Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 8 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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verständlich hat Herr Singer es auch dem Königsberger Philosophen׳ | nach keiner Richtung hin recht gemacht — Mit dieser Emanation des Herrn Birnbaum schließt nun die ganze.Polemik über die Sin- Herrsche Brochüre, eine schlagende Widerlegung des Sprüchwortes ״Ende gut, Alles gut." ' Es kann mir nun nicht im Traum einfallen, in dem Streite der Meinungen, welche in dieser Polemik zum Ausdrucke gelangen, ׳ Stellung zu nehmen. Allein, die Sache, um die es sich handelt, ist einerseits an und für sich sehr interessant/ anderseits aber ist sie für dm Stand der Cantoren, für die gottesdienstliche Liturgie, ja sogar für das Judenthum als solches von großer Bedeutung und es wäre zu bedauern, wenn durch Hineinzerren in das Gebiet der Persönlichketten verhindert würde, dass eine gut gemeinte und nützliche Idee zum Besten der Allgemeinheit verwerthet werde. Das Hineinzerren in das Gebiet der Persönlichkeiten aber war es, welches der ganzen Volemik von deren Ursprung an den Stempel der Gereiztheit verlieh. Qber-Cantor Singer vindicirte sich das Verdienst, der erste gewesen zu sein, der die Tonleitern des synagogalen Gesanges in ein System gebracht hat, und stellte drei solcher Tonleitern auf, in deren Rahmen das ganze Chasonus seinm Platz finde. Dieses Verdienst nun konnte und wollte man ihm keinesfalls gönnen. Da hieß es, die Tonlettern würden scbon früher entdeckt und es gibt deren mehr als drei us. w. — Ich bin nun keineswegs dazu berufen und werde mir es auch nicht anmaßen, zu entscheiden, wer recht habe; allein warum verschüttet man das Kind mit dem Bade? — Warum benützt man nicht die Gelegenheit, da die Sache auf's Tapet gebracht wird, um dieselbe zur Gänze auszutragen?— Oder, glaubt man, dass die Angelegenheit nicht reif genug sei? — Wie ich schon bemerkt habe, fühle ich mich nicht berufen, die Singer'sche Brochüre zu vertreten. Aber es ist darin die Rede davon, das sogenannte Chasonus Ln ein System zu bringen, und ohne mich um die Provenienz der Idee zu kümmern, kann ich es nur bedauern, ja ich wundere mich darüber, dass diese Idee von den berufenen Herren Cantoren nicht aufgegriffen wurde, u.n die praktischen Consequenzen daraus zu zichen. Ihr sagt, nicht Singer sei derjenige, welcher diese Idee zuerst gefasst habe; mich kümmert dies nicht; mir genügt, dass die Idee da ist. Ihr behauptet, drei Tonleitern reichen nicht hin, um sämmtliche traditionellen Synagogengesänge in ihren Rahmen zu bringen; gut, so bestimmet sechs, zehn, fünfzehn, zwanzig; aber schaffet nur ein System, welches den Jüngeren Eueres Standes als Basis dienen kann, denn so wie es bisher ging, kann es kaum lange weiter gehen. Der Beruf eines Cantors ist heutzutage der einzige Beruf, den man nicht systematisch erlernen kann, sondern der sich durch Tradition vererbt; dies ist aber im Zeitalter des Dampfes und der Elektrizität ein Anachronismus. Wenn ein junger Mann, der eine schöne Sttmme, sowie genügendes hebräisches und musikalisches Wissen hat, zu Deutsch, Goldstein oder Friedmann kommt und dieselben ersucht, ihn zum Cantor auszubilden, müssen diese Herren sich nicht darüber schämen, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, ׳als ihm die einzelnen Melodien wie einem Staarmatz vorzuwerkeln? — Warum also nicht die Idee, welche in der Singer'schen Brochüre -angedeutet ist, mit Freuden ergreifen? Was aber Herrn Ober-Cantor Singer betrifft, ist mir aus seiner Brochüre nicht ganz klar geworden, wie wett derselbe gesinnt;st, die Consequenzen aus seinen Tonleitern, seien es drei oder mehrere, zu ziehen. Meines Erachtens nach müssten die Tempelgesänge Ln -zwei Theile gesondert werden; der eine Theil