Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 12 (7.4.1888)
- Date
- 1888-04-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 4= — «lieber hinaufsteigen lassen, und ihn auf der Stelle, welche zu jedem Tone nothwendig ist, bestimmt sesthalten;also wenn wir auch bei der absteigenden Scala im Grunde nichts Anderes zu thun haben, als jener ursprünglichen Neigung der Muskeln nachzugeben, so muß doch dieses Nachgeben so geschehen, dass auch der kleinste Nuck in unserer Gewalt, in unserem Willen liegt; auch diese Rückkehr zum ruhenden oder ruhenderen Zustand, zu der größeren Ausdehnung, müssen wir beherrschen. Gehen wir nun von einem höheren Ton herab zu einem tieferen, so dürfen wir allerdings nur die beim höheren Ton stattge- Habte Anstrengung der Muskeln etwas Nachlassen. Weil jedoch von Natur die Neigung der Rückkehr zum ruhenden Zustand immer vor- Händen ist, so ist darauf zu achten, dass die Anstrengung der Muskeln nicht auf einmal zu sehr Nachlasse, wodurch ein tieferer Ton entstünde, als der verlangte, sondern nur so viel, als für den verlangten Ton entbehrt werden kann; gehen wir z. B. von d zurück zum c, so ist die Neigung vorhanden, noch tiefer als c zu werden, wie wir dies bei den Natursangern gewöhnlich sehen, welche beim Absteigen der Scala jeden tieferen Ton, besonders die Quinte und die Terze. zu tief anfangen und dann erst wieder etwas hinaufziehen müssen, statt dass sie sogleich und ohne Umwege den tieferen ganz in sich bestimmten Ton auf den höheren folgen ließen; dieser Neigung, den Ton erst von unten wieder zu ergreifen und zu seiner richtigen Höhe hinaufzuziehen, —wodurch eine holpernde, unebene Scala entsteht — muß der Schüler von Anfang an mit aller Entschiedenheit entgegenarbeiten und zu diesen Behuf von einem höhern Ton zum Liefern erst nur ganz langsam herabgehen, so dass er alle zwischen beiden Tönen in der Mitte denkbaren Stufen oder Punkte ruhig durchläuft und nun auf dem Punkte halt, welcher dem verlangten tieferen Tone entspricht, (ohne erst noch tiefer geworden zu sein und dann wieder den Ton hinaufziehen zu müffen); oder mit andern Worten: der Schildknopel darf nur langsam nach oben seine Richtung wieder nehmen und muß bei diesem Wege immer auf demjenigen Einschnitte, welcher dem jeweiligen Tone entspricht, sicher sesthalten. Durch große Achtsamkeit auf sich selbst, durch fleißige Uebung in dieser Weise wird sich bald jenes Holpern, jenes Umwege-Maä en, bei der herabsteigenden Scala verlieren, und an dessen Stelle eine gleiche gerade Linie mit sicheren Stufen sich setzen. Die anfänglich nur langsam gemachte Hebung darf nun bald schneller gemacht werden, und wir haben uns an uns selbst überzeugt, dass die richtige Muskelthätigkeit auch bei der absteigenden Scala auf dem von uns angegebenen Wege bald und sicher in unsere Gewalt kommt, ja durch oste Uebung dem Sänger zur anderen Natur wird; denn die Töne wollen bei der absteigenden Scala (jener natür- Lichen Neigung entsprechend) gleichsam von selbst Heuausfallen, man darf ihnen aber nicht durch Zurückhalten des Athems oder durch Verkleinerung der Mundöffnung (was sich gewöhnlich bei Natursängern bei den tiefen Tönen findet) ein Hindernis entgegenstellen. Zugleich gilt es, die Töne sehr bestimmt zu denken, damit sie nicht verwischt werden, sondern recht deutlich und bestimmt unterschieden zum Vorschein kommen^ und je schneller man dieses portamento machen kann, desto weniger wird dann das Herabziehen selbst hörbar, denn wir verstehen unter portamento kein Heulen. Betrachten wir aber nun die ganze Scala in aufsteigender und absteigender Linie zusammen, so haben wir eine andere Thatigkeit für das Aufsteigen und eine andere für