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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-03-25 · Heft 11 (25.3.1888) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 11 (25.3.1888)
Date
1888-03-25
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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len Cönrierzng säßen. Ein Schieben und Drängen, Toben und Rasen! Schmäle -Bäche wüchsen zum See an und erlangten eine Strömung, die mit'Ungestüm-jedes Hindernis wegriss Die alten Aegyptier sahen in ihrem Typhön 'eine Gottheit, deren Mission darin bestand, alles Schone und Edle zu vernichten, und anstatt sich mit-, den Naturgesetzen zu befreunden, glaubten sie, der Winter habe den Sommer erschlagen, welcher sich dann mittelst der Isis hilfreicher Hand 'mit der schönen Jahreszeit wieder einfand. Der Frühling hält seinen Einzug und bringt uns das geschichtlich nationale Passahfest. Das Lied der Lieder erzählt die Wiedergeburt der schlaftrunkenen Natur, und der Verfasser der Hagadah zeichnet das Bild eitler vom alten patriarchalischen Geiste angehauchten, von religiöser Ueberzeugung durchglühten Tischgesellschaft am Seder-Abende. Das Oberhaupt der Familie trägt vor, während die Familie traulich, wenn auch nicht angelehnt, beisammenfitzt, schildert ׳ den Druck und die Leiden unserer Ahnen, das steinerne Herz Pharaos, die wunderbaren Vorgänge in Mizrajim,' die Macht und die strafende Hand Gottes und den schließlichen Triumph der Kinder Israels. Selbstverständlich ist der Vortrag ein verstandnis- und gefühlvoller und spiegelt die seelischen Vorgänge — wie Betrübnis, die sich an der runzelnden Stirne, Freude, die sich am blitzenden Auge manifestht oc. — am Antlitze des Baal habajis getreulich wieder. Alles lauscht und folgt mit gespannter Aufmerksamkeit. Die Kategorien von Fragenden chochom oc. sind im Hause vertreten, der Posten tarn und scheenau jaudea mitunter zu stark besetzt, das Ensemble stimmt, blos der roscho darf keinen Platz stnden. Während aber der Referent in größter Andacht und gehobenster Stimmung ist, treibt der kleine Junge oder die erwachsene Tochter Allotria und denken an externe Dinge. Es ist einmal so. Es gehört eine starke Dosis von Willenskraft dazu, seine Gedanken längere Zeit auf einen bestimmten Gegenstand ununterbrochen zu concentriren, der überdies sprachlich genommen in fremder Tracht erscheint. Die Vorstellungen des Alltagslebens lassen sich nicht gewaltsam zurückdrängen, am allerwenigsten aber, wenn sie sich kraft der ihnen innewohnenden Intensität mit bleierner Schwere in Kopf und Herz festsetzen. Bei dem Absätze Rabbon Gamliel hojo aumer oc. angelangt, kommt der Hausherr in diese Lage. Tie Etymologie der Wörter von der bezogenen Mischnah nimmt ihn gesangen, lässt der schaffenden Phantasie freien Lauf und drängt ihn zu einer Betrachtung der Ausdrücke: Peßoch, Mazoh Utitoraiir. Peßach heißt: (eigentlich Poßaach) überschreiten, über- Hüpfen, überspringen, schonen. Villeicht ist nvü verwandt mit פסע durch Verwechslung des Buchstaben von gleichem Sprachorgane. Pißeach — ein Lahmer darf nicht überraschen, weil dieser Unglückliche Mensch einen mehr oder weniger hüpfenden, springenden, kurz einen anormalen Gang hat. Der Soldat zieht ins Schlachtfeld. Wahrer Patriotismus schwellt seine Brust, er glüht von Begeisterung fürs Vaterland, Vergisst seiner Familie, seines friedlichen Berufes, und diese Selbst- Verleugnung ist es, die ihm Kraft und Ausdauer, Muth und Tapserkeit verleiht; unerschrocken blickt er dem Tode ins Antlitz und spottet der Strapazen und Entbehrungen, die das Kriegsleben in sich schließt. Aber nicht' blos ethische Motive leiten ihn, nicht nur seine geistige Schulung verschafft ihm Ueberlegenheit, lau b’chajil w’laü bkauach,' er besitzt Gottvertrauen und hat seinen Gott im Herzen. Tatsächlich schlagen Granaten neben ihm ein, er bleibt unversehrt, rechts und links, von allen Seiten fallen — wie es