Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 8 (1.3.1888)
- Date
- 1888-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Laufbahn (in Teschcn und Bielitz) innegehabte Obercantorstelle glänzend auszufüllen, so zog es ihn dennoH als die Wiener israelitische Cultusgemeinde ihn vor 46 Jahrey. berief, neben Meister Sufzer als Cantor zu fungiren, mächtig nach Wien : und er nahm keinen Anstand, die bereits innehabende, wie auch die von den bedeutendsten deutschen und amerikanischen Gemeinden angebotenen Oberkantorstellen auszuschlagen, um hier in Wien seines heiligen, aber schweren Amtes zu walten. So ward Adolf Fischer ein zweiter Cantor. — Mit so vielen Fähigkeiten ״nur" ein zweiter Cantor, hören wir fragen? Allerdings t Mer Adolf Fischer ereilte den zweiten Cantor, weil es vor ihm im Jüdenthum keinen zweiten Cantor seiner Bedeutung nach gab, wohl auch niemals geben wird. Seine liebenswürdige, äußerst sympathische, jedes falschen Pathos bare und dennoch künstlerischdeutliche Vortragsweise selbst des unscheinbarsten Wochentagsgebetes ist in Cantorenkreisen unter der Bezeichnung ״Fischerische Weise" rühmlichst bekannt, und sein Vorlescn aus der Thora hat einen Weltruf errungen, wird auch wohl mit ihm für immer untergegangen sein; sein Hintreten zum Betpulle war heilig und übte auch auf den Zuschauer eine durch Worte nicht wiederzugebende W:rkung. Stand er am Betpulte und flössen die ersten Worte aus seinem Munde, so erschien er abgeschieden von allem Irdischen, ganz seinem Gotte, zu dem er betete, zugewendet, und noch lange, nachdem die letzten Ge- Letworte verklungen waren, zeigte fein ernster, würdevoller Gesichtsausdruck die Spuren seiner Gefühlsinnigkeit und der tiefen Ergrifsenheit. So waltete er Früh und Abends, im Winter und Sommer, im Hochzeitswie im Leichenhause unverdrossen und unentwegt seines Amtes, ohne jemals Unlust zu bekunden oder sich wegen der großen Anstrengungen zu beklagen, und kehrten die hohen Feiertage wieder, so Vollbrachte Adolf Fischer nicht blos die ihm obliegende schwere Arbeit, sondern blieb, unbekümmert ob der eigenen Erschöpfung, un- Unterbrochen neben dem ersten Cantor am Betpulte, um tüchtig im Chore' milzusingen oder andere im Momente sich ergebende Leistungen zu übernehmen. Wie blickte sein Auge freundlich und dankbar gen Himmel wenn er am Jom kippur Abends zum Mairiw hintrat, um noch mit klingender Stimme die letzten Gebete zu sprechen. Wie er als Cantor sich allgemeine Beliebtheit und rückhaltslose Anerkennung zu verschaffen wusste, so gelang es ihm auch als Mensch hochgeschätzt nud geachtet zu werden, und wenn je, so kann es von ihm wohl behauptet werden, dass er keine Feinde hatte. Seine rühmliche Thätigkeit für den österreichisch-ungarischen Cäntorenverein ist zu Genüge bekannt, wird auch noch an anderer Stelle betont werden. So lebte und wirkte Adolf Fischer 46 Jahre in der Israelitischen Cultusgemeinde in Wien, hochgeachtet und geehrt von seinen Vorstehern, von Notabilitäten und Gemeindemitgliedern, umgeben von einer trefflichen Gattin, von trefflichen Kindern, Schwiegersöhnen, Töchtern und Enkeln und freute sich am Abende seines Lebens der Erfolge, die seine Nachkommen errungen, bis eine tückische Krankheit ihn vor Jahresfrist auf das Lager warf, dem er leider nicht mehr entrinnen sollte. Freundlich wie im Leben, war auch sein Benehmen während der langen Krankheilsperiode. Für jeden der zahlreichen Besucher hatte er selbst dann, als die Schatten sich zu senken be- Zannen, ein liebenswürdiges Wort, einen dankbaren Blick. Seine letzten Lebensmonate, Wochen und