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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-04-07 · Heft 12 (7.4.1888) · p. Seite 6

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 12 (7.4.1888)
Date
1888-04-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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trotz seines Lehrberufes hatte er beständig eine Arbeit in der Hand: Ta schrieb er ״Parschoß" ans schmale Pergamenistreifen, um sie dann in die ״Baitim", die Köpfe der Gebetriemen, zu legen; dort nahm er die Wanduhr mit dem riesigen vergilbten und in der Mitte gesprungenen Zifferblatt unseres Bctha-Midrasch vor, zerlegte sie, reinigte sie, stellte sie dann Wieder zusammen und ließ sie ״ausschlogcn" — bei alldem leise, bisweilen aber auch laut singend. Und mittlerweile lasen die Schüler, wie inan bei uns zu sagen pflegt, ״für Feuer und für Wasser". Las waren für sie die glücklichsten Minuten, besonders für die ״Eojim", wie die Unbegabten genannt wurden. Aber nicht zu oft durften die ״Gojim" feiern, denn so mein Vater eine Arbeit vornahm, ließ er die besseren Schüler lesen und übersetzen, wobei jene aufmerksam zuhören mussten. Mein Vater sang schön mit seinem winzigen, aber ungemein sympathischen Tenor. Wenn er am Sabbath die ״Scmiroth" zu singen begann, da stand fast das ganze Städchen unter unserem Fenster, besonders an Somwerabmden. Als sch kaum fünf Zahre alt war, ließ man mir schon keine Rühe auf der Straße und drang in mich, jene Weiscu zu singen, die in unserem Städchen׳ von irgend einem wandernden Kantor zurückgeblieben waren. Wurde in unserem Städchen eine Hochzeit gefeiert, zu der man Musikanten aus der benachbarten Großstadt verschrieb, so wich ich keinen Schritt von diesen und folgte ihnen wie ihr Schatten, überall, wohin sie zögen, um ״Guten Abend" zu spielen. — ' . Und mit dieser Liebe zur Musik übcrsiedclte ich nach dem Tode des Paters mit meiner Mutter und unserer' ganzen Familie in die Großstadt N. Ich zahlte damals kaum zehn Zahre. Ta ich keine üble Stimme hatte, so war ich stets ein gern gesehener Gast bei aLen meinen Verwandten, die mich immer zu singen nöihigten, hier synagogalc Motive, dort weltliche Lieder otcr sogcnannie ״chossidische Nigunim". Einer ganz besonders, schmeichelhaften Aufmerksamkeit wurde ich von einem meiner Vettern, Namens Gerschon, gewürdigt, der ein eingefleischter Musikliebhaber war. Cs war dies ein Züngling ' von etwa achtzehn Zähren, von nicht großem Wuchs aber flaumiger Konstitution. Sein Gesicht war etwas gebräunt aber sympathisch, ja fast schon; seine Avglv nanu 'schwarz, feurig, groß. Aus unbekannten Gründen nannten ihn Alle Len ״Griechen" einen ״Llsalzinen Griechen" '— was ihn sehr ärgerte. Er war nicht sondcrlich gnimüihig, allein wenn cs sich um Musik handelte, verwan- Lelte sich sein Herz — wie wir damals zu sagen pflegten — in Butter; er vergaß seinen klcinlicken Egoismus und wurde nicht nur freund lick, srnd-rn sogar grrßmüthig. Und wie er sang l Zn meinem ganzen sLeben fand ich eine so eigenartige Vereinigung gänzlicher Stimmlosigkeit mit solchem Ausdruck und solcher Innigkeit beim Vorträge der schwierigsten Ecsangsmotivcn nicht wieder. Er sang gleichsam durch die Nase, und durch die Zahne, leise, kaum hörbar. Wenn Gerschon zu singen begann, umringte man ihn und lauschte mit angehaltenem Athem. Und er sang oft ohne Unterlass bis drei Uhr Nachts. Mich hatte er ganz besonders lieb gewonnen, einmal wegen meiner schönen Stimme, dann auch wegen meines ungewöhnlichen Gehörs. Ich erinnere mich, wie er mich am ersten Abend des Schabuothfestes zum crsteumale in die Chor-Synagoge führte. Den Chor-Cantor zu Lörcn, galt für keine Sünde, und in die Synagoge .,zu den Deutschen" gingen die ehrenwertesten Leute;״ allein — so erläuterte mir einst die Mutter oder irgend eine Taute oder gar der Onkel selber — ״wenn Reb Ehaim-Arke oder Reb Awrohom Gctzcl dahin gehen, so wissen Alle, dass sie erst zu Hause ״dawcnen", denn cs sind dies ״koschere Juden" (Gott lass' Euch so werden!) aber wenn Du Arele, oder Tu, Gcrschele, den Cantor hören gehst, so kann man garantiren, dass ihr das Beten verschwitzen werdet!" Und in Folge dieses Argumentes vom Verschwitzen des Bctens, mussten wir unseren Besuch der Chor-Synagoge