im 91. Psalm heißt — Tausende, er bleibt unversehrt, der Sensenmann — schreitet über ihn hinweg. Ein Geschäftsmann etablirt sich. In großem Style baut er sein Haus auf, prachtvolle Localitäten schmücken dessen Raume, viel Geld steckt er in sein Waarenlager,' ja, setzt sein ganzes Vermögen ein, um allen diesbezüglichen Anforderungen gerecht zu werden. Seine Bemühungen sind von Erfolg. Schaarenweise strömt alles dem Geschäfte zu und jeder lobt die Solidität, die Ehrlichkeit des Mannes. Doch jetzt erhebt Eris ihr Haupt. Ein zweiter, ein dritter rückt ihm hart an den Leib und bedroht ihn mit gewaltiger Concurrenz. Keiner dieser beiden hat aber den Betrieb eines Geschäftes von nöthen; der eine will nicht, dass der erste allein verdiene, während der zweite ihm das Leben überhaupt nicht gönnt. Der Compagnon fürchtet, die Frau donnert; doch er bleibt gleichmüthig, fest wie eine Eiche im Sturme יבטח בשם ה' וישען באוהיו• Der Neidische erliegt dem Kampfe, der Bosewicht geht zu Grunde; über ihm schwebt eine schützende Hand, das Verderben — schre i t e t über sein Haupt hinweg. Ein Stelle ist erledigt. Diese Thatsache bildet ein Ereignis, eine Menge Bewerbungen laufen ein, viele Hände laugen nach dem Bissen, obzwar er nicht so fett ist, wie es den Anschein hat. Unter den Competenten befindet sich einer mit bcn besten Referenzen versehen, dem Tüchtigkeit und Erfahrung nicht abgesprochen w rden kann. Seiner Candidatur steht aber das Hindernis entgegen, dass man ihn schon kennt und dass er einigen wenigen nicht zu Gesichte steht. Diese schwache Minorität hält cs nicht unter ihrer Würde, offen zu agitiren. Man hört, man fragt, was denn eigentlich die Triebfeder dieser Handlungsweise sei. Antwort: Uebelwollen und Unverstand. Der Reiz der Neuheit besticht und die Ferne idealifirt den Menschen. Der Jude, namentlich der ungebildete, hätte am liebsten alle drei Jahre einen neuen Rabbiner, Cantor und Lehrer. Den Functionär, den er hat, kennt er doch schon und weiß ihm wenig interessante Seiten abzugewinnen, vergisst aber, dass der Wein besser wird, je älter er ist. Ans der Ferne, der Fremde winke das Heit, das sich nicht selten, aber offenkundig als Antheil entpuppt. Die Gerechtigkeit lässt sich auf die Tauer nicht Niederhalten, und wer in der glücklichen Lage ist, auf eine gerechte Sache baueu zu können, dem bangt nicht vor deren Ausgange; getrost legt er sein Schicksal in der Vorsehung Hand, und jeder Anschlag auf seine Existenz, seine Stellung — schreitet harmlos über ihn hinweg. Mazoh hat zur Wurzel ,נצד und lässt folgende Deutungen zu: wegfliegeu, wüst sein und werden, streiten. Nauzoh Feder und Mazoh haben gleiche Radix. Hinsichtlich des Peßach ist Mazoh ein wahres Lechem auni, ein wegen Mangels an Gährung wüstes Brot. Nizuzin Funken findet hiemit auch Erklärung. Betrachten wir das Wort Mazoh in der Bedeutung von Streit. Zank und Hader bilden die Merkmale niedriger Leidenschaft, ein Wettstreit hingegen, der Widerstreit von Ansichten geht von dem Grundsätze aus, zur Klärung der Sachlage, zur Abklärung des Urtheils zu gelangen. Ist doch unser eigenes Nachdenken und Calculiren nichts anderes als ein fortwährendes Aui- und- Niederwogen der Gedankenreihe, ein Differieren. In diesem Sinne heißt's: Kol machlaukoh schehi l’schem schomajim saufoh rhiskajem. Ein Streit, der nach oben gravitiert, der von besseren und höheren Intentionen erfüllt ist, kann und muß jederzeit bestehen. Schreibt man einen Artikel, soll dessen Unfehlbarkeit in allen Punkten durchaus nicht proctamirt sein, vielmehr sieht es der Autor gerne, wenn ihm sachliche Berichtigungen - entgegengehalten werden, natürlich müssen dieselben auf Argumenten basieren und vom Geiste des Wohlwollens getragen erscheinen. Wie schön und mit welchem Anstand wird die Plugto im Talmud geführt, eben weil sie Machlaukaus!’schein schomajim sind. Diese Tactik hat die freie

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