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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-04-23 · Heft 14 (23.4.1888) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 14 (23.4.1888)
Date
1888-04-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Schule, — ausder^vorzüglicheGrammatiker mnd Dichter entstanden, und drittens Gelehrte aus der ' spanisch-portugiesischen Schule in Nord-Europa. Als Repräsentant der polnisch deutschen Schule dürfte Jakob Falk in Prag gelten. Er stiftete daselbst eine große Talmudschule und war der eigentliche Gründer des Pilpul. Letzterer besteht darin, jeder Behauptung die möglichsten Einwendungen entgegenzustellen, und so lange mit dem Lehrer zu disputiren, bis. alle Einwürfe erledigt sind. Dies Verfahren fand durch die Uebung des Scharfsinns viele Verehrerund war namentlich in Polen und den angrenzenden Ländern sehr üblich. Einige Repräsentanten dieser Schule, wie Salomo Luria, Moses Jsferles in Krakau gest. 1573. Beide * gehören zu den vorurtheilsfreiesten Rabbinen, wie das ihre Rechtsgutachten bezeugen. Zu den Beförderern dieser Schule gehören ferner zwei in Italien berühmte Lehrer, nämlich Juda aus Mainz in Padua und dessen Nachfolger Meier ben Jsak, und viele Andere, von denen wir Lipmann Jom Tob Heller, berühmt durch feine - commentarischeu Zusätze zur Mischno, besonders erwähnen. 1683 lehrte auch Meier Lublin und der sehr gefeierte Samuel Edels. Die Gelehrten der spanisch-portugiesischen und italienischen Schule verbanden mit den Talmudstudium Grammatik, Mathematik und Philosophie überhaupt. Aus der erstaunlichen Zahl wissenschastlicher Männer nennen wir nur die bemerkenswerthesten. Die ' Werke des Arztes Eliah del Medigo, wie die Commentare des Abraham Faissoll, ferner des Arztes und Professors der Philosophie Abraham ben Balmes in Padua, an der Universität angestellt, sind sehr wertvoll und geschätzt. Der Grammatiker Eliah Leoita wurde von Bischöfen und Cardinälen behufs Belehrung im Hebräischen sehr gesucht; nicht minder aber ist sein Zeitgenosse und Reuchliens Lehrer, Obadjah ben Jacob Sforno, Arzt in Bologna und fleißiger Schriftsteller, in hebräisch und lateinischer Sprache. Gleichzeitig blühte Juda Abarbanel, Sohn des Don Jsac, üls Arzt und Philosoph, Jacob Mantino, Leibarzt des Papstes HL, die Aerzte Vitale und Alatin, Ersterer Verfasser italienischer, Letzterer hebräischer und lateinischer Werke. Ueberhaupt sind schriftstellernde, gelehrte Aerzte aus dieser Periode sehr zahlreich. Wir nennen noch den überaus ge- - lehrten Abraham Arje Porta Leone, Arzt und Philosoph, Verfasser des Schilte Hagibborim, fernerden Kritiker Asarja di Rossi, der. sich mit seinem Werke ״Meor Enaim" ein schönes Denkmal gesetzt. Besonders verdient machten sich in jener Zeit die Italiener um die Herausgabe der heiligen Schrift und deren Exegese. Aus der wahrhaft erstaunlichen Zahl jüdisch-italienischer Gelehrten, die um so merkwürdiger ist, als die damaligen politischen Zustände durchaus für die Wissenschaft überhaupt, insbesondere für jüdische nicht förderlich war, erwähnen wir noch aus dieser Schule Simon Luzatto, Verfasser der Schrift ״Ueber die Zustände der Juden der ganzen Welt", ferner des aus dem Christenthume zurückgetretenen Arzt und Philosoph Jsac Cardoso, wie des mystischen Dichters Mose Chajim Luzatto, und gehen zur spanisch-portugiesischen Schule im Norden über. Auch in den neugebildeten nordischen Gemeinden, wie Amsterdam, Hamburg und London, finden wir eine starke Thatigkeit für Wissenschaft, die übrigens in den deutschpolnischen Gemeinden ihre herkömmliche Weise nicht aufgaben ׳ und darum nichts Erhebliches leisteten. Wir liefern ebenfalls nur eine Auswahl. Josef Salmo del Medigo, Urenkel des bereits erwähnten Eliah, Professor in Padua, zierte neben