Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (7.4.1888)
- Date
- 1888-04-07
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453130-3453142--2463-3456714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
׳Ausgeschlossen aus England, Frankreich, Spanien und Portugal, nicht sonderlich angelockt von den nordischen Reichen und dem milden Moskoviter,. blieben in der Christenheit nur noch jüdische Gemeinden in Deutschland, Italien und Polen mit einigen Grenzgebieten. Diese waren, mitunter sehr zahlreich, besonders je weiter nach Osten, bis längs der türkischen Grenze hin, die durch Pachtungen und Zwischenhandel sehr bedeutend waren. Ihr geschichtliches Leben aber ist fast nur'ein Schtümmer, bis׳ gegen das Ende dieser Periode, da sie von den Folgen der gewaltigen Stürme, welche so lange Europa erschüttert hatten, und aus welchen endlich ein siegender Geist hervorging, der in Kurzem alle Gestalten umformte — endlich ebenfalls berührt. Sie erwachten, nahmen die Veränderungen um sich währ und schmiegten sich an dieselben an. Theils versuchten sie es von selbst — theils über wurden sie unwillkührlich fortgerissen. Die äußere Welt machte doch manchen Eindruck auf ihre Verhältniße und unbewusst fiel so manches Fruchtkorn in-den Schoß der Synagoge, um seiner Zeitdurch die heitere Sonne Europas gedeihlich emporzukommcn. Die allgemeine Stellung der Juden blieb fast bis zum Schlüsse dieser Periode dieselbe wie früher. Im Reiche ward die ׳Gesetzgebung nicht geändert, die Juden standen unter Reichsschutz und zersplittert unter dem'der Churfürsten. Allmählig immer mehr vereinzelt unter Städten und kleineren Herren wurden sie öfters jedoch sehr willkührlich behandelt. Aehnlich war es in Italien, wo der Papst zwar sie schützte, doch wechselten oft die individuellen Ansichten der Päpste. Am stätigsten waren noch ihre Verhältniße in Polen und Ungarn, wo sie bei ihren alten Privilegien und Beschränkungen wenigstens von Seiten der Religion unbelästigt lebten. .Neue Länder aber'-öffneten -sich ihnen, und ältere Feinde ließen von der Verfolgungssu cht ׳ ab, so dass sie in einige Gebiete wieder zurückkehrten. So die Niederlande, Frankreich, England und die Colonien dieser Staaten. Dies wirkte dann auf ihren Zustand in anderen Ländern zurück und führte theils aus menschlichere Be- Handlung, theils und vorzüglich auf eine genauere Erörterung ihrer 'Verhältniße. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien- 5. April. Der Procurist des Bankhauses S. M. v. Rothschild, tHerr Moriz Ritter v. Goldschmidt/ist heute Morgens, 4 Uhr im Alter von 8d Jahren in 'fetmr^Wohnung, Opernriug 6, gestorben. Der Verblichene war eine der einflußreichsten Periönlichkeiten der hiesigen haute flnance. Sein inniges freundschaftliches Verhältnis zu dem verstorbenen Chef der Firma Rothschild, dem Barou Amselm ».Rothschild, brachte es mit sich, dass er auch von dem gegenwärtigen Chef des Welthauses, dem Baron Albert v. Rothschild stets zu Rathe gezogen wurde, wenn es sich um wichtige Entschließungen handelte. Er war bis zu seiner letzten Lebensstunde der erste Beamte des Hauses, vermied es jedoch sorgfältig, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen. Im Verwaltungsrathe der der Firma Rothschild nahestehenden Actien-Gesellschaften wurde seinem Votum stets besondere Bedeutung beigelegt, da man wusste, dass er sich darauf beschränke, die Intentionen der Firma zu wahren. In den letzten Jahren übertrug er zwar einen Theil seiner Agenden seinem Sohne Herrn Julius Ritter v. Goldschmidt, doch blieb er stets im Geschäfte thätig. Noch vor zwei Tagen wohnte er einer Besprechung bei der österreichischen Creditanstalt bei, und die diesjährige General-Versammlung dieses Institutes hat ihn wieder in den Verwaltungrath gewählt. Ritter v. Goldschmidt, der im Jahre 1803 zu Frankfurt a. M. geboren war, trat als 15jähriger Knabe in das dortige Haus Rothschild ein. Als im Jahre 182 l das Wiener Haus Rothschild gegründet wurde, wurde er hieher berufen und seither