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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-02-14 · Heft 6 (14.2.1888) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 6 (14.2.1888)
Date
1888-02-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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kam! wieder anders nüancirt werden sollen, z. B. der erste Ton forte, der zweite piano, der dritte forte, der vierte piano rc. Trotz aller dieser Nüancirungen und Variationen darf aber doch keine wirkliche Verschiedenheit der Töne eintreten, die Einheit darf doch nicht verloren gehen, 8. h. es dürfen keine Lücken, keine Stöße durch den Athem gejchehen, sondern der Athem muß immerwährend fortströmen, ohne auch nur die kleinste Unterbrechung, nicht zackenweise, sondern in stetigem Fortstuss, ein Ton überstießend in den anderen, auch nicht mit zu plötzlichem Ausstuss, sondern immer in schönem Ebenmaß, in gerader Linie fort. Wenn der Sänger von einem piano angegebenen Ton zu einem stärkeren rc übergehen soll, so müssen alle diese Uebergänge so geschehen, dass kein dazwischenliegender Stärkegrad übergangen wird, wodurch ein Ruck, ein Mißverständnis entstände, sondern alle Stärkegrade müssen durchlaufen werden von dem piano, wovon man ausging, bis zu dem Grade des forte, welchen man haben will, in stetlg fortlaufendem, ununterbrochenem geradem Ausstuss. Bei Natursängern freilich siud solche Lücken und Stöße an der Tagesordnung, aber ein gebildeter Sänger ist sogleich am zarten Verschmelzen der Uebergänge, an der schönen Vermittelung der verschiedenen Stärkegrade erkennbar: er wird weder so piano singen, dass er nicht aus diesem heraus wieder gleichmäßig zum forte auffteigen, noch so forte, dass er nicht von diesem zurück wieder zum piano ebenmäßig abfteigen könnte. In dieser Weise zeigt sich ein gebildeter Sänger schon beim An- und Abschwellen eines einzelnen Tones, und noch mehr bei einer kleinen Reihe zusammenhängender Töne, besonders aber, wenn er seine ganze Scala (er mag nun zwei oder gar drei Octaven im Umfang haben) an- und abschwellend in Einem Athem und ohne Lücken zu singen gelernt hat. Wir haben oben. gesehen, dass ein Sänger seine ganze Scala ׳ mit gleicher Athemstärke in Einem Athem produciren kann: eben Schwelle geschritten, denn seht, die kunstgerechte Verzierung des Griffes meiner Instrumente. hat noch nicht den kühnen Schwung, ,von dem ich träumte. Sie haben alle wohl eine gesunde Brust und eine Helle Stimme, aber die Bekrönung, die eigentliche Schönheit fehlt, meine ich! Seit meine Augen sich nicht mehr an der jungen Schönheit meines Weibes laben dürfen, ist mir, als seien mir die Künstlerflügel abgeschnitten, ich muß am Boden kriechen." In diesem Augenblick trat die alte Magd herein und maß mit erstaunten Augen die hohe Gestalt des Fremden. ״Brigitta, rasch sorgt für einen kräftigen Imbiß und richtet die Kammer her — wir haben einen lieben Gast! ״Den Heiligen sei Dank!" antwortete sie, und über ihr dunkles, faltiges Gesicht glitt der Schein eines Lächelns. ״Es soll mir keine Arbeit zu viel sein für ihn! Aber zuerst muß ich unser Kind versorgen! Sie neigte sich über die Wiege. ״Es schläft! — O Herr, Ihr könnt um den ganzen See wandern und noch weit ins Land hinein und in jedes Haus treten, Ihr findet solch' ein Kind nicht mehr! Es macht keinem Menschen Last!" Mit starken Armen umfasste sie die Wiege und trug sie hinaus. Im Vorübergehen streifte der Blick des Gastes das schlasende Kind. Er erschrack fast über das wie aus Wachs geformte Kindergesicht, das ihm so unendlich zart erschien und so seltsam traurig. — Ach, es war ja in der That eine arme verwehte Blüthe — ein mutterloses Mägdelein. — Lange saßen an jenem Tage die beiden Männer nach der Abendmahlzeit im Mondschein noch an dem Fenster der Werkstatt, in tiefen Gesprächen über die Kunst und die Herrlichkeit des Landes Italien,-und es war beiden als hätten sie sich feit Jahren gekannt. Und staunend und bebend vor Begeisterung