Stunden waren verschönt von ber zärtlichsten Liebe seiner Kinder und Enkel, und die überaus rühmenswerthe, geradezu heroisch hingehende Pflege seiner trefflichen Gattin hat sicherlich manche Woche, ja manchen Monat dem unbarmherzigen Tod abgerungen, der sonst schon früher eingetreten wäre. Am Samstag פרשת" תצוה, da wo die Purim-Freude in die jüdischen Häuser einzukehren begann, fing es an, Nicht zu werden im Leben des Kranken; auf eine an ihn gerichtete Frage, wie es ihm; gehe״ gab er auch die erschütternde Antwort: ״Lieber Freund! es wird finster".'*Und W wäriDwirklich auch zusehends finsterer; ein rasch eintrefeitber Kräfteverfall raubte ihm zuerst die Sprache, später die Sinne, bis er um 11 Uhr in der Nacht vom 26. bis 27. Februar friedlich und sanft, wie er im Leben gewesen, auch huri^c ging in jenes Land, von wo es keine Rückkehr gibt. Er ivar ein edler Mensch, ein musterhafter Gatte, ein aufopfernder Vater nicht blos seinen Kindern, sondern allen Verlasseneu. Deshalb durchzitterte die traurige Kunde alle Herzen wie ein Angstruf um Mitternacht, deshalb war die Theilnahm: eine allgemeine und wahrhafte, als es hieß, Adolf Fischer weile nicht mehr unter den Lebenden. S. Noch Einiges über den traditionellen syuagagalen Gesang mit Beziehung auf die Singe rasche Brochüre, von H e i n r i ch Hirschl. Durch. Zufall gelangte vor nicht langer Zeit der Jahrgang 1886 der ״Cantoren-Zeitung" in meine Hände; ich blätterte darin und fand gar Manches, was mich interessirte, auch Manches, was mich kalt ließ. Im Ganzen aber konnte ich mit Götye sagen: ״Nichts zu suchen war mein Sinn." — Bald aber wurde meine Aufmerksamkeit mächtig gefesselt; eine Polemik war's, die mir in die .Augen fiel, eine Polemik, welche mich sowohl durch die Persönlich-, ' fetten interessirte, welche sie führten, als auch durch den Gegenstand, um den es sich handelte. Einige Eantoren standen nämlich in Hellem Kampfe wider Herrn Ober-Cantor Josef Singer in Wien. Das Außerordentliche dieses Ereignißes in dem so friedlichen Stande musste meine Aufmerksamkeit erregen und bald wurde auch meine Theilnahme wachgerufen, als. ich sah, wie Herr Ober-Cantor Singer, von allen Seiten vehement angegriffen, nicht einen Augenblick den Muth verlor und jeden Hieb mit Gewandtheit ritterlich parirte. Dennoch aber fiößte mir die Uebermacht, gegen die er kämpfte, nach und nach Besorgniße ein und ich schaute mich besorgt um, ob ihm nicht bald Beistand komme, ob nicht auch für ihn ein Kämpe auftreten werde, welcher die beiderseitigen Streitkräfte doch einigermaßen ausglcichen werde. Was aber war geschehen? Was die Ursache dieses Kampfes, wodurch so viel unschuldige Tinte vergossen ward? Wodurch sind diese sonst so friedlichen und friedliebenden Herren plötzlich gegen einander so in Harnisch gerathen? Ein kleines unscheinbares Büchelchen, kaum 27 Seiten stark, bildete die Veranlassung dieser grausamen Fehde; eine Brochüre, ,herausgegeben von Herrn Ober-Cantor Singer, war gleichsam der Erisapfel, durch den all der Hader entfacht wurde. In gedachter Brochüre weist der Autor vorerst die Verwandtschaft des jüdischen synagogalen Gesanges mit den alten Kirchentonarten nach, vindicirt aber dem erstereu ein weit höheres Alter als diesen. Sodann aber führt er aus, dass sämmtliche alt-synagogale Gesänge auf drei eigenthümlichen Tonleitern beruhen, welche er auch dort anführt und ״Steiger" ncuut. Auch schreibt sich Herr Ober- Cantor das Verdienst zu, der Erste zu sein, welcher mit der Constatiruug dieser Grundtonleircrn den jüdischen Synagogengesang eigeut- יי יי*.1 M׳1■»»« n« וי... ■».. UH1