Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 14 (23.4.1888)
- Date
- 1888-04-23
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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gung des gleich schwachen Athems noch einige höhere Brusttöne, und hat die Muskelkraft schon bedeutend zugenommen, so läßt sich auch eine mittelstarke und starke Scala mit noch höheren Brusttönen herstellen, ohne dass die Anstrengung der Muskeln eine zu große schädliche wäre. Natürlich muß jedoch die Uebung selbst eine nur allmälig weitergehende sein und muß nach jeder Anstrengung wieder eine gehörige Pause, als Ruhe sür die Muskeln, eintreten. Hat endlich der Schüler die Muskelthätigkeit durch Herstellung einer gleichen schwachen Scala in Gang gebracht, und sie im Weiteren Lurch Herstellung einer mittelstarken und starken Scala gekräftigt, so mag er zur höchsten Krastentwickelung der Muskeln übergehen, welche im crescendo und decrescendo einzelner Töne, wie der ganzen Scala nothwendig ist, indem dabei, wie wir bereits wissen, die Muskelkraft Lei zunehmender Athemkrast etwas abnehmen und Lei abnehmender Athemkrast wieder zunehmen muß, also ganz in der Gewalt des Sängers sich befinden muß. Noch eine andere Frage aber .ist hier, wo es sich vom Umsang einer Stimme handelt, zu beantworten; wir meinen die Frage: wie weit sich das Falset nach Oben ausdehnen lasse? Die Antwort ist schr einfach, wenn wir nur daran festhalten, dass, weil bei den Fal< settönen nur die innersten Ränder der Stimmbänder in Schwingung sind, dazu ein viel geringerer Grad von Muskelkraft nothwendig ist. Za auch die höchsten Falsettöne ergeben sich ganz Mcht, und nur ein ganz schwacher Athem ist zu ihnen erforderlich; die Spannung der Stimmbänder schreitet allerdings dabei fort, aber nur ihre innersten Ränder schwingen; dazu aber ist eine viel geringere Muskelkraft nöthig. Schwingen die Stimmbänder in ihrer ganzen Breite, so ist die Aufgäbe der sie in Spannung erhaltenden Muskeln viel größer. Ja bei den Falsettonen, wo nur die innersten Ränder der Stimmbänder schwingen, kann eigentlich von Anstrengung der Muskeln gar nicht die Rede sein, und Mer Sänger kann sich an sich selbst überzeugen, dass sich der Ton-Ansatz bei den Falsettonen ohne allen Kraftaufwand auch beim schwächsten Athem ergibt. Auch die höchsten Falsettöne sind durchaus kein Produkt eigentlicher Muskelkraft, sondern sie sind, da Len Muskeln durch die nur in ihren Rändern schwingenden zarten Sümmbänder fast gar kein Widerstand geleistet wird, nur eine Folge der auch ohne Anstrengung, ohne Widerstand möglichen Zusammenzichung der Muskeln. Der höchste Falsetton ist demgemäß da, wo «ne weitere Zusammenziehung der Muskeln in sich überhaupt nicht mehr möglich ist. Auch hier weist somit die Natur ganz von selbst die Grenze an, und alles Nachhclfenwollen, sei es mit dem Athem, oder mtt irgend einem Drücken und Quetschen, ist hier ebenso sruchtlos, wie wenn man die Absicht hätte, unter dem von Natur gegebenen tiefsten Brustton noch ttefere Töne hervorzurufen. Ja alles Quetschen (Gaumton) ist so sehr verderblich, dass sich dabei niemals der wahre ganze Umfang einer Stimme zeigen kann; der Druck wird bei den höheren Tönen immer starker und lässt die vermöge der innere» richtigen Muskelkraft noch natürlich leicht vorhandenen Töne gar nicht zum Vorschein kommen. Ist daher bei einer Sümme erst nur der Gaumenton und das Hochathmm entfernt, so ist zugleich die Sümme viel umfangreicher und viel leichter; jede Sümme gewinnt durch die Entfernung dieser mg zusammenhängenden Fehler nicht blos intensiv <m Kraft Weichheit und Klang, sondern auch extensiv an Umfang, Leichtigkeit und Sicherheit; jeder Gaumenton-Sänger erdrückt sich seine Stimme selbst. Diese natürlichen Grenzen einer Stimme ergeben sich ganz deutlich bei Beibehaltung eines gleich schwachen Athems, indem hier die dm Muskeln für ihre Ausdehnung und Zusammenziehung von Natur selbst gesetzten Grenzen am deutlichsten zu Tage kommen. (Fortsetzung folgt.) Gr-enket -er Nage -er Vorzeit — rrwL- (V. B. M. 32.7.) VH. Um nicht meine jüngste Epistel ins Unendliche auszudehner^ war ich gemüffigt abzubrechen. Ich nehme nun den trüben Geschichtsfaden wieder auf, um fortfahrend nach Jost darzuthun, wie derartige ttaurige Zustände und Erlebniße der Judenheit einen gewissen Ehrrakter und gemeinsame Eigenthümlichkeiten verliehen, die sie, je weitst europäische Bildung vorrückte, um so weiter von dieser entfernte. Dieser Charakter wurde natürlich durch ihre Schulen, wo nichts als Talmud und in unmethodischer Weise Chumesch gelehrt wurde, ausgebildet und erhalten. Werke spanischer und italienischer Gramatiker^ Dichter und Philosophen wurden nur von denkenden Männern studirt und waren eben nicht stark genug, um durchzudringen und eine höhere Bildung zu verbreiten. Fremde, nicht hebräische Bücher waren fast ganz verbannt und verpönt. Zu einem besonder» Aufschwünge des Geistes, bedurfte es demnach ganz besonderer Anlässe, die erst gegen das Ende dieser Periode eintraten. Originalwerke der Gelehrsamkeit sind bei solchen trüben Zuständen rein unmöglich. — Während man den gewöhnlichen Juden nur als Trödler, Marktbezieher, Hausirer, herumschweifenden Bettler, Spieler, Gaukler, Reim-. schmied, Possenreisser und Biersiedler herumziehen sah, «blickte man die Ernsteren als arme Schächter, Vorbeter, Kalligraphen (SophrinH. Jugendlehrer und Rabbinen nach Brod suchen. Die Bemitteltern luden den Hass ihrer Schuldner und mitunter auch den Neid ihrer eigenen Genossen auf sich. Die Natur empörte sich gegen den ver- ״derblichen geistigen Stillstand, und es musste die Bewegung^ noch ss ' schwatz angeregt, zum Durchbruch kommen und neues Leben, eintreten. Wirft man einen Rückblick auf die Verirrungen des menfchlichen Geistes bezüglich Israels Erlebniße, die wir nur flüchtig gezeichnet, bettachtet man am Schlüsse dieser Periode die geistigen Schöpfungen desselben, die wir ebenfalls nur im Stteistichtc darstellten, so muß man entschieden von der Bewährung des Propheten- Wortes Jesaias 59. 20. 21: ״Und ich, spricht der Herr! wenn mein Bündnis mit ihnen, mein Geist, welcher auf ihnen ruht, wie meine Lehren, die ich in ihren Mund gelegt, nie und nimmer weichen werden von ihnen, so wird für Zion, für die Bußfertigen Jacobs der Erlöser gekommen sein, ist der Spruch des Herrn" — überzeugt sein. Bei allen Widerwärtigkeiten vergaßen die Juden nicht die Durchforschung ihrer Religionsquellen. Sie ward ihnen gewisser- Massen erleichtert durch Druck und Hass, welche ihnen den Besuch christlicher Schulen wehrten. Die Erfindung der Buchdruckerei ermöglichte selbst den ärmeren Israeliten die Anschaffung guter Bücher, zumal die Druckereien Italiens, wie Amsterdams und später auch Deutschlands mit Fleiß und gutem Erfolge arbeiteten. Die größeren Gemeinden setzten ihren Ruhm darin, bedeutende Talmudschulen, Lehrhäuser mit bedeutenden Bibliotheken zu besitzen, und unterstützten mit unendlicher Aufopferung die Jünger. Man kann im Allgemeinen sehr wohl die deutsche Schule von der spanisch-portugiesischen unterscheiden. Jene ist stetig der Durchdringung des Tatmuds ergeben, diese macht sich zur besondern Aufgabe, mit dem Talmudstudium philosophische Bildung zn verbinden. Dies verschaffte Letzterer ein unverkennbares Uebergewicht. Als ausgezeichnete Gelehrte klassificiren wir erstens Gelehrte aus der polnisch-deutschen, zweitens aus der spanisch-italienischen get -ie Äenderimg -er Zeitalter.