wer kann sprechen: Das große Werk ist vollbracht! Alle unwürdigen Fesseln sind gelöst, alle entehrenden Schranken sind gefallen, das Recht allein nur herrscht, die Wahrheit siegt! Also begreifen wir wohl, wie viel der Arbeit auf Erden sei für den kurzen Lebenstag und wie nöthiz wir haben, die Stunden zu nützen und fruchtbringend zu machen für die Zwecke des Herrn, und wie wir nicht zaudern und nicht säumen dürfen.

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