Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 8 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — lief} in ein System gebracht..habe, und ladet seine Fachgenossen ein, das Nöthige zu veranlassen, damit auf der gefundenen Basis weiter gebaut werden könne. Der Erste, der sich Herrn Singer entgegenstellt, ist Herr Cantor. Deutsch aus Breslau. Ein gewandter Gegner, ausgestattet mit dem ganzen Rüstzeug der wissenschaftlichen Musiklitteratur, sowie eines vielbewährten Fachwissens tritt er auf den Kampfplatz. Seine Art ist es nicht, durch Keulenschlägc den Gegner zu betäuben; nein, seine Waffe ist der leichte, zierliche Salondegen, und in der Handhabung dieser Waffe ist Deutsch ein Meister. Unter allen Umständen höflich, vergisst er nie, vor jedem Gange dem Gegner ein Compliment zu machen, sodann aber tritt seine Waffe in Action, und man muß gestehen, seine׳ Finten und Paraden sind bewundernswerth. In der Polemik, welche Herr Deutsch mit Herrn Singer aus Anlass der erwähnten Brochüre eröffnet, treten die gedachten Eigenschaften in's hellste Licht. Er lässt vor Allem den Intentionen Singers vollste Gerechtigkeit widerfahren, hat aber schon die Blößen des Gegners erspäht und versteht dieselben meisterlich zu benützen. Auch versucht er den Gegner auf ein Gebiet zu drängen, auf welches zu gelangen derselbe weder Ursache noch Absicht hat; mit einem Worte, es ist eine Freude, Herrn Deutsch in der Polemik zu beobachten. Herr Ober-Cantor Singer hatte in seiner Brochüre Einiges über die alten Kirchentonarten angeführt; obwohl nun dies mit dem Hauptgegenstande sehr oberflächlich im Zusammenhänge steht, ergreift Deutsch sofort die Gelegenheit, um den Autor einiger angeblicher Unrichtigkeiten zu zeihen, darauf behauptet er, dass sich dieses und jenes Gesangsstück gar nicht in die von Herrn Singer festgestellten Tonleitern einreihen lasse, dass also noch eine Reihe von Tonleitern nöthig sei und schließt mit Emphase: ״Für den Standpunkt unserer jetzigen Kunstbildung, bei der musikalischen Athmosphäre, in der wir leben, wäre es eine arge Verirrung, unter die Leitung des alten Systems zurückzukehren, das von unseren Theoretikern als eine Vorarbeit bezeichnet wird" u. s. w. — Also eine Ablehnung der Singerschen Ideen in optima forma, wenn auch in conciliantem Tone. In derselben Nummer begegnet man aber auch einer Expektoration des Herrn Josef G o l d st e i n , Ober-Cantor am Leopoldstädter Tempel in Wien. Herr Goldstein vertritt in dieser Angelegenheit die in neuerer Zeit modern gewordene ״schärfere Tonart." Er ist offenbar kein besonderer Freund des kleinen Calibers und schleudert Bomben von solcher Massigkeit auf den Gegner, als gälte cs nochmals die Mauern Jerichos zu erstürmen. Herr Goldstein leugnet Alles, sowohl Vergangenheit als Zukunft. ״Unsere Erinnerungen", — meint er — ״also das, was Ober-Cantor Singer Tration nennt, reichen nicht weiter zurück, als bis zu — Dowidl B r o d. Also, zuerst kam nichts, dann kam Dowidl Brod und Kaschtan; von diesen Beiden überging das Chasonus auf — mich; was aber nach mir kommen wird, das weiß der Himmel; die Aussichten sind leider sehr trübe, dies beweisen die der Singerschen Brochüre bcigegebenen Recitative in nur zu ausreichendem Maße. Herr Goldstein lässt überhaupt an dem Verfasser der Brochüre kein gutes Haar. Die drei ״Steiger" des Herrn Singer sind total unbrauchbar, dagegen gibt es andere, von denen derselbe nicht das Geringste weiß. Insbesondere zeigen die. Notenbeispiele der Brochüre die krasseste Jgyoranz des Verfassers; sein jsi8chtadach ist gar kein Jischtabach, ebenso wenig sein Adonoj moloch ein Adonoj moloch. ״Dies ist nicht zu kritisiren, ich kann nur mein Befremden ausdrücken, dass man so etwas als Beispiel in die Oeffentlichkeit bringt." Herr Goldstein schließt seinen Angriff auf die Singer'sche Brochüre mit einem wohlberechneten