Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-01-21 · Heft 3 (21.1.1888) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 3 (21.1.1888)
Date
1888-01-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453133--2379-3456621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 2 — Gotte betende Mensch dieses Gebet auch durch die.Macht des Gesanges oder der Musik unterstützt wissen will. Wir vermeinen mit der verzeichneten chronologischen Zusammenstellung insofern recht gehandelt 'zu haben, indem den altern Werken das Prioritätsrecht des schon Dagewesenen zuerkannl werden muß, von denen die Nachfolgenden gelernt oder deren geistige Richtung sie in ihrer eigenen Individualität zuförderst verarbeiteten, um dann in gutem oder minder gutem Sinne ihre eigene Bahn zu wandeln. Für uns, und wir meinen auch für die Geschichte des Lynagogengesanges, ist Jedermann bedeutungsvoll, der seine Kraft und seine Arbeit diesem heiligen Gegenstände zuwendete, und wir haben lediglich zu untersuchen und festzustellen, nach welcher Richtung und in welchem Grade er demselben nützlich geworden. Diese Vorausschickung erachten wir als nothwendig, um etwaigen Mißvergnügten die Meinung zu rauben, als vindicirten wir uns ein Urtheil und ein KlassifikationsreLt bezüglich der Composttionen und deren Autoren, indem wir dieser oder jener Composition oder diesem oder jenem Componisten einen willkürlichen Standpunkt anweisen, der ihm nicht gebühre. Wir glauben es während der ansehnlichen Folge der vorliegenden Arbeit zur Genüge bewiesen zu haben, dass nicht Willkür oder persönliches Gutdünken unsere Feder führt, sondern dass tiefer Ernst der Untersuchung uns stets die Mittel an die Hand gibt, unsere Leser durch vorgeführte Demonstrationen m i t uns denken und urtheilen zu lassen; diesen Standpunkt wollen wir auch fürder beibehalten. Wie wenig berechtigt wir nun auch sein mögen, auf synagogalgesanglichem Gebiete von Klassikern und Romantikern im weitern Sinne sprechen zu dürfen, ebenso sehr drängt es uns die Bezeichnung ״Romantiker" für die weiters zu behandelnden Autoren und ihre Werke im cngern Sinne festhalten zu müssen, wenn wir unser Augenmerk von den unter allen Verhältnißen gleich bleibenden Gebettexten abwenden und lediglich die Musiksubstanz dieser modernen Componisten einer Beurtheilung unterziehen. Jedwedes Kunstwerk ist das Produkt von Phantasie und Empfindung durch gegebene Künste mittel technisch verarbeitet; die letzteren können durch Emsigkeit und Fleiß bis zu einem gewissen Grade erworben werden, niemals doch die erstere, diese resultiren aus den uns umgebenden Verhältnißen; Jugendeindrück׳-, Erziehung, Bildung, die lebendige Anschauung anerkannter Kunstschöpfungen wirken auf unsere Empfindungswelt oder verleihen der eigenen Phantasie Schwungkraft und Elastizität. Simplicius, dem im Walde Erzogenen, fehlt der Begriff ״Mensch" und es nimmt durchaus nicht Wunder, dass er die an ihn heranstürmenden Krieger für Teufel und Hexen hält. Dasselbe ist auch auf künstlerischem Boden der Fall. Wir empfangen wahrlich niemals einen erschöpfenden Eindruck irgend einer Kunstschöpfung, wenn dieselbe unserem Anschauungsvermögen nicht näher gebracht wurde, und sicherlich wird jene Kunstrichtung, die zu bethätigen wir oft Gelegenheit haben, unsere Phantasie und unsere Empfindung mächtiger anregen, als sine Kunstzweige, tie unserem Anschauungsvermögeu zum Theile oder ganz entrückt erscheinen. Die Phantasie eines Musikers, der in einem weltvergessenen Städtchen geboren und erzogen, dem es auch später nicht vergönnt war, die Luft künstlerischer Bethätigung zu athmen, dem schon eine schlechte oder mittelmäßige Opernaufführung in irgend einem Provinztheater als Kunstparnass imponirte, muß doch selbstredend eine andere Richtung nehmen, als die Phantasie eines solchen Musikers, in dessen Elternhause