Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 4 (29.1.1888)
- Date
- 1888-01-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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mütterlichen Erde losgerissen, vogelfrei gestellt, haben sie nur ein Gut, und das ist die Religion, haben sie nur ein Buch, und das ist die Bibel, die allerdings für sie eine nie versiegende Quelle der Belehrung, des Trostes, ja sogar der Freude mitten im größten Unglück wurde. Das Wort des frommen Sängers: ״Wenn das Studium deiner Lehre mir nicht Freude bereitet hätte, wäre ich lange schon in meinem Unglücke zu Grunde gegangen", es fand mächtigen Wiederhall, Glauben, Bethätigung und Verwirklichung in Israels schmerzvollen Tagen. Rituelle Fragen werden in gleicher Weise vor und nach der Vertreibung in spanischer Sprache erledigt, und gerade dieser Theil Bietet für die sprachlichen Untersuchungen reiche Ausbeute, weil die Autoritäten auf diesem Gebiete spanische Juden waren. Die Stellung der Juden in Spanien und die Vertreibung derselben bis zu ihrer endgiltigen Vertreibung (1492) sind bekannt, Amador de los Rios hat sie im erwähnten Buche eingehend beleuchtet. Einzig in der Geschichte dastehend ist es aber, dass ein Volk, das in der Fremde, fern vom Heimatslande, zu leben gezwungen ist, ׳ während vierhundert Jahre treu die heimatliche Sprache bewahrt hat und in derselben bis auf die Gegenwart litterarisch thätig gewesen ist. Und diese Litteratur ist durchaus nicht, wie man anzunehmen geneigt sein könnte, auf das religiöse Gebiet beschränkt. Im Gegentheil erscheinen neben Veröffentlichungen religiösen Inhalts, die sich mit Talmudstudium, der Neugestaltung des Judenthmns und ähn- ' lichen Fragen beschäftigen, solche politischen, belletristischen und humoristischen Inhalts, wenngleich ich glaube, dass der nivellirende Zug -unserer Zeit, auch diese Litteratur bald vollends beseitigen wird, wes- "halb es doppelt/ interessant ist, diese l.tzten Spuren kennen zu lernen, ehe sie ganz verwischt sind. . Als Mittelpunkte der spanisch-portugiesischen Juden sind vornehmlich zu nennen: Wien, Budapest, Amsterdam, Hamburg, Eonstantinopel, Salonichi, Smyrna und endlich Jerusalem. In Wien hatte ich Gelegenheit, die litterarische Thätigkeit der dortigen Colonie zu beobachten, Dank der Bekanntschaft mit den Redacteureu der daselbst in spanischer Sprache, mit hebräischen Buchstaben gedruckten, zweimal wöchentlich erscheinenden politischen Blätter LI Correo de ^Vienna und La Politica und der belletristischen Monatsschrift La : guerta de historia. Der verdiente Mann hieß A. Semo; er hat sich große Verdienste um.die Erhaltung der spanischen Sprache unter seinen Glaubensgenossen erworben. j Eine wahrhaft überraschende journalistische Thätigkeit entfalten die spanischen Juden indessen im Orient: in Constantinopel erscheinen zwei politische Blätter, Li' Nacional, dreimalwöchentlich, unter der Leitung von Dario Fresco. Neben der Politik beschäftigt sich diese Zeitung mit Handel, Litteratur und Wissenschaft. Das Format ist demjenigen des Pester Lloyd gleich. Das andere Blatt heißt LI Tiempo und erscheint ebenfalls dreimal die Woche. Diese fast ausschließlich politische Zeitung soll gegen 2000 Abonnenten haben.. In Salonichi, wo am zahlreichsten spanische Juden leben, erscheine die Zeitung La Lpoca, reviota politica, comercial y literaria. In Smyrna erscheint die L8peran2a alle Donnerstag unter der Leitung Josef Ehasan's. Diese Stadt ist überhaupt der wichtigste Ort für die gegenwärtige Litteratur der spanisch-portugiesi- Men Juden. Dickleibige Romane, Dramen und Comödien erscheinen daselbst alljährlich. Auch fehlt es nicht an humoristischen Zeitschriften, wie die noch kürzlich in Wien erscheinende Wochenschrift Risibisi, d. h. etwa -Lachpillen, und deren Wahlspruch lautete: sabio y loco, de todo un poco. Derselbe gab gemeinsam mit dem erwähnten