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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-03-25 · Heft 11 (25.3.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 11 (25.3.1888)
Date
1888-03-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Bei dem Likras schabbos, Seite 3, scheint es.im ersten Momente, als ob die Bassstimme die melodieführende wäre, dennoch muß zweifellos der Sopran als solcher betrachtet werden; auch der erste Alt erscheint noch glimpflich melodiös, dafür aber tritt der zweite Alt und Tenor, vollständig stiefmütterlich behandelt, in den Hintergrund. Das ist die Tendenz, auf welche wir bei den Grünzweig'scheu Synagogengesangsarbeiten Hinweisen müssen. Wem von uns die chorische Gesangsmanier eines polnischen Chasen mit Mes chorerim geläufig ist, der dürfte es leichthin zugestehen, dass die Kunstfertigkeit eines solchen Ensembles in der möglichst getreuen Nachahmung einer orchestralen Leistung bestand; nicht die Veredlung der menschlichen Singstimme, sondern die Imitation der üblichen Instrumente war es, deren Endzweck die Gesangsstudien unserer Altvordern bildeten, daher auch die Bezeichnung ״Sait", ״Fagotte", ״Trompete" rc. So wie nun der Klangcharakter gewisser Jnstrumente nachgeähmt erscheint, so musste selbstredend auch die mehr oder minder dominirende Stellung der einzelnen Instrumente - innerhalb des Ensembles festgestellt werden, und wir begegnen der interessanten Thatsache, dass bei derlei Aufführungen einer Stimme die Leitung, den anderen jedoch nur eine in kurzen Tonabriffen begleitende Aufgabe zuerkannt wird. Betrachten wir nun den Likras Schabbos, Seite 3, in seinen einzelnen Stimmen, so erscheint uns die Sopran- und Bass» stimme als die melodieführende, während der Tenor und namentlich der zweite Alt mit seinen Achtel- und Vierteltönen geradezu wie ein begleitendes Violin-xizzicato aussieht; noch eindringlicher ist diese von uns verzeichnete Weise bei dem Hisoreri (in C.-dur Seite 5) zu bemerken; diese Nummer von einem Streichquartett durchwegs pizziccato ausgeführt, müsste eine ungemein intereffante Stelle eines Scherzo- Satzes abgeben und dürfte sicherlich j-desmal zur Wiederholung verlangt werden. Gleichermaßen intereffant erweist sich der Lo sewoschi; S. 7, wo den beiden Tenören die Melodie' anheimgegeben, während der Bass einfach Achteltöne schlägt und der Sopran blos fragmentartig mitzuwirken hat, bis er beim Chorsatze im Vollbesitze seiner Rechte erscheint; auch die weitere Behandlung des Chorsatzes inff seiner stereotypen Unterbrechung und dem späteren Wiedereiusetzeu einzelner Stimmen erweist sich in rein instrumentalem Geiste gearbeitet. Dieser Arbeitsmanier begegnen wir allenthalben in dem vorliegenden t^rüuzweig'schen Werke, wie Schomor wesochor, Likras schabbos S. 10, Hisoreri S 11, Boi wescholom S. 13, in recht drastischer Weise bei Li simachtani S. 20 gelegentlich ver Musikbegleitung des Wortes arannen, wie nicht minder beim bejodo afkid S. 38, wehu nissi S. 42, bei welch' letzterer Piece die contra- Punktische Figur des Basses lediglich als Selbstzweck und die andern Stimmen gewissermaßen nur folienartig hingestellt werden; kurz, mit wenigen Ausnahmen erscheinen sämmtliche Stimmen des Grünzweigschen Semiroth schel schabboth in ähnlich eigenthümlicher Weise gearbeitet. Nun, hören wir fragen, ist diese Methode für die Musikbearbeitung synagogaler Gebettexte zu acccptiren? —Wir nehmen keinen Anstand, sreimüthig zu bekennen,;dass, so wenig wir ins Besondere mit der dem Inhalte gegentheiligen, heiteren, ja oftmals tän- Lelnden Musikbearbeitung, wie z. B. das Lo sewoschi; S. 7, uns «inverstanden erklären, im Allgemeinen diese Grünzweig'sche Manier viel sympathischer aufnehmen, als jene unglückselige Art, welche im Kirchenst yle wurzelt und mit den Wegweisern dieses Styles, mit Halter und weißer Note so rücksichtslos koquettirt. Abgesehen davon dass schon der hebräische Text der von Grünzweig hingestellten rhythmisch zwanglosen Form sich leicht und natürlich anschmiegt, während derselbe unter der Zwangsjacke der Kirchentöne. sich ängstlich windet und abquält, ist ja der jüdische Musikgeschmack dem rasche» Pulsschlag rhythmischer Töne mehr zugeneigt, als dem schwerfällige» Hinschleichenunter der Last der von weißen Notenköpfen gezeichnete» Kirchentöne. Abgesehen ferner davon, dass die von Grün zweig aufgestellten Achtel- und Sechzehutel-Noten sich wie selbstverständlich zum hebräischen Sch’wa und Chätaf verhalten, während jene, deren Panier der Choral ist, demgemäß auch choralisch (sic) arbeiten, es selbst zugestehen müssen, dass die weißen Noten zu Sch’wa und Chataf gerade so paffen, wie die Faust auf's Auge, abgesehen davon, sagen wir, muß diese Grünzweig'sche Methode schon deshalb warm begrüßt werden, weil der Componist hiemit seine Eigenart documentirt, indem er die Eindrücke und Erlebniße vergangener Jahre durch die später erworbenen theoretischen und anderweitigen Kenntniße künstlerisch zu gestalten trachtet, demgemäß auch nur eine formgerechte Wiedergabe des Alten anstrebt, während jene von Ehrgeiz und Ruhmsucht gedrängten Neulinge, die 'im Bewusstsein der eigenen Erfindungsarmuth, der Mitwelt doch etwas Neues bieten möchten, den Kirchenstyl gleichsam als Nothsignal auf dem Irrwege begrüßen und gar nicht inne werden, dass sie mit ihrer fulminanten Richtung sich gleichzeitig eines Treubruches am eigenen Heiligthum schuldig machen. Nach dieser Vorausschickung und von diesem Gesichtspunkte ans betrachtet, sind wir in der angenehmen Lage, das 39 umfangreiche Nummern umfassende Grünzweig'sche Werk Semiroth schel schabboth als ein treffliches zu bezeichnen. Der Componist bekuudet in demselben, wie z. B. in Hodu al erez Nr. 28, ein souveränes Beherrschen auch des gedrängten vierstimmigen Satzes, eine überaus gewandte und liebenswürdige Behandlung der Stimmsührung und vor allem einen frisch sprudelnden Melodienfluss, der in seiner Opulenz oftmals sogar das eigene Bett verlässt, um auch andere Niederungen zu bewässern und zu befrischen. Sämmtliche Chor-, nummern des Buches sind ungemein sangbar und äußerst sorgfältig gearbeitet, so dass wir in Verlegenheit wären, auf einzelne derselben speciell Hinweisen zu müssen. Auf die weitere Bedeutung des Werkes in recitativischcr und traditioneller Hinsicht kommen wir demnächst zurück. (Fortsetzung folgt.) Prßach, Miyoh Umoraur - - rin jßilü des Lebens. Von S. N i e s e n s e l d, Oberlehrer in Schaffa. Der Winter ist dahin und mit ihm die ganze Gefolgschaft r die ewigen Abende, die sich am Lande respektabel langweilig ausnehmen; der Dämon Holzbrenner, ein arger Geselle, welcher es namentlich aus die Armen abgesehen hat und der Tur Salgo — -der zu Bergen ausgethürmte Schnee, der sich Heuer in die Regionen eines universellen, den Erdtheil umfassenden Hochgebirges versetzt wähnte und sich dabei so wohl fühlte, dass er keine Miene machte, den Monat. Odor in seinem üblichen G'schwadercostüm zur. Geltung kommen zu lassen. Hassov owar, hageschem cholaf holach lau. Der Winter׳ ist dahin, (Imes hagschomim) auch der Thür und Thor verram-? melnde Schnee, der noch obendrein die Geschäftswelt zu einer unfreiwilligen Siesta verurtheikte. ״Das Wasser rauscht, dasWaffer quoll", und wer hat sich die Gelegenheit entgehen, laffen^ rnikaulaüs majim rabim das Schauspiel zu bewundernd Die abziehende» Waffermassen Lefleißteu sich einer Hastz. als ob sie im: beschleunig-

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