betrachtete Gasparo die gefassten Steine, die Zeichnungen und Münzen, die der Gast in einem Kästchen bei sich führte und vor ihm ausbreitete. dies ist aber auch mit Anwendung des An- und Abschwellens mög» lich. Um die ganze Scala in Einem Athem und zwar alle Tone gleich singen zu können^ bedurfte es erst nur einer gleichen Vertheilung der zur ganzen Scala nöthigen Luftwaffe auf jeden einzelnen Ton, so dass jedes Glied der ganzen Reihe gleich viel von der ganzen Masse erhielt; anders ist es beim An- und Abschwelle» r die zur ganzen Scala nöthige Athemmasse bleibt natürlich dieselbe, aber sie wird nun nach Belieben anders vertheilt, der eine Ton (der schwache) bekömmt weniger von dem ganzen vorhandene» Quantum, als der andere (mittelstarke oder starke). Dass bei dieser ganz willkürlichen, beliebigen Art der Vertheilung der Athemmasse über die ganze Scala die größte Thätigkeit der Lunge in Anspruch genommen wird und die größte Herrschaft über die Athemwerkzeuge nöthig ist, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. Man versuche nur einmal seinen ganzen Umfang in Einem Athem, nur aufsteigend, an- und abschwelleud zu produciren, so wird die Größe und Bedeutung dieser Aufgabe bald einleuchten; vollends die ganze Scala mit Zuziehung auch der Falsettöne auf- und absteigend, an und abschwellend in Einem Athem; endlich mit jenen beliebigen Variationen, wie wir es bei einer Octave gezeigt haben. Und doch ist auch dies durchaus nicht unmöglich, aber nur Uebung macht den Meister, und die nothwendige Grundlage dieses beliebigen An- und Abschwellens der Scala bildet immerhin die Fähigkeit, die ganze Scala zuerst gleich piano, dann gleich mezzo-forte, und endlich gleich forte singen zu können. Erst nachdem man diese drei Stärkegrade über die ganze Scala gleich ausbreiten gelernt hat, so dass nun auch jeder Ton, er mag liegen wo er will, piano, mezzaforte und forte erscheinen kann : erst dann ist an das An- und Abschwellen, d. h. an das Verschmelzen und Vermitteln der verschiedenen Stärkegrade in allen Lagen zu denken; erst dann kann das An- und Abschwellen in einheitlichem Zusammenhänge vor sich gehen, und die Einheit, welche der Mannigfaltigkeit der verschiede- Nichts Schöneres war zu denken als jene Ziraten und Gestalten, mit denen die Steine umgeben waren und nichts Vollendeteres als die Münzen, die seine Künstlerhand gefertigt. Eine schlichte Mappe barg einen wahren Schatz verschiedenartiger Verzierungen, Arabesken und Figuren aller Art, und die lebensvollsten Köpfe in verschiedensten Stellungen. ״Ihr müsst schon längst ein berühmter Mann sein", sagte einmal Gasparo, seinem Gaste voll ins Gesicht schauend, und doch mit einer gewissen Scheu, ״und ich fragte noch nicht einmal nach Eurem Namen!" ״Damit hat's doch noch Zeit bis zum Abschied," lachte der Benvenuto, ״ich möchte vor allen Dingen in diesen Tagen vor Euren Augen etwas arbeiten, sonst glaubt Ihr am Ende, ich schmücke mich mit fremden Federn — oder ich habe alles, was ich Euch da zeigte, irgend einem gestohlen!" ״Ja — ich bin's zufrieden. Versuches doch auch einmal mit einer Geigenschnecke! Wenn Ihr die so zuwege bringt, wie ich sie gern haben möchte, nun dann seid Ihr der größten Künstler einer, und der Benvenuto Cellini, von dem sie so viel Geschrei machen, wie mir einmal Jemand erzählt hat, könnte Euch um Eure Kunst beneiden!" Als spät in der Nacht die alte Brigitta den Gast in seine Kammer geleitete, das Qellämpchen vor ihm auf den Tisch setzte, und ihm: feütissima notti gewünscht hatte — zögerte sie noch einen Moment, zu gehen, trat dann plötzlich an ihn heran, legte, die braune knöcherne Hand auf seinen Arm und flüsterte: ״Nehmt ihn mit nach Florenz und Rom, den Gasparo — die Tobte will es. Sie hätte ihn ja auch weggeschickt! Ach, sie starb so schwer, die Arme, weil er noch nicht auf dem Wege war und weil sie wusste, dass er nicht von dem Kinde gehen würde, das sie ihm geboren!" (Schluss folgt.)

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