Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 9 (9.3.1888)
- Date
- 1888-03-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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— 2 — Werth legen, weil sie das Bewusstsein des eigenen Werthes mehr befriedigt, als der laute Beifall, der jenen nach Aeußerlichkeiten haschenden, demnach auch nach äußeren Erfolgen lechzenden Mitmenscheu zu Theil wird; hingegen ist es ja allbekannt, dass der begeifterte, momentane Erfolg eines innerlich hohlen Menschen längst verhallt ist, wahrend die emsige, andauernde Thatigkeit eines ideal strebenden Mannes allmälig erkannt und für die Dauer gewürdigt erscheint. So auch bei Grünzweig. Der momentane Erfolg konnte kein bedeutungsvoller sein, weil ihm beinahe jegliches Mittel zur Erlangung desselben vorenthalten war. Die Synagogen-Gesangsver- HLltniße waren ungeregelt, von einem Synagogen-Chor nicht der leiseste Anfang, und hiezu gesellte sich die Erkenntnis der eigenen Hilflosigkeit und des Mangels jener bedeutenden musikalischen Hilfsmittel, wie sie ihm den opulenten Anforderungen der nach moderner Umgestaltung lechzenden großen Gemeinde gegenüber nothwendig Erscheinen mussten. Jeder Andere an der Stelle Grünzweigs wäre zaghaft und Wankend an die zu erfüllenden Obliegenheiten geschritten, weil eben aus Nichts etwas zu schaffen war und eine solche Aufgabe bekanntlich die menschliche Machtvollkommenheit überschreitet; allein unserm Grünzweig standen ja wenigstens die Erfolge seiner bereits belhätigten Bestrebungen zur Seite, und muthig, ja begeistert machte er sich an das schwere Werk. Nach, nur kurzer Zeit hatte die Gemeinde Arad bereits ihren Synagogenchor, welcher die ^ulzer'sche^i Nesponsorien und auch einzelne größere Compositionen aus demLclürÄou so vollendet zur Aufführung brachte, dass dem jugendlichen Chordirigeuten schon nach dem ersten Probejahre von der Gemeinderepräsentanz ein sechsjähriger Engagementsantrag angeboten wurde, welchen der nach Ruhe-und nach einer geregelten Thatigkeit sich sch- «ende, junge Mann selbstredend und bereitwilligst acceptirte. Nun wäre anzunehmen, dass der vielgeprüfte, von den mannigfachsten Wcchselfällen des Lebens so arg bedrohte Jüngling sich endlich, nachdem dieser immerhin bedeutende Posten errungen war, auch etwas Ruhe gönnen dürste; allein im Leben Grünzweigs gab es keine absolute Ruhe. Nicht, wie es leider zumeist bei unseren Standesgenoffen der Fall zu sein pflegt, mit der endlich erreichten Stellung sich auch jedweder, namentlich fortbildenden Arbeit enthoben zu sehen, was sicherlich unter keinen Umstanden gut zu heißen ist, nicht so war es bei Grünzweig der Fall; die übernommenen schwierigen Aufgaben ließen ihm die eigenen technischen und mnsiktheoretischen Lücken desto fühlbarer werden, uüd im Bewusstsein derselben war er von nun an beulüht, all das das nachzuhohlen, was er in Folge der früheren drückenden Verhältniße verabsäumt. Für Grünzweig, den als Musiker und guten Gesellschafter schon damals Vielgesuchten, gab es weder Gesellschaften noch öffentliche Belustigungsorte, sondern in stiller Abgeschiedenheit eines, wenn auch nicht luxuriösen, doch behaglich eingerichteten Zimmerchens sinden wir ihn im traulichen, aber ernsten Verkehre mit den Schöpfungen längst verklärter Musik- Heroen, um zu lernen, immer nur zu lernen. Die Compositionslehre Albrechtsberger's, Zechter's und Marx's waren für ihn Stab und Stütze und wieder ruhte und rastete er nicht, bis der spröde, aber interessante Stoff vollständig beherrscht und er das Neugewonnene zu eigener Arbeit verwenden und verarbeiten konnte Bei Compositionsschülern eines Conservatoriums, da, wo der Schüler in der ewigen Athmoshpäre eines Lehrers athmet, ist es auch vielfach zu