geheim halten. Auf mich machte der Schlussgesang ״Jigdal" einen mächtigen Eindruck, und auf dem Heimwege begann ich das Sopransolo, das mir an diesem Stücke ganz besonders gefiel, zu singen. Gerschon gerieth in einen solchen J Enthusiasmus, dass er mich umarmte — was mich ganz verlegen j machte. Und seit der Zeit wirkte er dahin, dass sein Vater mich j wufnehme, da der andere Onkel, bei dem ich mit meiner jüngeren / Schwester lebte, seinen Laden am äußersten Ende der Stadt hatte,, so dass ich täglich wohl anderthalb Werst zurücklegen müsste, umin mein ״Cheder" zu gelangen. Onkel, Peßach, Gcrschon's Vater, aber wohnte in .hem Centrum des jüdischen Viertels und daher nicht״ weit von meinem Cheder. Die Familie Onkel Peßach's, die'mich jetzt aufnahm, bestand aus der Frau, die die Schwester meiner Mutter war und Miriam- Rochel hieß, und' sieben Kindern, vdn denen die beiden ältesten — ein Sohn und eine Tochter — schon für sich lebten mit ihren Familicn. Von den daheim noch Anwesenden war Gerschon der älteste, , dann folgten zwei Brüder, .Moseh und Ahron, jener sechzehn, dieser vierzehn,, dann zwei Mädchen, das älteste — Chanele — dreizehn. und das jüngere — Sossele -—in meinem Alter, das heißt zehn Jahre alt. ׳ Mein Onkel war lange nicht reich zu nennenaber sehr gut׳ situirt. Er war ein wahrer Patriarch,.. sowohl nach seinem Aeußern, als auch nach der. Würde, die er allen seinen Bewegungen, besönders aber seiner Rede beizulcgen liebte,' ohne aber hierbei ein bestimmles System oder Ziel im Auge zü haben. Er war, was man., so nennt, kein böser. Mensch, allein activ hat׳ er׳ das Vorhandensein von Herzensgüte nie documentirt. Frau und Kinder behandelte er weich, zärtlich, auch aber glcickgiltig, jedoch nicht geringschätzend. Im Eegcnthcil, beim Mittag, . besonders.am Sabbath, pflegt er mich scherzend zu ermahnen, nicht zu schlummern, sondern.aufmerksam zuachten auf das, was sich in der Schussel thue) damit ich, nicht״ hungrig bleibet Meine Anwesenheitwar ihm. durchaus nicht lästig, nur durste sie den üblichen Gang-der Hausordnung nicht beeinträchtigen und seine Tasche unmittelbar.nicht in Anspruch nehmen. ״Lebe dahin, iss, was Gott gibt und was alle im Hause, essen;, seiaber unbcmerkbar und fordere nichts Anderes" — das war das Princip des Onkels, sowohl in Bezug auf mich, als auch.sn Bezug, auf die anderen Verwandten, die häufig sein Haus heimsuchten. Er war immer ungehalten, wenn ich zu spät zu Mittag kam- oder mit meinen Tischnachbarn in Collision gerieth, denn, das störte׳ das Gleichgewicht im Hause. Noch weniger liebt er es, wenn ihm - Geld abverlangt wurde für mich zum Anzuge oder zu etwas anderem, und waren cs auch nur zwei Kopeken auf ein Bündel ״Zitziß". ״Du kennst ja meine Maxime in solchen Fällen: Nicht einen zerbrochenen Heller!" antwortete er der Tante, die an ihn mit solchen, Forderungen herantrat, gerade heraus. Er war eben ein Gentleman eigener Art. Er schrie nie, ja sprach niemals zu laut, und eiu. Schimpfwort, selbst das üblichste, kam nie über seine Lippen; er kleibete sich elegant, war in allem von pedantischer Sauberkeit, die er auch von seiner Umgebung forderte. Zudem erfreute er sich^eines ■ ehrwürdigen, schönen Aeußern; sein Gesicht war von blendender Weiße, alle Züge mehr oder minder regelmäßig; die Stirn hoch,, glatt und glänzend, eingerahmt von kurz, aber schön verschnittenen,, schon etwas ergrauten Haaren; der Bart lang, ebenfalls schon etwas ergraut, in zwei zugespitzte Enden zusommcnlaufend, die der Onkel mit besonderer Vorliebe mit seinen schönen Händen aus-, cinanderzog. Was nun die Tente an.L-lcngt, so kennte sie bei jener Mouotenie, mit der das ganze LcllN im Hause sich atwickelte, durch etwas Besenderes ihren ELaraktcr nicht kundgcben. Cie war im Allglmeinln eine sihr gute Frau, und in drm Hang zur Sauberleit und Ordnung übcrtraf. sie fast nech dcu Onkel, allein sie besaßlange nicht dlssen Ruhe und Würde. Sie kleidete sich, zumal an W ochcntogln, zitwlick reck lässig; auch sich war sie nickt, was man so ntnnt, Lesenkns schön, aber sympathisch, wenigstens fand ich sie so. (Fortsetzung folgt.) Der Keßach-Ieiertage Halber erscheint die diesrröchentliche Drirrirrler nrn einige Jage verspätet.

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