Menasse ben Israel die neue Gemeinde in Amsterdam. Er machte , sich durch seine Streitschrift Elim vorzüglich bekannt und starb 1657 zu Prag. Im selben Jahre starb auch sein gelehrter Freund Menasse ben Israel, ausgezeichnet durch umfassende Kenntniße, wie durch seine Unterhandlungen mit Crommwell Hezüglich der Zulassung resp. Wiederaufnahme der Juden in England. Gleichzeitig mit Beiden kam nach Amsterdam Abraham Sacuth, geboren zu Lissabon, später dort Arzt, das er im 51. Lebensjahre verließ, um in Amsterdam als Jude aufzutreten, wo er sich durch seine medicinischen Schriften auszeichnete. In Hamburg zeichneten sich in dieser Periode aus: Abraham de Forteka, und vorzüglich der gelehrte Arzt Benjamin Mussafia durch seine sprachlichen Arbeiten. Auch die Londoner Gemeinde zählt höchst nennenswerthe Gelehrte, wie Josua de Silva, David und Josef Pardo, besonders Jacob Abendana aus Amsterdam, Verfasser spanischen Uebersetzung des Kosri und der Mischnah, die später sei» Bruder Jsac Abendana ins Lateinische übertrug und endlich der überaus gelehrte Arzt David Nieta, Verfasser vieler Schriften in italienischer, spanischer, portugiesischer und hebräischer Sprache. Die spanische Gemeinde im Norden hatte sich meist aus Rückkehrenden aus dem Katholicismus herausgebildet, wie dies besonders die von Daniel Leai, Barrios-Ossizier im portugiesischen Heere, gelehrten Arbeiten und Gedichte und zum Ruhme der Amsterdamer Juden herausgegebenen Literaturgeschichte seiner Zeit bezeugt. Es konnte daher nicht fehlen, dass bald nach der Einführung des streng rabbinischen Wandels in dieser Gemeinde sich auch einzelne Geister, ungeachtet des den Rabbinen Anstehenden Strafrechtes gegen Cermonien-Uebertreter, freier entwickelten und gegen den starren RaMnismus kämpften. Zu denen gehört der frühere portugiesische Rechtsgelehrte Uriel Akosta, unter dem Namen Gabriel Akosta. sehr eifriger Christ, trat er dann in Amsterdam zum Judenthum zurück und zog sich durch Aeußerung seiner gegenrabbinischen Ansichten den Bann zu. Dies Faktum wurde in unserer Zeit durch das berühmte Drama Uriel Akosta von Carl Guzkow verherrlicht. Sein Geist verdient die ihm gewordene Anerkennung. Jndeß so tadelhast auch die zelotische Strenge der Rabbiner erscheinen dürste, so mussten dennoch Letztere mit rücksichtsloser Strenge Vorgehen, um den Zwiespalt und Zerfall der Gemeinde vorzubeugen und zu hindern. Als Stern erster Größe glänzt natürlich Baruch Spinoza, geb. 1632, gest. 1677, als Schöpfer und Begründer der neuen Philosophie. Obgleich verfolgt und verbannt, lebte er zuletzt in Haag, sich von Brilleuschleifeu nährend, wies alle vortheilhaften Anerbietungen chriftlicherseits zurück -und starb als Mitglied der jüdischen Gemeinde. Als Philosoph gehört er der ganzen Welt an und er wird auch als solcher in philosophischen Schulen gefeiert. Dies ganze Zeitalter kann für die Juden der eupropäische» Diaspora als das klassische genannt werden. Ihr Sinn war im Allgemeinen rein von trübenden Vornrtheilen, der Geschmack ziemlich geläutert, der wissenschaftliche Geist ungemein rege und das sittliche Leben unbescholten.Wenn wir nach einer schwindelhaften Meffias-Erscheinung 1666 von Smyrna ausgehend, Schabbatai Zewk, erwähnen, die in Polen, Italien, Hamburg und Amsterdamm erstauliche Theilnahme gefunden und den Kampf der vernünftigen Rabbinen resp. des feierlicheu Bannes in der Synagoge zu Lemberg gegen diesen Messias- Unfug, wie der Frankisten — Josef Frank einem Abenteurer cms Polen an der Spitze — der Beschter, die lieben Chafidim mit ihrem Israel Balschem, so glauben wir unserer Aufgabe einstweilen genügt zu haben und empfehlen uns bis aus Weiteres den geneigten Lesern der Orig.-Corresp. v. R. G- (Fortsetzung folgt.)

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