müsste auf streng traditioneller Grundlage, also auf der Basis der synagogalen Ton- (eitern beruhen, welche freilich von einem competentem Forum zuerst endgültig festgestellt werden müssten, während der' andere Theil ganz-- lich der modernen Kunst als Domäne überlasten werden müsste. Die Harmonisirung aber-auch der traditionellen Gesänge wüsste von den traditionellen. Tonleitern in jedem Falle unabhängig bleiben, d. h. in der Harmonie dürften auch nicht leitereigene Tone Platz finden. In jedem Falle hätte'Ober-Cantor Singer mehr Aussicht, mit seinen Ideen zu reussiren, wenn er zuerst ein Werk veröffentlichte, welches die Gesänge des ganzen Jahres, eomponirt nach seinen Isttentionen, enthielte, und wenn der Gottesdienst im Tempel der inneren Stadt als Muster dieser Ideen eingerichtet würde. Methodik -er Gesangskunst. XIX. Die Stichhältigkeit unserer bisherigen Behauptungen können wir am einfachsten durch die Beantwortung der früher aufgeworfenen Frage beweisen, welche Mittel den Schüler zur Anwendung der richtigen Muskelthätigkeit beim Singen führen? Wie der Schüler zur Anwendung der Muskelkraft bei der Ton-Erzengung angeteitet werden soll; wodurch er nothwendig zu derselben kommen muß? Auch nach der Beantwortung dieser Hauptsache beim Singen haben wir wiederum in den verschiedenartigsten Gesangschulen (Bernacchi von Bologna, Garcia und wie sie alle heißen mögen, diese Repräsentanten des italienischen Empirismus) vergebens gesucht, und doch liegt die Antwort ganz nahe, wenn wir nur die Mmiputation am ausgeschnittenen Kehlkopf zu Rathe ziehen wollen. Wir haben dort die ganze Reihe der Töne (Brust- und Falsettöne) hervorgebracht durch das verschieden in die Wagschale eingelegte Gewicht, und zwar reichte theils ein ganz schwaches Einblasen überall hin, theils waren alle Theile um und über dem Kehlkopf ganz weggeschnitten; wandten wir ein stärkeres Einblaseu an, so wurde bei Beibehaltung desselben Gewichts der Ton höher, der Ton blieb aber auch bei stärkerem Blasen ganz derselbe, wenn das Gewicht zugleich ein wenig verringert d. h. die Spannung der Stimmbänder etwas nachgelassen wurde. Bei schwächerem Blasen war also die Spannung der Stimmbänder oder die Muskelkraft für jeden Ton größer, und beim schwächsten Blasen, bei Anwendung eines Minimums von Athem ist somit die Muskelkraft für jeden Ton die größte, indem dabei die Athemkrast. sich in keiner Weise an die Stelle der Masketkcast setzt. Der Athem aber und'die beliebige Veränderung desselben (mehr oder weniger) ist jedem Menschen durch das Flankenathmen von Natur schon so leicht in die Gewalt gegeben, daß eine weitere Stärkung der Athemkrast nur auf sieißige Uebung und Anwendung jener von Natur schon gegebenen Fähigkeit beruht; die Muskelkraft im K.'htköpf dagegen ist nicht ebenso unmittelbar in unsere Gewalt gegeben: vielmehr müssen wir, um diese Muskelkraft erst gebrauchen zu lernen, offenbar vom Athem ausgehen. Die Athemkrast steht bei der Ton- Erzeugung zur Muskelkraft in umgekehrtem Verhältnis, wie wir dies schon oft genug nachgewiesen haben: Nehmen wir z. B. den Ton § und wenden bei ihm große Athemkrast an (indem wir ein großes Quantum von Athem herausziehen, nicht stoßen), so muß, wenn dieses g nicht ein anderer höherer Ton werden soll, die Muskelkraft Nachlassen; wenden wir aber nur einen ganz schwachen Athem, ein Minimum von Luft an, so muß, wenn dieses g nicht ein tieferer Ton werden soll, die Muskelkraft eine viel größere sein. Für jeden Ton ist also daun die Muskelkraft die größte, die Muskelthätigkeit die energischeste, wen» der Athe,n der schwächste ist. Und dies ist Alles, was wir brauchen; denn auf die Frage: wie muß der Schüler zur Anwendung der Muskelkraft für alle seine Töne kommen? haben -wir nun die ganz bestimmte, chatsächlich bewiesene Antwort: durch