lebte er auch unausgesetzt in der österreichischen Residenz. An alF den großen und riesigen Unternehmnugen des Bankhauses seit dessen Gründung war er hervorragend thätig. Ein wahrhafter Menschenfreund, wirkte er je» derzeit auf humanitärem Gebiete nach jeder Seite bin. Einen glänzenden Beweis für die allgemeine Hochachtung und Verehrung, der sich Moriz Ritter von Goldschmidt erfreute, lieferte die. Feier der goldenen Hochzeit, die er am 10. Juni 1882 beging. Außer allen Familien- Mitgliedern waren zu diesem erhebenden Feste zahlreiche Vertreter der besten Gesellschaftskreise der Residenz, Vertreter der Kunst und Wissenschaft erschienen. Fast gleichzeitig mit den ersten Festgästen langte damals in der Goldschmidt'schen Villa zu Oberdöbling, ein Schreiben des Staatsrathes Baron Braun ein, welches dem Jubelpaare den Glückwunsch des Kaisers vermeldete Bürgermeister Eduard Uhl überbrachte am selben Tage dem Jubelgreise die große, goldene Salvator- Medaille. Mit seinem Hochzeitstage feierte er auch seinen Geburtstag. Moriz Ritter v. Goldschmidt war feit dem Jahre 1832. mit Frau Nanette v. Goldschmidt, geb. Landauer, vermalt. Er hinterlässt fünf Söhne. Der Verstorbene war.Verwaltungsrath der Rordbahn, der österreichischen Creditanstalt für Handel und Gewerbe und der Südbahngesellschaft. Er war Comthur des. Franz Joseph Ordens mit dem Sterne, Ritter des Eisernen Kronen-Ordens HL Clasfe, des preußischen Kronen-Ordens H. Clasfe, des preußischen Rotheu Adler- Ordens, der französischen Ehrenlegion, des curhessischen Löwen-Ordens, Officier des Mauritius- und Lazarus-Ordens, der russischen Verdienstmedaille mit dem Annenbande, des ottomanischen Medschije-Or» dens dritter Classe. Drei Generationen des Welthaufes hat Morr; Ritter v. Goldschmidt treu gedient. In zwei Tagen wären es volle siebenzig Jahre geworden, dass Moriz Ritter von Goldschmidt bei der Firma angestellt war. Von dem Gründer des großen Welthaufes Baron Salomon Rothschild wurde Goldschmidt in. den zwanziger Iahreu engagirt. Der Erbe der Firma Anselm v. Rothschild brachte dem Procuristen dasselbe große Vertrauen entgegen, wie sein Vater, und dem Enkel des Gründers, dem. heutigen Chef der Firma Baron Albert machte sich Goldschmidt ebenfalls unentbehrlich. Das hohe Alter hinderte den pflichtgetreuen Procuristen erst in den letzten Monaten, die Bureaux in der Renngaffe zu betreten. Letzten Sonntag machten sich die ersten deutlichen Symptome geltend, dass es mit dem Leben des Greises zu Ende gehe, und die Familien-Mitglieder gaben sich diesbezüglich keiner Täuschung hin. Von den fünf Söhnen des Verblichenen ist der älteste Julius von Goldschmied der Nachfolger des Vaters, nämlich Procurist des Welihauses, der zweite ist Banquier in Paris, der dritte, Theodor, ist der bekannte Gemeinderath, der vierte, Herman, bekleidet die Stelle eines Börse-Sensals und der fünfte, Adalbert, ist ein bekannter Tondichter (Componift der ״sieben Todsünden")- Mudapeü. Vor zwei. Jahren erregte in der Hauptstadt der gewesene Neupester Rabbiner Josef S t e r e n i durch seine agitatorische Thätigkeit im Interesse einer Reform des Judenthums ein gewisses Aufsehen. Er hielt öffentliche Vorlesungen und gründete auch eine Genossenschaft der ״Reformjuden". Vor einigen Tagen verließ Stereni seine Wohnung, um einen Spaziergang zu machen, und begann auf offener Straße zu predigen. Schließlich fand sich ein Constabler veranlasst, ihn anzuhalten und zur Polizei zu escor- Liren, von wo er auf ärztliche Anordnung hehufs Beobachtung seines Geistes rustandes auf die psychiatrische Abtheilung des Rochusspitales überführt wurde. Der Baal-Tephilla. Von M. I. Rabbinowitfch. Aus dem Russischen von A. Levin-Sagan. (Autorisirte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) I. .Schon in meiner frühesten Kindheit war der Hang für Musik in mir stark entwickelt. Ja, und nicht nur ich allein, sondern fast alle Glieder unserer Familie waren enragirte Musikliebhaber. Mein Vater sang, sobald er sich zur Arbeit setzte; denn