bemerken, Lass die Art und Weise des Lehrers, wenn auch nicht immer zum Nutzen des Ersteren, die Eigenart des Schülers wird, welche dann in reiferen Jahren mit dem Aufgebote der ganzen Geisteskrast abgewöhnk werden muß; hier,...,bei Grünzweig, bildete das gleichzeitige Studium der angeführten drei Meister den wohfthätigen Schutzdamm gegen eine solche Perirrung, deshalb kann auch schon jetzt, ohne irgemdwie präjudiziren zu wollen, gesagt werden, dass die Art und Weise der Grünzweig'schen Compositionen auch eine ent׳ schiedene Eigenart aufweist, welche selbst bei größeren Meistern nicht immer anzutreffen ist. Dieser Periode entstammen einzelne Chöre, welche, wenn auch in der Technik etwas stürmisch, doch sonst im Aufbau und nameutlich in der Melodieerfindung ein liebenswürdiges Talent bekunden. Einzelne Proben dieser Arbeiten sinden wir auch in einigen Jahrgängen (1862—1865) der Wiener Musikzeitschrift, deren eifriger und beliebter Mitarbeiter Grünzweig war. Fühlte sich nun Grünzweig auch insofern beruhigt und befriedigt, endlich all das erlernt zu haben, wonach er sich Jahre lang gesehnt, war auch sein Geist durch die Lectüre anderer, namentlich musikesthätischer Bücher aus eine genügend ideale Bahn gelenkt, und bot ihm endlich auch das Leben die nöthige Behaglichkeit und ange-!;ehmen socialen Verkehr, so schweifte sein Blick dennoch immer wieder weit über die Gemarkung seines Wirkungskreises hinaus, und die künstlerischen Vorkommnißc der Residenz, wie die Musikbestrebungen berühmter Männer der Gegegenwart ließen ihm immer wieder erkennen, dass es doch eigentlich noch mehr zu lernen gäbe, als man in Arad und nächster Umgebung zu ahnen vermochte. Die Be- Handlung der menschlichen Singstimme in Einzeln- oder Chorgesang war für ihn allerdings kein Geheimnis mehr, allein das Wesen des Orchesters, d. h. die Charakteristik des einzelnen Instrumentes in seiner Wechselwirkung zu einem anderen oder mehreren Jnstrumenten war ihm noch immer ein vielversiegeltes Buch. Auch diese Arbeit musste noch vollendet werden, und gedrängt von dem lebendigen Streben nach möglichster Vollkommenheit, griff er sofort zu Berliot's Jnstrnmentationslehre, um ebenfalls zu > lernen und zu forschen. So und nicht anders bildet sich ein echtes und rechtes Talent; man möge niemals darauf Hinweisen, dass aus dem und dem sicherlich etwas Tüchtiges geworden wäre, ivenn die Verhältniße nicht gar so unfreundlich gewesen wären; der Studiengang Adolf Grünzweigs belehrt uns darüber, dass die Verhältniße dem stürmischen Anpralle eines wahrhaftigen Talentes gegenüber ohnmächtig erscheinen müssen. (Fortsetzung folgt.) Unsere Grammatik- Von S. Riesenfeld, Oberlehrer in Schaff«. Die Ziele des Volksschulunterrichtes sind auf die im Leben nothwendigen und verwerthbaren Kenntniße und Fertigkeiten gerichtet, und die breite Schichte des Volkes, dem unsere Schule doch ihren Namen verdankt, bedarf in dem Wettbewerb des Lebens, in dem Kampf ums Dasein zumeist nur jene Geistesbildung, die sich sozusagen plastisch herausgestaltet und geeignet erscheint, mit Leichtigkeit in die Praxis unlgesetzt zu werden. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, nimmt unter den von uns Lehrern zu tradierenden Gegenständen die Grammatik eine eigenthümliche, ich möchte sagen, exceptionelle Stellung ein. Wer auf dem Schulboden steht und sich die Bildung der Jugend zur Aufgabe gemacht, wer nicht der Schablone huldigt, sondern mit prüfendem Blicke jeden Schritt beobachtet, den er in dem unergründlichen Labyrinthe des Denkens zu unternehmen hat, der kann füglich fragen: ״Wo ist ein Schüler^ dem das Studium der Sprachlehre nicht, schon Kopfschmerz ver^si!-^ sacht, wo ein Junger Pestalozzis, der die diesbetreffenden Hand-uuö -don /j yVnU