das Absteigen erhalten, oder mit anderen Worten: wir haben eine zweifacheZ Form der Scala, welche die Natur selbst angewiesen hat, und bezeichnen diese beiden Formen so; staecato, entsprechend dem Einschneiden bei der aufsteigenden Scala, und portamento, entsprechend dem langsamen Durch׳ ziehen bei der absteigenden Scala. Beide Formen, staecato und portamento sind also durchaus keine willkührlichen, zufälligen Erscheinungsformen, sondern es sind zwei von der Natur selbst gebotene, nothwend-ge Normen der Scala in verschiedeener Richtung : es sind die aus der Muskelthätigkeit resultirenden Naturgesetze und bilden als solche die Grundlage aller Coloratur; und zwar in der Weise, dass das staecato ursprüglich nur der aufsteigenden, das portamento ursvünglich nur der absteigenden Scala, zukommt. (Fortsetzung folgt.) Gedenket -er Tage -er VsrM — ewäget -re Äen-erung -er Zeitalter. (V. B. M. 32.7.) VI. Bei dem mir vorgesteckten Ziele sage ich Ihnen vorweg, dass sich leider jenes Sprichwort: ״Wer ins gelobte Land kommen will, muß vorerst 40 Jahre in der; Wüste wandern," nicht bewähren wird. Noch befinden wir uns in der traurigsten, unwirthbarsten Wüste der jüdischen Geschichte, die, .wenn auch seit Erscheinen des deutschen dritten Mendelssohn sich ein wenig gelichtet, leider noch düster ihre finsteren Sckatten bis in die Gegenwart wirft. Thatsächlich scheint unsere tragische. Geschichte erst mit der Vollendung der biblischen Erziehung der Menschheit, dem Meffiasreiche, zu enden und ihren Abschluss zu finden. Es wäre eine höchst unerquickliche, mühevolle Arbeit, die blurbefleckten Blätter der Geschichte. Israels, wie sie in den Geschichtswerken von Jost, Grätz und anderen sich vorfinden,Hier zu skizziren. Wem daran liegt, der findet sie dort ausführlich und er* giebig zur Schmach der Menschheit verzeichnet. Mit einem Worte, es existirt kein Volk und Reich, das nicht förmlich gewetteifert, Israel aufs Unmenschlichste, theils ans purer thierischer Rohheit, theils aus Aberglaube, namentlich aber aus Habsucht zu quälen und aufs Grausamste nicht nur auszubeuten, sondern buchstäblich zu ver- Nichten. Spanien, Portugal, England, Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland und Oesterreich, man ist verlegen, welchem dieser Staaten in Bezug der Qualen, die Israel erlitt und mitunter noch erleidet, die Palme zu reichen ist. Bald hat die Religion der Liebe, besorgt für Israels Seelenheil, also aus reiner Liebe sie zu ver- Nichten getrachtet, bald haben es Könige und Fürsten aus reiner Habsucht zu bew rken gesucht. Zuversichtlich werden sowohl Sie, als Ihre geschätzten Leser mit mir einverstanden sein, aus diesem schmutzigen Pfuhle menschlicher Verirrungen so hurtig als nur möglich zu fiüchten, diese Schandblätter der Geschichte zu Überschlag n. Nur zweier Fürsten, als leuchtende Sterne in dieser Finsternis, soll kurz Erwähnung geschehen. Der eine ist ein idealer Fürst und kein anderer als Reuchlin (1510), er flößt uns als Fürst der Wissenschaft Hochachtung und Verehrung ein. Er ist der Schützer und Erhalter so wichtiger wissenschaftlicher Monumente der Vorzeit, und der zweite ist ein wirklicher Fürst und kein anderer als der einer späteren Periode angehörige, hochherzige Kaiser Josef II. s. A. Anstatt der Wiedergabe dieser Schmach-Scenen, die sich immerwährend bald in diesem, bald in jenem Reiche wiederholen, erachte ich es, namentlich für Leser, denen jüdische Geschichtswerke nicht zu Gebote stehen, geeigneter, zum Schluß' dieser Periode, bis zur französischen Revolution. — also über das eigentliche Mittelalter — einen gedrängten Rückblick über den Zustand der Juden, insbesondere der geistigen, nach Jost, zu. liefern: