Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (9.3.1888)
- Date
- 1888-03-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Lehrbücher, höherer und niederer Kategorie, in Prachtband oder in s zersetztem Zustande-nicht mit:WiderÄillM beiseite geschoben hätte?^' Aber auch dem . erwachsenen ׳Laien, sowie dein Xore stoßen -.aus diesem Gebietenicht'selten Zweifel aus,, so dass es sich vielleicht verlohnen dürfte, dorthin eine kleine E^cursion zu unternehmen. Wie im praktischen Theile meiner heutigen Aufgabe gezeigtwerden soll, macht selbst das unseren Schülern in die Hand gege- Lene Lehrbuch nicht selten dem Lehrer Schwierigkeiten, Hinderniße, die dann selbstverständlich dem fleißigsten Streben des Zöglings hemmend in den Weg treten und dessen Wissbegierde einigermaßen eindämmen. Mit dieser Thatsache wird der billig denkende Lehrer rechnen, gegen sich selbst strenge, gegen andere milde auftreten. Diesen Satz auf die Grammatik angewendet, wird sich der Lehrer in den Gegenstand vertiefen, statt, eines Buches, drei bis vier zur Hand nehmen und auf diese Weise die Zweifel b annen, die Widersprüche lösen. Salzmann sagt: ״Für alle Fehler der Schüler ist der Lehrer verantwortlich." Dieses Dictum werden wir, geehrte Berufsgenossen, wohl nicht dem ganzen Umfange nach unterschreiben. Jeder Unbefangene wird dagegen einraumen, dass ein gewissenhafter Jugendbildner sein Augenmerk unverwandt darauf richten wird, dass er in methodologischer Hinsicht sein Können so viel als möglich erweitere, und — was kaum der Erwähnung bedarf — dass er den zu docirenden Stoff selbst beherrsche. Wohlverstanden, selbst beherrsche, d. h. dass er die einzelnen Phasen des Pensums genau kenne und das Gesammtbild vor seinem geistigen Auge klar und ungetrübt erscheine. Im entgegengesetzten Falle kann er sich leicht der Vorgesetzten Behörde gegenüber, z. B. bei einer Inspektion, Blößen geben, und was noch schlimmer ist, die eventuelle Ungerechtigkeit dem Kinde gegenüber. Wer kennt nicht den von! Abgeordneten Neuwirth jüngst citirten Spruch des deutschen Altmeisters: ״Jeder sehe, wie ers treibe — jeder sehe, wo er bleibe. — Und wer steht, dass er nicht falle!" Am wenigsten wird jener Terrorismus, üben,, der seine Sache gut versteht. Treten wir nun der Frage näher: ״Welche Stellung hat die deutsche Grammatik in der Volksschule und welche Tendenzen verfolgt sie?" so muß ich Sie, geehrte Leser, einladen, mich im Geiste auf jenen Bahnen zu begleiten, welche die Sprachlehre seit Decennien, ja Jahrhunderten durchmessen hat und jene Bewegung zu verfolgen, die selbe unter bewährten Pädagogen hervorgerufen. Zuvörderst stoßen wir auf unseren Commenius. ״Er war der erste," sagt der leider kürzlich verstorbene Prager Professor Dr. Lindner, ״der den dreifachen Parallelismus der Sprachen, als:die p r a ktische, formale und sachliche Seite herausfand" entsprechend dem Worte, Gedanken und Dinge. In seiner Unterrichtslehre heißts: ״Die Worte müssen beständig in Verbindung mit den Dingen gelehrt werden; Worte ohne Dinge sind Schalen ohne Kern, eine Scheide ohne Schwert." Dass die ״deutsche Sprache" in die! Volksschule eingeführt wurde, ist ein Werk der neueren Zeit, und zwar wurde das praktische Moment festgehalten, d. i., es wurde in erster Linie die Fähigkeit, angestrebt, Gedanken Anderer aufzufassen und innerlich zu verarbeiten, gleichviel, ob sie der Autor gesprochen oder geschrieben hat. Zweitens wurde darauf angelegt, seine eigenen Gedanken sowohl schriftlich als auch mündlich in klarer, bestimmter Weise zum Ausdrucke zu bringen. Hiebei stehen aber zwei Wege offen: der syn t h e t i s che, der die Regel zum Ausgangspunkt nimmt, oder der an a ly t i s ch e; mit dem Beispiele an der Spitze. Die Philantropisten sind analytisch vorgegangen. 