Panegyricus auf —^Sulzer, dien er als unseren ״geistlichen. Mendelssohn" .bezeichnet und empfiehlt: als mustere giltig dessen »Schn־ Zionc. Nun betritt Herr Prof. Friedmann, Ober-Cantor irr Pest, die Arena Wenn ich aufrichtig sein will, so muß ich gestehen, dass der -Aufsatz Friedmanns auf mich den relativ günstigsten Eindruck machte. Herr Friedman» ist vor Allem bestrebt, die Lacher auf seine Seite zu bringen und zu diesem Zwecke müssen Witze, Anekdoten und dgl. herhalteu, wenn sie auch manchmal passen, wie die Faust aufs Auge. Wissenschaftlich ist diese Art der Behandlung eines ernsten Gegenstandes allerdings nicht, aber sie ist mir noch lieber als die entgegengesetzte Manier, nämlich die Anführung einer Unzahl griechischer und lateinischer terminologischer Ausdrücke und die Aufstellung ganzer Colonien von Tonbezeichnungen. Die Polemik gewinnt im zweiten Falle ebensoviel an Langweiligkeit als sie an Klarheit einbüßt, während Herr Friedmann zumindest amüsant ist. Börne sagt in einer polemischen Schrift gegen ein judenfeindliches Buch, welches in den oben bezeichneten hyperwissenschaftlichen Ton verfallen war: ״Die Leser des Buches müssen die Juden schon lieben wegen der Langweiligkeit derer Feinde." — Herr Friedmann hütete sich wohlweislich in den terminologischen Irrgarten einzudringen; er spöttelt nicht ganz mit Unrecht über das viele Untersuchen des Ursprunges der synagogalen Tonleiter und meint, ob ״jonisch" oder ״phrygisch", ob ״äolisch" oder ״mixolidisch," dies sei ihm — um mit Bismarck zu sprechen — vollkommen ״Wurscht"; wenn der Cantor in seinem Vortrage nur dem Geschmacke seines Auditoriums entspricht, so habe er seine Ausgabe erfüllt. ״Grau ist alle Theorie" u. f. w. Mit köstlicher Naivetät sagt Herr Friedmann am Schluffe seiner Ausführungen: ״EineStimme allein, ob singend oder spielend, darf machen, was sie will." — Mit diese« Ausspruche hat Herr Friedmann schon eine ganz erhebliche Anzahl seiner Amtgenossen auf seiner Seite. Wie soll man auch einer Autorität von dem Ansehen Prof. Friedmanns nicht zur Seite stehen, wenn diese Autorität das pouvoir gibt, zu ״machen, was man will." Was den Kern der Angelegenheit betrifft, bestreitet Herr Friedmann die Ausführungen des Herrn Singer auf das Energischeste; er lässt die Priorität desselben in Bezug auf die Systemisirung des synagogalen Gesanges durchaus nicht gelten und auch die Singer'schen ״Steiger" bezeichnet er als unrichtig. Herr Friedmann machte aber zum Schluffe dem Verfasser ein Compliment, indem er constatirt: ״Der strebsame Autor hat jedenfalls das Verdienst, den Gegenstand in Fluss gebracht zu haben." Nun aber erscheint Herr Ed. Birnbaum, Ober-Cantor in Königsberg, auf dem Plan. Als ich die Abhandlung desselben oberflächlich ansah, dachte ich, hier müsse ein Jrrthum obwalten; das Ganze sah sich an wie ein algebraischer Aufsatz; ganze Colonnen lateinischer Buchstaben standen wohlgeordnet vor meinen Augen und machten den Eindruck mathematischer Formeln. Natürlich sah ich meinen Jrrthum sofort ein. Die lateinischen Buchstaben stellten abernials nur Töne vor, und der ganze Aufsatz stand zu irgend einer exacten Wissenschaft nicht im Geringsten in einer Beziehung. Herr Birnbaum hatte sich einfach errinnert, dass er in der Stadt Jmmanuel Kant's lebe und fühlte sich demzufolge veranlasst ebenfalls als Königsberger Philosoph aufzutreten. Eine Geistesverwandtschaft mit dem unsterblichen Denker, welcher vor mchr als hundert Jahren die Welt mit der ״Kritik der reinen Vernunft" beschenkt hat, ist allerdings nicht zu entdecken. Herr Birnbaum ist auch bestrebt, als echter und rechter Philosoph so unverständlich als möglich zu sein, und es gelingt ihm dies in glänzender Weise; ich konnte aus dem ganzen Aufsatze nur so viel entnehmen, dass man Chasonus am besten erlernen könne in — einem Seminar für katholische Geistliche. Selb st