schon erkleckliche Musik getrieben wurde, dem das Musikleben einer Residenz es ermöglichte, an gediegcnen Symphoniekonzerten, Oratorienaufführungen rc. sich zu sättigen und heranzubilden. Wem es weiters verstattet war, die Mcisterschöpfungen Händels, Bach, Mozarts, Beethovens zu studieren und deren Geist in sich aufzunehmen, der wird sicherlich auch in seinem eigenen Tongebilden jene, diesen Kunstheroen anhaftenden Merkmale zum Ausdrucke bringen, wie derjenige, der in der Athmosphäre eines Freischütz, Nachtlager, Elias, Pantus rc. sich vergnügte und vertiefte, anch bei seinen eigenen Arbeiten sich unmöglich den Zauberbanden dieser bestrickenden Einwirkung zu entwehren im Stande sein dürfte. So trugen einige der von uns erCautertcu Werke nur zu deutlich das Gepräge Händel's, Mendelsohn's, Schuberts und so tragen die Composttionen der vorzuführenden Autoren offenbar die Merkmale jener Musikgattung, wie dieselbe bei den Vertretern der romantischen Richtung anzntreffen ist, dass wir wohl berechtigt scheinen, auch diesen das Epitheton Romantiker beizulegen, wenngleich sie es im strengen Sinne auch nicht sind. Diese, von den synagogalen Romantikern stammenden musikalischen Schenkungen dürfen jedoch keineswegs, im Gegensätze zu jener ernsten Musik der Alrvordern, als leichte angesehen werden, sie erscheinen in der That nicht leichter, tändelnder, sondern, wenn wir uns des Ausdruckes bedienen durften, liebenswürdiger, freundlicher, zierlicher und werden ganz bestimmt einen 'großen, wenn nicht gar größeren Anerkennungskreis erringen, falls dieselben als dasjenige betrachtet werden, was sie eigentlich sind, als ״holde Gaben einer freundlichen Muse." Die nächstfolgenden Aufsätze sollen nun die Vorführung einiger nach der angedeuteten Richtung für die Synagoge bemerkenswerther Componisten zum Gegenstände haben, und werden wir nach wie vor bestrebt sein, durch kritische Erläuterung unseren Lesern den Nachweis zu erbringen, dass es so Manchem trotz der Ungunst der Abstammungs- und Erziehungsverhältniße dennoch gelungen, sich zu anerkennenswerther Höhe emporzuschwingen und edle Kunstblüthen heranreifen zu lassen, falls, wenn auch später erst, der befruchtete Thau der Förderung die schlummernden Fähigk iten weckte und zu edler Arbeit ermuthigte. Als einen der genialsten Vertreter dieser Richtung nennen. wir den Chordirigenten der isr. Cultusgemeinde m Arod, Herrn Adolf G r ü n z w e i g. (Fortsetzung folgt.) Wahrheit und Dichtung. (Bilder aus dem Leben der Erzväter, historisch, allegorisch, mytisch und exegetisch.) HL Me Avraham zur Hotteserkermtnis getaugt. ״Gottesfurcht ist der Anfang alles Wissens," so lautet ein Ausspruch des weisen Salomon (Spr. 1, 7). Dieser Spruch belehrt uns, dass man die Jugend frühzeitig mit Gott bekannt mache, seine Lehre sel schon ihr Wiegenlied. Beim Kinde beginnt das Wissen, wie es schulpstichtig wird, da aber die Gottesfurcht der Anfang alles Wissens ist, so muß die Religion dem Wlssen vorangehen. Das Kind muß schon im Elternhause mit Gott bekannt gemacht werden. Man hat lange darüber gestritten und der Streit ist noch heute nicht beendiget, ob man früh oder spät das Kind mit Gott und seiner Lehre bekannt mache. Die Religion hat längst entschieden, sie lehrt: ״Kinderlallen befestiget das Weltenreich" (Ps. 8, 3). Lallend und doch das schönste und herrlichste Hallelujah! Das schönste Lied im Familienhause ist ein Kindesgebet. Nicht dass die Kleinen im Elternhause Religionslehre üben sollen, dazu sind sie noch nicht zu verhalten, das bleibt der Schule überlassen, aber es gibt auch eine anschauliche Religionslehre. Das Wirken und Leben mt Familienhause, das Muster und Vorbild der Familienglieder- Hört das Kind im Hause den Namen Gottes nennen, Gott loben, ihm danken, zu ihm beten, so ahnt es

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.