Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-01-29 · Heft 4 (29.1.1888) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 4 (29.1.1888)
Date
1888-01-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453134--2392-3456635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

s — f I stand des Himmels für seine Armee», die er nun gegen die Italiener in's Feld führen wird, zu erflehen. Als er dann nach Sonnenaufgang die Kirche selbst betrat, so soll er daselbst von den Häuptlingen der jüdischen Stämme begrüßt worden sein. Zur Erklärung dieser dunklen Stelle diene Folgendes: Der Cultus der Äbessynier besteht aus einem Gemengsel von christlichen und jüdischen..Gebräuche» und Cercmonien. In der Kirche zu Aksum, als der allcrheiligsten des Landes, fungirt sogar noch ein Hoherprikster, dem zwölf Aelteste der Gemeinde als Assistenten oder Begleiter beigegeben sind. Diese zwölf Acllcsikn führen die Namen der zwölf Söhne Jacobs; Rcuben, Simon, Levi rc. und sind dies die zwölf ״Häuptlinge der jüdischen Stämme", von denen in der Depesche die Rede ist. Diese haben dann selbstverständlich mit Zustimmung des Hohenpriesters dem Könige die Schätze zu Kriegszwecken übergeben. Was dann die blutigen Opfer anbelangt, so bestanden dieselben aus Schafen, Kälbern oder Stieren,/ so wie der abessynische Ritus es vorschreibt. Die Abessynier bringen nämlich immer, bevor sie in'-den Krieg ziehen, Gott ein Opfer dar, und berufen sich dabei auf dep. König Saul (Samuel I. C. 13, V. 9), der ein ähnliches thqt. Die zur Opferung bestimmten Thiere werden von dem Hohenpriester geschlachtet und dann ganz nach dem dafür in der Bibel vorgeschriebenen Ceremoniel auf. dem Altäre verbrannt. Dieses geschiebt aber Alles von abessynischen Priestern und haben die armen Falüschäs (Juden), die in Abeffynien leben, gar nichts mit dieser Opferung zu thun. Ueber- Haupt duldet der fanatische Negus nicht einmal einen solchen Falascha in seiner Nähe, geschweige, dass er durch ihn eine religiöse Ceremonie . vornehmen lassen würde. Kleine Chronik. Wie«. Die ״Wiener pädagogische Gesellschast" veranstaltete, wie alljährlich, Samstag, den 21. Jänner, 8 Uhr Abends, im großen Saale des städtischen Pädagogiums eine Pestalozzi-Feier, bei welcher der Director des israelitischen Blindeninstitutes auf der hohen Warte, Herr S. Heller, die Festrede hielt. — Ungefähr zur selben Zeit hielt auf/Einladung des Vereines der jüdischen Religionslehrer ״Palme" der'׳ Religions-Schulinspector, Herr Prof. Dr. Gerson Wolf, im Sitzungssäale der israel. Cultusgemeinde einen Vortrag, über ״das poetische und philosophische Moment in den Erzählungen/des Pentawuchs". Ter bewährte Schulmann erntete hprch seine trefflichen Ausführungen vielen Beifall bei den zahlreiches AMä^ern und zeigte besonders, welche ideale Gesichtspunkte sich diesem. tM5§Muten Thema abgewinnen lassen. " Wie«. Wie eine in Genua erscheinende ZMllM herichiet, hat die Königin Victoria von Mgland, welche demnäM' M Besuche ihres kranken Schwiegersohnes, des deutschen KronMMM in San Remo eintrifft, die Villa der Frau Adele Löwensteiu^HM. Westen Tochter des vor einigen Jahren hier verstorbenen Barmt Popper, gemiethet. Frau Löwenstein hat vor mehreren Jahren diese Villa in San Remo erbauen lassen. Herrlich ist die Villa am Meere gelegen, und ein riesiger Park, in welchem seltene Gewächse mit großer Ueppigseit gedeihen, umgibt das wunderschöne Bauwerk. Die innere Mnrichtung ist von vornehmer Eleganz und die Königin Victoria wird in dieser Villa die größte Bequemlichkeit finden, welche sie beanfpruchen kann. Frau Adele Löwenstem weilt jetzt in San Nemo, um die nothwendigen Vorbereitungen für Len Empfang ihrer königlichen Mierhpartei zu treffen. Den Antisemiten wird es keinen kleinen Schmerz bereiten, dass die Königin von England in einem jüdischen Hause Wohnung Zchnmt. AemSerg. Wie' dem ״Lemkerger Israelit" .von glaubwürdiger Seite mitgetheilt wird, hat die hiesige Tempelveiwaltung die Bersügung getroffen, dass Denjenigen, die noch altmodische Sabbatmützen tragen, der Äntritt in denTempel nicht gestattet werde. Wirkönnen diese Maßregel nicht genug hart tadeln. An der Tracht Anstoß zu nehmen, Tempelbefuchet nach dem Schnitt der Kleider oder nach der Form der Mütze zu gualistciren, ist gegen jede jüdische Sitte, gegen jeden jüdischen'Gebrauch, und. muß es uns sehr wundern, dass die Männer der jetzigen Tempelverwaktung, die mit. so lobenswerthem - Eiser sür die Hebung und Verschönerung des