Semo in den Jahren 1857—60 den El Dragoman heraus. In Constantinopel erscheint ein rein litterarischen Interessen dienendes Blatt unter dem Titel Ll lsraelita. Hier erwähnt zu werden, verdient die 1553 in Ferrara herausgegebene und in reinstem Spanisch abgefasste Bibelübersetzung. Haben wir demnach die Ueberzeugung gewonnen, dass die syanisch-portugiesischen Juden mit inniger, «ngeheuchelter und uneigennütziger Liebe und Treue an dem Lande ihrer Vorfahren hängen, so kann es nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass die Rückkehr der Juden nach Spanien berechtigt ist. Der in Nummer 2 der Spanisch-deutschen Revue (Madrid) veröffentlichte Brief des schlichten Juden gibt der überwältigenden Freude darüber Ausdruck, dass es feinen Glaubensgenossen gestattet sein soll, spanischen Boden betteten "und spanische Luft athmen zu dürfen. Mit der Sprache steht und fällt ein Volk, und diese spanische Sprache hielten und hatten die spanischen Juden so hoch wie nur irgend ein Spanier mit der ganzen feurigen Begeisterung berechtigten Stolzes auf's Mutterland. Die Sache unseres Jahrhunderts ist es, den religiösen Glauben als Privatsache zu bettachten; möge Jeder auf seine Facon selig werden. Es ijt die Pflicht des Landes der Inquisition, das verheerende Flammenfeuer von ehemals von den erwärmenden Lichtstrahlen wahrer Humanität vergessen zu machen. Der Cultns -er Äbeßymer. Die in Rom erscheinende ״Italie“ veröffentlicht nachfolgenden Bericht vom italienisch-abeffynischen Kriegsschauplatz, der uns zugleich einen interessanten Einblick in den eigenthümlichen Cultns der Abessynier gestattet. ״Der Negus (König Johannes) in Axum." Man telegraphirt aus Massauah, den 2. Jänner an den ״Rn ovo Corriere del Muttino": ״Der Negus ist einen ganzen Tag und eine ganze Nacht im Gebete vor der Umfassungsmauer, wo man die heilige Bundeslade aufbewahrt, geblieben. Am anderen Tage nach Sonnenaufgang ist er in den Tenipel (Kirche) eingettetcn. Er wurde dort von den Häuptlingen der jüdischen Stämme empfangen, welche ihm dann die Schätze des Heiligthums zur Bestreitung der Kriegskosten einhändigten. In der Mitte blutiger Opfer, die nach dem alten Ritus der Juden dargebracht wurden, hat der Negus geschworen, die Ungläubigen (Italiener) auszurotten und hat er zugleich auch seinen Titel ״Negus Negheft" (König aller Könige) auch den: ״Vernichtendes Schwert des Salomo" *) hinzugefügt." — Zur Erklärung dieser sonderbaren Depesche bemerkt der römische Korrespondent des oben citirten Mattes: Die Stadt Aksum ist uralt und wird sie schon von dem griechischen Geographen Ptolemäns erwähnt. Rach abessyuischen Quellen soll dieselbe schon zur Zeit des ersten Tempels existirt haben. Sie war auch eine Zeit lang die Residenzstadt der abessynischen Herrscher, die in ihr dann eine der Mutter des Stifters des christlichen Glaubens geweihtes Gotteshaus, welches heute als die heiligste Stätte Abessyniens betrachtet wird, erbauten. Wie in den griechisch-russischen Kirchen, so gibt es auch in den abeffynischen ein ״Allerheiligstes", das sich gleich hinter dem Altäre befindet, und das nur der Priester allein betreten darf. In diesem ״Allerheiligsten" werden die Bücher bes alten und neuen Bundes aufbewahrt, und dessen Wände' sind ringsum mit Heiligenbildern geschmückt. In der genannten Kirche zu Aksum befindet sich eine Nachahmung der von Moses angefertigten Bundeslade, in welcher die heiligen Schriften aüfbewahrt liegen. Der! Negus. der als höchst fanatisch bekannt LUM^Mn, wie die Depesche | meldet, volle viernndzwanzig Stunden yM^WMEingange. zu diesem Gotteshause, also im Vorhöf, im Gebete. veröWht, um so den Bei- *) Die Könige Äthiopiens.«der Abessyniens! behaupten, von ־ Salomo und der Königin von Sabä abzustammen undbetrachten sie stlh Naher welche der zu früh verstorbene Jose Calvo veröffentlichte l noch heute als znm Hause David gehörend. ..-;jV'-v