1799 gab F. P. W i l m s e n eine derartige Anleitung heraus, ״weil" — um mit ihm zu sprechen — ״es überaus, schwer ist, den Kindern diesen Unterricht anziehend zu machen und eine gewisse Trocken-. heit und Einförmigkeit zu vermeiden, welche so leicht davon ab-!schreckt." Um den Mechanismus der älteren Unterrichtsweise zu durchbrechen, strebten die Philantropisten, die ״Denkübungen" einzuführen. Der formalen Tendenz des Sprachunterrichtes wurde hiedurch in bedeutender Weise Vorschub geleistet. Aber der eigentliche Bahnbrecher dieser Richtung war Pestalozzi. Nach seinem Tode wurde diese Bewegung von der sogenannten deutschen Sprach- Wissenschaft in Fluss erhalten, an deren Spitze K. F. Becker, der sich durch viele wissenschaftliche Sprachwerke unter den deutschen Sprachforschern eine hervorragende Stellung erworben. 1834 gab er den ״Leitfaden für den ersten Unterricht in der deutschen Sprachlehre" heraus mit einer Gebrauchsanweisung hiezu. Durch diesen Lernbehelf schwang sich das formalistische Element, der logische Theik der Sprache, auf eine ungekannte Höhe und man glaubte, nunmehr den Schlüssel zu besitzen, durch welchen dem Schüler in die Operation des Denkens Einblick gewahrt wurde. ״Indem der Schüler in der Wortbildung die Wortformcn kennen lernt, wird ihm offenbar, wie der menschliche Geist die ihn umgebende Welt in eine Welt von Begriffen umwandelt .... er lernt die Verhältniße kennen und unterscheiden, in denen der Geist die Begriffe der Dinge und Ttiätigleiten zu Gedanken verbindet. Der ganze Vorgang seines eigenen Denkens und Urtheilens wird dem Schüler auf diese Weise gewissermaßen vor Augen gelegt." Becker schließt sich Commenius und noch mehr Pestalozzi an. So weit das Denken in der Sprache. Jusoferne aber das Denken über die Sprache, also Sprachphilosophie als Ziel des Sprachunterichtes hingesiellt wird, tritt die Tripelallianz: Commenius, Pestalozzi, Becker aus den der Volksschule gezogen n Schranken hinaus und wendet sich an die Functionen eines gereiftcren Gehirnes. 1׳ Unter den Nachfolgern Beckers hat W u r st (Sprachdenklehre, wonach wir gedrillt wurden, denn jeder wusste den Wurst nicht zu handhaben) dessen Standpunkt vertreten. Die Satzlehre trat vor die Formenunterweisung, und insoferne war der Vorgang ein analytischer, als man die Sätze in ihre Bestandtheile zergliederte — nituach hamischpot wehamillos — vom Besondern zum Allgemeinen schritt, und das Beispiel der Regel voranstellte. Dieser Umstand markirt einen wesentlichen Fortschritt. Nicht nur, dass aus dem Beispiele die Regel abgeleitet wurde, man entdeckte auch die logischen Gesetze des Sprachbaues, als Wortfolge rc., hatte demnach sprachliche und sprachlehrliche Capitel. Fertig gestellt war der Bau noch immer nicht. Das Streben nach Ausnützung des formellen Momentes hielt die Geister in Bann und durch fortgesetztes Grübeln verstelen die Gelehrten ins Extrem — in den hohlen Formalismus, eine Krankheit, an der — so weit mein Erinnerungsvermögen reicht — die alten Sprachlehrer laborierten. Form und nichts als Form, ohne Inhalt. Stockmeier sagt: ״Insbesonderewar es die ins Unendliche gehende Benennung der verschiedenen Satzarten, Satzglieder und Redetheile, von deren Einprägung und Uebung man den meisten Gewinn für die geistige Bildung und Sprachgewandtheit erwartete." Entweder einzelne oder zusammengewürfelte Sätze, wobei die Hauptsache, die Bedeutung, geopfert wurde und zwar der grammatischen Regel. Ein ganzes S p r a ch st ü ck in den Dienst der Grammatik zu stellen, war der neuesten Zeit Vorbehalten, und hiemit gelangen wir zum dritten Punkte: zum materialen, durch sorgsame Beachtung desselben wahren wir das Prinzip der Concentration beim Unterrichte, eins unterstützt das andere, eine Disciplin lehnt sich an die andere. Wie sagt der Dichter? ״Eins muß ins andere greisen, eins durch das andere blühn und reifen."