Tempelgottesdienstes' - ihätig sind, sich zu einem so intoleranten, der Würde eines jüdischen Gotteshauses geradezu abträglichen Schritte herbeigelassen haben. Der- Tempel ist ein Haus Gottes, und dessen Hallen sollen, so weit es> der Raum gestattet, für Jedermann, sogar für Nichtjuden,. geschweige für Juden in Sabbatmützen, offen sein. Wenn jüdische. Tempelverwalter gegen Juden solche Intoleranz üben, wie hat man daun den Muth, sich über Intoleranz von Seiten Andersgläubiger zu beklagen? Wärkisch-Kriedkand. In Märkisch-Friedland, wurde am - 14. d. M. Simon Baß, der letzte jüdische Einwohner der genannten Stadt, in seiner Wohnung todt anfgesundeu. Mit ihn! ist. die dortige jüdische Gemeinde ansgestorben. Die Synagoge, die.allerdings׳' nicht mehr zu Gottesdiensten benützt wird,׳ und der jüdische Friedhof, ... aus dem immer noch begraben ward, erinnern noch an . die vergangenen Zeiten der früher dort zahlreich ansässigen jüdischen Geschlechter, nach welchen, der Ort im Volksmunde ״Judensried" ge- - nannt wurde. ' Werkin- Der ״Börsen-Courier" bringt eine höchst sensationelle Nachricht, die, falls sie sich bestätigen sollte, nicht nur in jü- ׳ dischen, sondern auch in christlich liberalen Kreisen lebhafte ׳-Genug-׳' thuuug Hervorrufen wird. Der famose Hosprediger Stöcker soll. nämlich als Präsident der Berliner ״Stadtmiffion" abgesetzt und -- die erledigte Stelle an seinen heftigen Gegner, den bekannten Pre- - diger Professor Paulus Kassel, vergeben weiden. Paulus Kassel ist . ein getaufter Jude und Bruder des jüdischen Gelehrten David Kas- ' sel. Er ist höchst human und ein Feind antisemitischer Bewegung, . welche er stets bekämpfte. Der Sturz Stöckers wäre von außerge- . wohnlicher Bedeutung für den weiteren Verlauf des Antisimitismus in Deutschland und würde der ganzen judenfeindlichen Strömung, den letzten Todesstoß versetzen. Algier. Unter den Juden in Algier hat sich seit Jahrhunderten eine eigenthümliche Sage über die wunderbare Weise erhalten, auf welche die ersten Israeliten nach Algier gekommen sein..- sollen. Ein französisches Sagenbuch erzählt sie in folgenden. Wor-: ten, wie sie der Verfasser vor einigen Jahrzehnten vonestem algeirischen Juden vernommen. Als die MohamedaNer Spanien beherrschten, besaßen die Inden Handels- und Religionsfreiheiten'. Als aber die Christen die Mauren immer weiter zurücktrieben, dauerte es nicht lange, bis Bedrückungen und Verfolgungen ansingen, welche Leben. und Eigcnthum gefährdeten. Im Jahre 1390 wurde der Rabbi von Sevilla, Smidja, mit sechzig der - vornehmsten Familienhäupter gefangen und In Ketten gelegt. Dieser Vorgang leitete eine ganze Reihe höchst grausamer Maßregeln ein. Bereits war der Tod des ' Rabbi und seiney Mitgefangenen beschlossen, und der Tag der Hinrichtung festgesetzt als die Ungücklichen durch ein Wunder gerettet wurden. Während Me anderen sich der Verzweiflung überließen, blieb der Rabbi MM ruhig und gefasst. Plötzlich begannen seine Augen M glänzen, stjn Gesicht sttahlte. er ergriff ein Stuck Kalk, . zeichnete'kWHchU an die Wand des Kerkers und sprach zu seinen Genossen: Wer von Euch auf Gott vertragt und mit mir ünserm Kerker enttinnen will, lege seinen Finger aus das Schiff." Sämmtliche Gefangenen legten die Zeigefinger auf die Zeichnung, diesich sofort in ein wirkliches Schiff verwandelte; dieses setzte sich , in Bewegung, durcheilte zum großen Erstaunen der Einwohner Sevillas Hie -Straßen der Stadt und gelangte, mit allen Personen an Bord, zum Meere. Der Wind fuhr in die Segel und-trieb es nach , dem Hafen von Algier, welche Stadt damals nur, von Mahomedanern bewohnt war. Die Juden baten um Aufnahme und erzählten,: in welcher wunderbaren Weise sie aus der Noth gerettet worden waren. Die Bewohner des Landes befragten aber erst einen sehr'׳ angesehenen Marabu m Miliana, der die Aufnahme der Kinder - Israels anempfahl. — Es wird hinzugesügt, dass die Einwohner - von Algier in sonderbarer Weise von der Wahrheit der Erzählung,- überzeugt wurden, indem das Schiff am folgenden Morgen spurlosverswunden war. Damaskus. Folgende interessante Details über unsere in Damaskus wohnenden Glaubensgenossen entnahm die ״Jüd. Pr."'׳ einer italienienischen Monatsschrift: ״In Damaskus-gibt es etwa 2000 Israeliten, wovon mehr als 1500 Handwerker sind. Die meisten sind Baumwollen- und Seidemveber. Auch sind die Maurer, Zinrmerleute, Färber und Goldarbeiter vielfach darunter vertreten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.